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Prof. Dr. med. Mazda Adli ist Psychiater und Stressforscher. Er ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Foto: Fliedner Klinik Berlin
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75 Visionen für Berlin – Folge 22 "Bauen wir uns Fluchtwege aus dem Stadtstress"

Mazda Adli

Berlin inspiriert uns – kann uns aber auch psychisch krank machen. Weitsichtige Stadtplanung könnte dieses Risiko begrenzen.

Mein Berlin von morgen stresst nicht. Ganz im Gegenteil, es tut uns seelisch und emotional gut. Aus beruflichen Gründen und als begeisterter Wahl-Berliner beschäftige ich mich schon lange damit, wie die ideale Stadt für ihre Bewohner sein soll. Stress spielt dabei eine zentrale Rolle.

Wir Psychiater und Stressforscher können klar sagen: Die Stadt kann psychisch krank machen – unter bestimmten Umständen. Das Risiko für eine Depression zum Beispiel ist um das Anderthalbfache erhöht, für eine Schizophrenie sogar um das Zwei- bis Dreifache, je nachdem ob man zusätzlich noch in der Stadt aufgewachsen ist. Je größer die Stadt, desto höher das Risiko. Und der Großraum Berlin wächst seit Jahren stetig.

Warum aber reagiert unsere Psyche so empfindlich auf das Leben in der Stadt? Sie bietet uns doch viele Vorteile: So ist die Auswahl an Bildungs- und Kulturangeboten enorm groß, die Gesundheitsversorgung gut, die Möglichkeit, die eigenen Interessen zu verfolgen sind gegeben und sogar die Chance auf Wohlstand ist besser als auf dem Land.

Es hat etwas mit Stress zu tun. Um es klar zu sagen: Stadtstress kennen wir alle. Und er ist auch nicht grundsätzlich schädlich. Aber Stress in der Stadt hat zwei Gesichter. Es gibt den Stadtstress, der uns stimuliert und der vor allem die kulturelle Lebendigkeit der Stadt ausmacht, der unser Gehirn aktiviert und uns als Bewohner und Besucher der Stadt inspiriert. Anderseits sind wir Stadtbewohner psychisch belasteter. Womit unser Gehirn offenbar nicht gut zu Recht kommt, ist sozialer Stress. Das zeigen neurowissenschaftliche Befunde.

[Gastautor Prof. Dr. med. Mazda Adli ist Psychiater und Stressforscher. Er ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen der Charité – Universitätsmedizin. Lesen Sie hier ein Interview aus dem Februar 2020]

Dabei ist es vor allem der unentrinnbare Stress, den wir als unkontrollierbar empfinden, der uns zu schaffen macht und auf Dauer unserer Gesundheit schaden kann. Und chronischer sozialer Stress kommt in der Stadt häufig vor. Sozialer Stress ergibt sich zum Beispiel aus dem Gefühl unkontrollierbarer Dichte oder auch aus dem Gefühl nicht überwindbarer Isolation. Dafür ist eine Metropole wie Berlin ein perfekter Nährboden. Dann nämlich, wenn soziale Dichte und Anonymität Hand in Hand gehen. Und wenn man mit der Anonymität keinen Umgang findet oder noch andere Risikofaktoren hinzukommen, wie zum Beispiel Isolation, Ausschlusserfahrung, Einsamkeit, räumliche Enge oder einem Mangel an Zugehörigkeitsgefühl, wird die Mischung toxisch.

Wir müssen also handeln: Berlin braucht ein umfassendes Konzept für seelische Gesundheit. Unser Berlin von morgen braucht eine „Urbane Mental Health Strategie“. Stadtplanung und Stadtpolitik müssen mit sozialen und gestalterischen Maßnahmen die soziale Stressbelastung für den Einzelnen verringern und gleichzeitig den Zugang zu den Vorteilen der Stadt gerecht verteilen.

Fußgänger und Radfahrer überqueren die Wichertstraße an der Kreuzung Schönhauser Allee. Gastautor Mazda Adli wünscht sich mehr öffentliche Orte, die zum Verweilen einladen und Schutz vor Lärm bieten. Foto: imago/Seeliger Vergrößern
Fußgänger und Radfahrer überqueren die Wichertstraße an der Kreuzung Schönhauser Allee. Gastautor Mazda Adli wünscht sich mehr öffentliche Orte, die zum Verweilen einladen und Schutz vor Lärm bieten. © imago/Seeliger

Dafür brauchen wir in erster Linie mehr öffentliche Räume, wo man sich gerne trifft. Sie sind wie Medizin gegen soziale Isolation, einem der wesentlichen seelischen Krankmacher in der Stadt. Solche öffentlichen Räume sind nicht nur Innenstadtplätze und Parks, sondern auch Bürgersteige, die breit genug sein müssen, um echte Verweilzonen zu sein. Es sind aber auch unkonventionell genutzte Flächen wie Baubrachen, wo Kinder Flohmärkte veranstalten und die offen sind für Mittagspausen oder ein Schwätzchen mit Nachbarn. Von Grünflächen wissen wir sogar, dass sie sie die Stressspitzen im Gehirn abmildern und unser psychisches Wohlbefinden stabilisieren.

Wichtige Begegnungsräume sind natürlich und vor allem auch Kulturorte. Jedes Theater hat daher auch einen Gesundheitsauftrag, weil es als Begegnungsraum sozialer Isolation entgegenwirkt und die Erfahrung eines gemeinsamen Theaterabends die soziale Kohäsion fördert. Das wirkt gegen sozialen Stress. In der Pandemie erleben wir gerade wie das Leben verarmt und es an emotionalem Ausgleich mangelt, wenn die Kultur fehlt. Berlin ist mit Kulturräumen reich beschenkt. Mein Berlin von morgen ist sich dieses Reichtums bewusst und öffnet ihn für so viele Menschen wie möglich.

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Ein weiterer wichtiger Faktor ist Wohnungsbau. Dichtestress nennt man es, wenn es einfach zu eng, zu voll, zu laut ist. Mein Berlin von morgen sorgt dafür, dass Häuser und Wohnungen so gebaut sind, dass sie Rückzug von der Betriebsamkeit der Stadt ermöglichen, wenn man das braucht. Und die Straßen in denen wir wohnen, sind so gestaltet, dass wir gerne vor die Tür treten, egal wie alt oder wie jung wir sind. Denn die Zeit vor der eigenen Haustüre schützt vor sozialer Isolation.

Die Ursachen und Auswirkungen von Stadtstress müssen wir weiter erforschen. Im Jahr 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben, schätzen die Vereinten Nationen. Heute ist es etwas mehr als die Hälfte. Wir haben also keine Zeit zu verlieren: Neue Forschungsprogramme müssen her, in denen verschiedene Fachrichtungen und Disziplinen zusammenarbeiten: Gesundheitswissenschaftler und Stadtforscher, Praktiker aus Städtebau und -planung, Vertreter von Verwaltung und Politik auf Bezirks- und Senatsebene sowie zivilgesellschaftliche Akteure aus den Kommunen. Wir alle müssen unsere Erkenntnisse gemeinsam nutzen. Um für ein Berlin zu sorgen, dass unserer Psyche gut tut und seinen Bewohnern ein chancenreiches, inklusives und kulturell reiches Leben ermöglicht.

[Lesen Sie alle bisher erschienen Folgen unserer Serie "75 Visionen für Berlin" hier.]

In Berlin gibt es einen solchen Schulterschluss bereits: Als eine Gruppe von Wissenschaftlern von Technischer Universität, Humboldt Universität, Freier Universität und Charité haben wir gemeinsam mit Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft das „Interdisziplinäre Forum Neurourbanistik“ zur Erforschung von psychischer Gesundheit in der Stadt ins Leben gerufen. Ein erstes Ergebnis der fachübergreifenden Arbeit ist die „Charta der Neurourbanistik“ mit Handlungsempfehlungen zu neun Bereichen städtischen Lebens (www.neurourbanistik.de). Im kommenden Jahr sind dann auch die Bewohner der Stadt aufgerufen, teilzuhaben: Unter dem Titel „Die Emotionale Stadt“ untersuchen wir gemeinsam mit dem Futurium und weiteren Partnern, welche urbanen Faktoren unser psychisches Wohlbefinden in Berlin beeinflussen. Alle Berlinerinnen und Berliner sind dann eingeladen, über eine App eine große, gemeinsame Emotionsstadtkarte mitzugestalten. Sie kann als Grundlage für die „Urbane Mental Health Strategie“ dienen, die wir so dringend brauchen.

Aus Sicht der Wissenschaft haben wir mit unserer Stadt übrigens viel Glück. Berlin ist (noch) mit viel öffentlichem Raum gesegnet, der auch eifrig genutzt wird. Berlin ist voller Grün und voller Gewässer. Und es ist eine Stadt mit erheblicher kultureller Vielfalt. Kurz: Berlin macht vieles richtig. Wenn auch nicht immer geplant und absichtlich.

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