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Gespräche - gerade mit Menschen, die wir noch nicht oder nur flüchtig kennen, sind enorm wichtig für den sozialen Zusammenhalt, argumentiert Soziologin Talja Blokland. Foto: mauritius images / Maskot
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75 Visionen für Berlin – Folge 19 Die Stadt braucht dringend wieder mehr Zeitverschwendungen

Talja Blokland

Bummeln auf der Straße, Zufallsbegegnungen mit Fremden: Klingt wie Zeitverschwendung, ist aber enorm wichtig fürs soziale Gefüge. Eine soziologische Erklärung

Digitalisierung ist eine tolle Sache, wenn es darum geht, Akten aus verstaubten Büros zu verbannen. Radikaler sozialer Wandel aber braucht weniger statt mehr digitales Leben!

Das erleben wir gerade jetzt: Während der aktuellen Covid-19-Beschränkungen verlagern wir Tätigkeiten, für die man bisher vor die Tür gegangen ist, ins Digitale. Ich plädiere dafür, dass wir die meisten dieser Angewohnheiten so schnell wie möglich wieder aufgeben, sobald die Pandemie im Griff ist. Mich besorgt vor allem die Art und Weise, wie wir die vielen Dinge online erledigen, einfach weil es ja so bequem ist. Diese Dinge werden so zur Normalität.

Eine situationsbezogene Normalität, so wie die Soziologin Barbara Misztal sie beschreibt, setzt sich zusammen aus Gewohnheiten, die wir annehmen und als „normal“ auffassen, weil wir an sie gewöhnt sind, und Gewohnheiten, die sich perfekt in unseren Alltag einfügen. Ob die meisten von uns sie für moralisch richtig halten, steht auf einem anderen Blatt. Oder, um es mit der Hamburger Band Kettcar zu sagen: „Nur weil man sich so dran gewöhnt hat, ist es nicht normal“ (aus dem Song „Deiche“).

Diese beiden Formen der Normalität sind miteinander verflochten: Wenn wir also Dinge immer auf dieselbe Weise erledigen, gewöhnen wir uns daran, obwohl wir im tiefen Inneren spüren, dass sie nicht richtig sind. Trotzdem halten wir daran fest. Dabei geht der Übergang von „sich an etwas gewöhnen“ hin zu einer Situation, in der wir die Angewohnheit normativ nicht mehr hinterfragen, langsam vonstatten. Dieser Zustand schleicht sich unbemerkt ein – sofern wir uns nicht dessen bewusst machen und aktiv dagegen vorgehen.

[Talja Blokland (49) ist Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie und Direktorin des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung an der Humboldt-Universität. Gemeinsam mit mit Professorin Johanna Hoerning leitet sie ein Forschungsprojekt zu „Sozialen Konsequenzen von Corona“. Blokland ist Autorin mehrerer Bücher zum Leben in der Großstadt. Lesen Sie hier einen anderen Aufsatz der Autorin zum Thema (Tagesspiegel Plus).]

Es ist besonders wichtig, in diesen Tagen darüber zu sprechen, weil Begriffe wie „das neue Normal“ die Runde machen. Dabei sollten die zahlreichen Konsequenzen, die die Beschränkungen wegen Covid-19 für den sozialen Zusammenhalt in unserer Stadt haben, niemals als „normal“ angesehen werden. Sobald wir beginnen, sie nicht nur situationsbedingt als „normal“ zu empfinden, werden sie zum neuen Normativ mit dem Risiko, dass sie länger bleiben als epidemiologisch notwendig wäre.

Die nötigen Gegenmaßnahmen, die wir sobald es geht wieder aufnehmen sollten, könnte man unter der Überschrift „Zeit verschwenden im öffentlichen Raum“ zusammenfassen. Es geht ums Herumstehen ohne triftigen Grund in Straßen und auf Plätzen, in Bars und Clubs gehen, ums Schaufenster-Shoppen, Rumhängen an der Kaffeemaschine im Büro, ums endlose Warten darauf, dass jeder seinen Sitzplatz eingenommen hat beim Treffen des Quartiersmanagements. Es geht darum, den ganzen Tag bei der Weiterbildung zu verbringen, nur um etwas zu lernen, was man locker hätte in drei Stunden online lernen können. Es geht um das noch eine Runde Bier bestellen, obwohl die eisernen Fußball-Götter den Platz schon lange verlassen haben...

Stargarder Straße in Berlin-Prenzlauer Berg: Hier sieht man in diesen Wochen bei gutem Wetter ständig Zweier-Gruppen mit Getränkebechern stehen oder auf Bänken sitzen. Foto: imago images/Seeliger Vergrößern
Stargarder Straße in Berlin-Prenzlauer Berg: Hier sieht man in diesen Wochen bei gutem Wetter ständig Zweier-Gruppen mit Getränkebechern stehen oder auf Bänken sitzen. © imago images/Seeliger

Bei digitalen Elternabenden fehlt das Schwätzchen vor der Tür

Nehmen wir einen ganz speziellen „Zeitverschwender“ als Beispiel: Elternabende. Manche Schulen und Kitas sind dazu übergegangen, diese digital abzuhalten. Und das haben einige Eltern in sozialen Medien bejubelt. Klingt doch perfekt: keine Not mehr, einen Babysitter zu finden, die Tagesordnungspunkte lassen sich flott abarbeiten, es gibt weniger endlose Diskussion über vermeintliche Banalitäten. Man zieht sich nur die nötigsten Infos rein – und fertig. So kann man den Elternabend bequem auf dem Sofa sitzend von der langen To-do-Liste streichen. Vor allem sparen wir Zeit, weil wir danach nicht mehr plaudernd vor dem Klassenzimmer mit anderen Eltern herumstehen. Aber geht nicht auch etwas verloren, wenn diese kurzen Begegnungen plötzlich fehlen?

Vor ein paar Jahren habe ich mit Dr. Julia Nast untersucht, wie gesellschaftliche Ressourcen zwischen Familien aus unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen ausgetauscht werden. Wir haben uns dafür eine Schule mit besonders vielen verschiedenen Migrationshintergründen angeschaut. Wir wollten wissen, wie Eltern zum Wohle ihrer Kinder etwas erfahren können – über den außerschulischen Musikunterricht, Fettleibigkeit oder Sprachtherapie, wenn sie das nicht über offizielle Kanäle der Schule und des Staates tun? Die Antwort: Sie tun es über soziale Kontakte mit Eltern, die zwar ähnliche Vorstellungen darüber haben, was wichtig ist für ein Kind, aber aus einem völlig anderen sozialen Hintergrund kommen können. Sie erhalten wichtige Informationen durch zufällige Kommunikation.

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Einige dieser Dinge erfahren wir durch soziale Kontakte wie Freunde und Familie, durch Leute, die wir von außerhalb des schulischen Kontexte kennen. Soziologen sprechen von starken Netzwerken, wenn solche Beziehungen eng geknüpft sind und die Kommunikation intensiv ist. Das Problem mit solchen Netzwerken ist, dass wir darin vor allem Dinge lernen, die wir eh schon wissen und in solchen Netzwerken Menschen stecken, die ähnlich ticken wie wir selbst.

Um etwas wirklich Neues zu lernen, und aus unserer Blase hinaus zu kommen, müssen wir Menschen treffen, die anders sind als wir, die Dinge anders tun und auch andere Ansichten haben, also zu Menschen, zu denen wir eigentlich nur lose Beziehungen pflegen.

Wenn ich zum Beispiel viel Geld habe, viele soziale Beziehungen und mich mit Leuten mit hoher Bildung umgebe (Soziolog_Innen sprechen von hohem ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapital), dann bin ich auf einem Elternabend eher geneigt, schnell durch die Tagesordnung zu gehen, um mich dann den für mich „wichtigeren“ Dingen zu widmen.

Wenn ich aber nur wenig Geld und wenig formelle Bildung habe, ist es für mich um so wichtiger, hier soziales Kapital zum Wohle meiner Kinder einzusammeln. In diesem Fall bin ich also viel abhängiger von dem, was Harvard-Professor Mario Small, „unerwartete Gewinne“ nennt: in den Routinen an Schule oder Kindergarten, erfahre ich als Elternteil beiläufig Dinge, von denen mir zunächst gar nicht klar war, dass ich sie wissen muss. Solches beiläufige Erlernen ist ungeplant.

Das ist es, was das Digitale nicht ersetzen kann: Ich kann zwar im Internet ein Suchwort eingeben – und genau das tun Leute, wenn sie höher gebildet sind. Aber man kann nur nach etwas suchen, von dem man auch weiß, dass es das gibt. Internetsuchen fördern eher, dass man von Neuigkeiten aus der Blase erfährt, in der man bereits steckt.

Talja Blokland, deutsch-niederländische Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Blokland ist Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie und Direktorin des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschun und Autorin mehrerer Bücher zum Leben in der Großstadt. Foto: privat Vergrößern
Talja Blokland, deutsch-niederländische Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Blokland ist Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie und Direktorin des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschun und Autorin mehrerer Bücher zum Leben in der Großstadt. © privat

Für Eltern geht es auch um Klatsch wie „Doktor A ist eine ausgezeichnete Kinderärztin, Doktor B leider nicht“. Oder es geht darum, Informationen zu teilen wie die, dass der „Berlinpass“ einen kostenlos ins Freibad bringt. Diese Begegnungen bieten uns also wertvollen Zugang zu Ressourcen, die nicht auf der Tagesordnung stehen und auch nicht von der Suchmaschine oder dem Algorithmus online bereitgestellt werden.

Zugang zu diesem beiläufig erworbenen Wissen geht verloren in diesen digitalen Elternabenden. Speziell Eltern, die man oft als „bildungsfern“ bezeichnet, haben besonders große Nachteile, wenn wir die Eltern dauerhaft aus den Schulen aussperren. Diese Situation bedroht das soziale Kapital jenseits der üblichen Grenzen von Herkunft und sozialer Schicht. Und das wiederum beeinflusst die soziale Ungleichheit in unserer bereits sozial sehr segregierten Stadt.

[Alle Folgen dieser Serie "75 Visionen für Berlin" können Sie hier nachlesen.]

Es sind natürlich nicht nur die Schulen und Kitas, die uns als Brücken zu wertvollen Informationen führen. Robert Putnam, der ebenfalls in Harvard lehrt, hat in 20 Jahren die These entwickelt, dass die Gesellschaft Clubs, Bars, Schulen und allen anderen sozialen und öffentlichen Einrichtungen braucht, weil wie gerade dort die beiläufigen Begegnungen machen, die für den soziale Zusammenhalt zwingend nötig sind. In „Bowling Alone“, erzählt er wie ein schwarzer Mann den passenden Nierenspender fand, weil er zufällig einen weißen Mann in der Bowling-Liga kennen gelernt hatte. Das Wort „beiläufig“ ist hier entscheidend.

Gemeinsame Zeitverschwendung - ein wichtiger sozialer Kitt

Halten wir fest, dass die derzeitigen Angewohnheiten unseres digitalen Lebens nicht zur Normalität werden sollten. Gemeinsame Zeitverschwendung mit Menschen, die wir kaum kennen: Das ist ein wichtiger sozialer Kitt!

Was epidemiologisch sinnvoll ist – also Zuhausebleiben und sich der eigenen Kleinfamilie zuwenden – ist ein Desaster für urbane Lebensräume wie Berlin. Wir dürfen das aktuell gebotene Normal und das normative Normal nicht vermischen, so wie es mitunter in öffentlichen Debatten geschieht. Wir müssen stets betonen und uns vergegenwärtigen, dass manche Angewohnheit nur einem epidemiologisch notwendigen Ausnahmezustand geschuldet ist, aber falsch bleibt. Andernfalls töten wir mit dem Virus auch das öffentliche Leben und das soziale Kapital dieser Stadt.

Missachten wir dies und machen einfach weiter so, dann erzeugen wir ein „neues Normal“, das nur die Position derjenigen stärkt, die heute schon ihre sozialen Bunker hinter der Windschutzscheibe ihrer SUV und ihrer kameraüberwachten Wohnungen eingerichtet haben. Und wir verspielen die Möglichkeiten, eine Stadt zu schaffen, die für alle funktioniert. Die Vielfalt und Freiheit, für die Berlin nach Aussagen unserer Spitzenpolitiker steht, braucht das Gegenteil von diesen aktuellen Beschränkungen.

Aus dem Englischen übersetzt von Kevin P. Hoffmann.

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