Versorgungsmaschinen in der Warteschleife. Auch auf dem Flugplatz Gatow herrschte Hochbetrieb. Foto: UPI/dpa
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70 Jahre nach der Berlin-Blockade Wie die Luftbrücke zum Mythos wurde

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Die Luftbrücke nach West-Berlin schuf Bilder, die sich ins kollektive Bewusstsein einprägten. Sieger und Besiegte wurden Partner. Ein Essay.

Was siebzig Jahre zurückliegt, ist Geschichte, abgeschlossene Zeit, Vergangenheit. Es sei denn, es hat die Kraft, zur faszinierenden Erzählung, zur Legende, zum Mythos werden zu können. Die Luftbrücke war dafür disponiert wie wenige Ereignisse in der Nachkriegsgeschichte. Sie dauerte ein knappes Jahr, vom Juni 1948 bis zum Juli 1949, aber zumindest in Berlin gehört sie zur eisernen Grundausstattung der Stadtgeschichte.

Und blickt man auf das Ganze dieser spannungsvollen, aufregenden, entscheidungsvollen Jahre, so kann man in der Luftbrücke durchaus einen wichtigen „Erinnerungsort“ sehen, also, nach der Definition des französischen Historikers Pierre Nora, ein Ereignis, in dem sich Geschichte „kondensiert, verkörpert oder kristallisiert“.

Wann immer ein Gedenkdatum das ferne Ereignis in den Horizont der Gegenwart der Stadt rückt – so wie jetzt die Wiederkehr ihres Beginns am 24. Juni 1948–, löst sie lebhafte Erinnerungen und ein Gefühl der Anteilnahme aus. Gewiss, auch diese Empfindungen werden mit dem wachsenden Abstand schwächer, die Erinnerungsanstrengungen mühsamer, und auch das Ereignis selbst sinkt langsam ins Halbdunkel der Historie zurück. Aber noch immer haben viele in Berlin eine Ahnung davon, was sie an diesem Gedenken haben.

Versorgung einer halben Stadt aus der Luft

Zum guten Teil hat das natürlich mit dem dramatischen Charakter der Luftbrücke selbst zu tun. Die Versorgung einer halben Stadt aus der Luft, die gewaltige, in kürzester Zeit aus dem Boden gestampfte logistische Maschinerie, der aufopferungsvolle Einsatz der Piloten und des Bodenpersonals, die Anteilnahme und das Mittragen des kühnen Unternehmens durch die Berliner – das alles verleiht der Luftbrücke Züge eines lokalen Heldenliedes. Zumal sie Geschichten und Bilder hinterließ, die sich ins kollektive Bewusstsein einprägten: die mächtigen, silbern glänzenden Flugzeuge über dem Häusermeer der Stadt, das unablässige Brummen der Motoren, das die Zeitgenossen nicht vergessen können, das Alltagsleben mit mageren Rationen und der für Stunden zugemessenen Stromzuteilung.

In Aufnahmen von ikonenhafter Suggestivität hat der deutsch-amerikanische Fotograf Henry Ries das Geschehen festgehalten. Und jedem, der über eine Spur Empathie mit dem Schicksal der Stadt und ihrer Bewohner verfügt, stehen die Bilder vor dem inneren Auge: Kinder, die auf einem Schutthaufen den Anflug eines Flugzeugs verfolgen, abgehärmte Gesichter vor Ruinen-Fassaden, auch die Trümmer einer abgestürzten Maschine.

Nicht zu vergessen die populären, fast folkloristischen Elemente der Operation wie die zum festen Begriff gewordenen „Rosinenbomber“, die Tüten mit Süßigkeiten abwarfen, und den unermüdlichen Piloten Gail Halvorsen, der zu einer Art Luftbrücken-Maskottchen geworden ist. Mit alledem ist die Geschichte der Luftbrücke für die Stadt im Laufe der Jahre zu einer Art Berliner Ballade vom Überleben und Durchhalten geworden.

Ein epochales Ereignis war diese Luftbrücke aber auch schon deshalb, weil sie eine technisch-logistische Leistung darstellte, die man sich bis dahin nicht hatte vorstellen können. Dass man eine Großstadt für längere Zeit aus der Luft versorgen könne, hielt niemand für möglich. Der Entschluss, es trotzdem zu wagen, war ein Abenteuer.

Amerikaner und Engländer zogen weltweit alle Flugzeuge und Besatzungen zusammen, um mit ihnen die von den Sowjets verhängte Blockade zu brechen, und die Franzosen, deren fliegerische Kapazität gering war, leisteten ihren Beitrag zur Luftbrücke, indem sie in nur drei Monaten den Flughafen Tegel bauten. Auf den dann drei Flughäfen – Tempelhof, Gatow und Tegel – landeten auf dem Höhepunkt der Operation die Flugzeuge im Minutentakt. Eine Schlacht noch im Schatten des eben erst beendeten Krieges, die eine eindrucksvolle humane Aktion war.

Sowjets verzichteten auf Störung der Luftbrücke

Für Berlin ist die Bedeutung dieses drastischen knappen Jahres gar nicht zu überschätzen. Wahrscheinlich sind nur Mauerbau und Mauerfall Einschnitte mit vergleichbar weit ausstrahlender Wirkung. Die Blockade, auf die die Luftbrücke antwortete, war ja nichts anderes als eine Attacke auf die Existenz des westlichen, demokratischen Teils der Stadt. Dabei stellte die Sowjetunion dessen politische Existenzgrundlage, den Viermächtestatus, gar nicht ausdrücklich in Frage. Sie verzichtete sogar darauf – was für sie ein Leichtes gewesen wäre –, die Luftbrücke militärisch zu behindern. Auch die Grenze zwischen West-Berlin und dem Umfeld blieb passierbar und es gab auch Berliner, die bei den Bauern in Brandenburg einkauften.

Das waren die Luftkorridore für die Luftbrücke 1948-1949 - bitte anklicken zum Vergrößern. Foto: dpa, Tsp/Klöpfel
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