70 Jahre sind Fritz und Hanni Kohlmetz zusammen. Beide Fotos entstanden genau am selben Ort im Wittenauer Garten. Foto: Privat, Kai-Uwe Heinrich
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70 Jahre Berliner Luftbrücke „Blockade? Na ja, dann eben 'ne Blockade“

Milena Reinecke
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Hanni und Fritz Kohlmetz aus Wittenau feiern bald Gnadenhochzeit: Während der Luftbrücke heirateten sie und bekamen ihr erstes Kind.

Sie haben den Krieg überlebt, die Blockade, den Mauerfall – und nebenbei fast 70 Ehejahre. Im August feiern die 92-jährige Hanni Kohlmetz und ihr zwei Jahre älterer Mann Fritz Gnadenhochzeit. 72 Länder haben sie gemeinsam bereist, 18 Kreuzfahrten gemacht. „Wir haben nichts ausgelassen“, sagt Hanni lachend, wenn sie auf ihre Ehe zurückblickt. Den Gedanken der Trennung gab es nie.

Nur einmal hätten sie sich kurz gezankt – und zwar auf dem Weg zum Standesamt, am 14. August 1948. „Aber nur das eine Mal!“, beteuert Fritz lauthals, beide schmunzeln. Nach der Trauung lud das frische Paar den engsten Kreis in den eigenen Garten in Wittenau ein. Auf dem Grundstück, das Hannis Vater in den Dreißiger Jahren gekauft hatte, leben Hanni und Fritz auch heute noch.

Zum Hochzeitsfest im garten gab's Erbsensuppe

Zum Mittagessen kochten die Brautleute Erbsensuppe – von einer Hochzeitstorte keine Rede. Schließlich war West-Berlin schon hermetisch blockiert, es fehlte an vielem. Und sechs Monate später kam gleich die nächste Herausforderung, als Hanni im Februar 1949 ihr erstes Baby zur Welt brachte. Sohn Reinhard musste ernährt werden.

„Die Russen wollten uns aushungern“, sagt Fritz Kohlmetz. Der Hass auf die Besatzungsmacht im Osten sei bei ihm erst mit der Blockade gekommen. Vorher hätten die Russen ja noch die Chance gehabt, die Sympathie der West-Berliner zu gewinnen.

Das taten nun die Amerikaner und Briten, indem sie die Luftbrücke organisierten. Dennoch hätte Fritz damals erwartet, „dass die USA noch energischer reagieren“. Im Nachhinein begriff er allerdings die Komplexität der damaligen politischen Situation. Es hätte auch alles kriegerisch eskalieren können.

"Die Berliner gingen gelassen mit der Blockade um"

Doch wie sind die Berliner mit der fast einjährigen Blockade umgegangen? „Diszipliniert und gelassen“, meint Fritz. „Es gab keinen Neid, und wir waren ja auch nicht verwöhnt. Im Gegenteil: Wir waren Missstände gewohnt.“ Der Unterschied zwischen den letzten Kriegsjahren und der Lebensmittelknappheit ab Juni 1948 sei ja nicht allzu groß gewesen.

Das waren die Luftkorridore für die Luftbrücke 1948-1949 - bitte anklicken zum Vergrößern. Foto: dpa, Tsp/Klöpfel
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Als die Zwei damals von der Blockade erfuhren, wussten sie zunächst nicht, was sie sich darunter vorzustellen hatten. „Doch wir dachten uns: Blockade – naja, gut, dann eben ’ne Blockade!“ Fritz lehnt sich in seinen Sessel zurück und lacht. Obwohl sich beide heute am Stock stützen, haben sie sich Lebendigkeit und Humor bewahrt – und ihr gemeinsames Glück. Sie sind in Berlin aufgewachsen und haben auch zum Tagesspiegel eine besonders innige Beziehung entwickelt: Zumindest Fritz liest unsere Zeitung seit der ersten Ausgabe vom 27. September 1945.

Fritz Kohlmetz liest den Tagesspiegel seit 72 Jahren

Im Winter 1946, als er aus der Kriegsgefangenschaft heimkam, hatte sein Vater alle verpassten Tagesspiegel-Ausgaben auf einem hohen Stapel für ihn zum Nachlesen gesammelt. Damals wollte Fritz Arzt werden, doch nach einigem Hin und Her machte er Karriere in der pharmazeutischen Industrie. Seine Frau war in den Vierzigern im „Navy-Store“ tätig, einem Luxuslebensmittellager der Engländer. Dort bekam sie manchmal Milch für ihr Baby, selbst stillen konnte sie nicht. „Aber einfach bedienen, das wäre nicht gegangen – um Himmels Willen! Die hätten mich rausgeschmissen!“

Schlimm gelitten hätten sie aber nie, betont Hanni. „Klar, man kam nicht auf seine 2000 Kalorien, aber hungern mussten wir nicht. Es hat nur nicht alles geschmeckt.“ Zum Beispiel das eklige Eipulver, das überall mit reinkam. Wer Glück hatte, konnte im eigenen Garten Obst und Gemüse anbauen – so auch Hanni und Fritz Kohlmetz. Manchmal kam sogar ein Päckchen aus Afrika mit Mehl oder Linsen darin, Hanni hatte dort Verwandtschaft. „Und zum Heizen haben wir den Tegeler Wald abgeholzt“, sagt Fritz. Das sei zwar verboten gewesen, „aber daran hielt sich kein Mensch.“

Als am 12. Mai 1949 die Blockade beendet war, standen die Menschen an Büdchen Schlange. „Es gab bergeweise Schokolade zu kaufen“, weiß Fritz. „Aber damals hast du mir nicht einmal ’ne Tafel mitgebracht!“, neckt ihn seine Frau.

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