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Ein ganzer Wohnblock an der Harzer Straße ist unter Quarantäne. Foto: REUTERS/Annegret Hils
© REUTERS/Annegret Hils

Update 369 Neuköllner Haushalte unter Quarantäne „Vom Skiclub ist das Virus jetzt in der Mietskaserne angekommen“

13 Häuser stehen unter Quarantäne. Der Bezirk vertraut zunächst auf Einsicht und „soziale Kontrolle“. Sozialarbeiter, Übersetzer und Helfer werden eingesetzt.

Die italienische Flagge weht auf dem Balkon im vierten Stock des Hauses an der Harzer Straße. „Corona!“ johlt es aus einem schweren, weißen SUV, der an der Straßenecke in die Treptower Straße einbiegt.

Alle Türen des unter Quarantäne gestellte Blocks sind versperrt. Aber auf den Balkonen lassen sich immer mal wieder Bewohner blicken. Einer lächelt sogar: „Und, wie geht es?“ – „Langweilig“, sagt er. Seinen Namen möchte er nicht nennen, aber den Plausch lässt er aufzeichnen.

Alle Bewohner seien auf den Covid-19-Erreger getestet worden in der vergangenen Woche. „Ich bin negativ!“. Warum er – und alle anderen Bewohner auch - trotzdem in Quarantäne müssen, kann er nicht verstehen. Aber sein Chef habe Verständnis, dass er nun unfreiwillig zwei Wochen der Arbeit fernbleibt.

Ganz oben im vierten Stock haben es sich Mieter gemütlich gemacht unter breit aufgespannten Sonnenschirmen. Auch im Nachbargebäude stecken Bewohner von Zeit zu Zeit die Köpfe raus und blicken ebenso stoisch herunter auf das Fernsehteam auf der Straße wie dieses nach oben.

Ein halbes Dutzend Kleinkinder steuern den Spielplatz gegenüber an, von zwei Erzieherinnen angeleitet. Im Erdgeschoss des Hauses liegt eine Kita. Aber fast überall sind die Rollläden heruntergelassen. Und die Türen dicht.

Erstmals aufgefallen war die Infektion am 5. Juni

„Die haben es übertrieben“, sagt eine ältere Dame im Vorbeigehen. „Standen in Gruppen zusammen und riefen ‚Corona!‘“. Sie schüttelt den Kopf, nimmt Geschwindigkeit auf und entschuldigt sich: „Mein Bus!“. Eine Läuferin eilt vorbei, Basecap in die Stirn gezogen, Kopfhörer im Ohr.

Der Block hat eine gute Lage, nicht weit vom Kiehlufer entfernt. Keinen Kilometer weiter wollte Google mal sein Lab öffnen – zog aber zurück wegen der Aktivisten, die eine Aufwertung des Quartiers und der Verdrängung weniger zahlungskräftiger Mieter befürchteten.

Kinder aus acht Klassen von acht Schulen sowie eine Kita-Gruppe waren positiv auf das Virus getestet worden. Erstmals aufgefallen war die Infektion am 5. Juni, mit zunächst drei positiv getesteten Schülern in Grund- und Oberschulen.

Um nicht die Einrichtungen komplett schließen zu müssen, entschieden Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD), in Abstimmung mit dem für Gesundheit zuständigen Stadtrat Falko Liecke (CDU) und dem Senat, die Spuren der Infektionen in die Haushalte zu verfolgen.

Die meisten Fälle verlaufen „milde bis asymptomatisch“, sagt der Amtsarzt

So kam es zur Quarantäne für die beiden Häuser im Kiez an der Harzer und Treptower Straße sowie weiteren anderen bisher nicht genannten Häusern, wo sich die Fälle häuften.

Die meisten Fälle verlaufen laut Amtsarzt Savaskan „milde bis asymptomatisch“. Ein Betroffener werde im Krankenhaus behandelt, ein weiterer erleidet ebenfalls einen „etwas stärkeren Verlauf“.

Obwohl mehr als 50 Personen betroffen sind - am Dienstag waren 57 Menschen positiv getestet - sei die Corona-„Ampel“ bezogen auf die „Inzidenz-Zahl“ nicht auf Rot umgesprungen: Die Grenze von 50 Fällen auf 100.000 Bewohner müsse innerhalb einer Woche erreicht sein – diese konkrete Infektionskette erstrecke sich dagegen auf einen längeren Zeitraum.

Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD, r.), und Gesundheitsstadtrat mit Falko Liecke (l). Foto: Wolfgang Kumm/dpa Vergrößern
Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD, r.), und Gesundheitsstadtrat mit Falko Liecke (l). © Wolfgang Kumm/dpa

Martin Hikel verwahrte sich gegen die Zuspitzung, vor allem Sinti und Roma seien betroffen. Viele von ihnen sollen einer Pfingstgemeinde angehören. „Wir können nicht sagen, dass sämtliche Menschen dieser Gemeinde angehören. Das ist falsch. Es gibt welche, die anderen Glaubensrichtungen angehören“. Diese seien lediglich der Ausgangspunkt für die „detektivische Arbeit“ zur Verfolgung der Virus-Spuren.

Richtig sei aber auch, dass die „beengten Wohnverhältnisse“ der „Ärmsten“ mit vielen Kindern, wie sie in dem Block anzutreffen seien, die rasche Ausbreitung des Virus begünstige. „Vom Skiclub ist das Virus jetzt in der Mietskaserne angekommen“, sagte Hikel - nachdem das Virus in Europa zunächst in Skigebieten grassierte.

13 Häuser an sieben Standorten betroffen: 369 Haushalte unter Quarantäne

Betroffen sind 13 Häuser an sieben Standorten. In den Objekten leben 369 Haushalte, mit „einem bis zehn Menschen“.

Die Strategie des Senats erläuterte Gesundheitsstadtrat Liecke so: Zunächst seien Sozialarbeiter mit Übersetzern und freiwilligen Helfern „beratend und informierend“ zum Sinn der Quarantäne in den Häusern unterwegs – ohne Polizeieinsatz und Überwachung. Der Bezirk vertraue auf Einsicht und „soziale Kontrolle“ in den Häusern.

„Wenn es Quarantäne-Brecher gibt, dann gibt es eine strengere Ansage“. Wenn auch das nicht helfe, dann komme es zur dritten Stufe und „wir bitten die Polizei um Amtshilfe“.

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Aber auch dies beziehe sich immer auf den Einzelfall, „der sich nicht an die Regeln hält“. Und notfalls verfüge man auch über die Mittel, die Quarantäne mit Zwang durchzusetzen.

Zurzeit sei der Bezirk in der Lage, „das Geschehen“ zu bewältigen, so Liecke. „Wir sind nicht luxuriös ausgestattet, können aber die Anforderungen erfüllen“. Notfalls könnten bis zu 50 Personen aus anderen Arbeitsbereichen abgezogen werden. Die Bundeswehr habe zwei Kräfte bereit gestellt.

Zudem könne der Bezirk „Honorarverträge“ mit Hilfskräften abschließen, 500.000 Euro stünden für „kurzfristige“ Rekrutierungen zur Verfügung.

Der Gesundheitschefs sagte aber auch, wegen der Konzentration auf die Bekämpfung des Virus, blieben reihenweise Aufgaben in der Gesundheitsvorsorgen unerledigt liegen, darunter auch die Einschulungseignungsprüfung zurzeit.

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