Am Montag wird der Scharounplatz am Kulturforum eingeweiht. Foto: Mike Wolff
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21 Jahre nach dem Masterplan Scharounplatz am Kulturforum ist fertig

Das Berliner Kulturforum ist endlich vollendet. Am Montag eröffnet der Scharounplatz an der Matthäus-Kirche. Doch die Beschaulichkeit währt nur kurz.

Die Findungsphase hat nur ein halbes Jahrhundert gedauert. Immer wieder wurde darüber gestritten, wie sich die Aufenthaltsqualität am Kulturforum verbessern lässt, visionäre Architekten gaben ihre Meinungen ab, Pläne wurden gemacht und verworfen, mal aus Geldmangel, mal aus politischen Gründen. Jetzt aber ist es tatsächlich soweit: Am Montag wird der neue Scharounplatz eingeweiht, das letzte Teilstück einer städtebaulichen Maßnahme, mit der das Gelände rund um die Philharmonie und den Kammermusiksaal aufgewertet wurde.

Fußgänger und Fahrradfahrer sollen es hier künftig besser haben. Denn für sie entwickelten die Münchner Landschaftsplaner Donata und Christoph Valentien ihren Masterplan – vor 21 Jahren. 1998 gewann ihr Vorschlag beim einem Wettbewerb zur Gestaltung des Kulturforums. Nach dem ersten Bauabschnitt wurde das Projekt damals aber gestoppt. 2005 gab es einen neuen Anlauf, einen weiterer 2013. Erst im Oktober 2015 konnte es schließlich losgehen.

Herzstück der neuen Anlagen ist der Scharounplatz, der quer übers Kulturforum verläuft, von der Potsdamer Straße bis zur so genannten Piazzetta, über die man zur Gemäldegalerie gelangt, zum Kupferstichkabinett und zum Kunstgewerbemuseum. Anfang dieses Jahres gab es hier noch eine Straße, die ebenfalls den Namen des Philharmonie-Architekten trug. Die war jedoch völlig verwahrlost, vor allem im Bereich der Gehwege und des Mittelstreifens.

Künftig erstreckt sich hier eine großzügige Fußgängerzone, fast 40 Meter breit und 150 Meter lang. Außer den Buslinien 200 und 300, die ihre Haltestelle direkt vor dem Kammermusiksaal hat, und Taxen darf künftig niemand mehr von der Potsdamer Straße auf den Scharounplatz abbiegen. Pünktlich zum Fahrplanwechsel der BVG probierte gestern der erste 200er die neue Streckenführung aus.

Auf der hellgrau gepflasterten Fläche könnten künftig nicht nur die Besucher der Konzertsäle und der Museen flanieren, hier wird es neben Bäumen und Bänken später vielleicht sogar einen kleinen Streetfood-Market geben also mobile Stände, die Getränke und Snacks feilbieten. So könnte an lauen Sommerabenden geradezu italienisches Flair entstehen. Wenn das Bezirksamt bei der Genehmigung mitspielt. Die technischen Voraussetzungen für gastronomische Freiluft-Angebote wurden jedenfalls schon geschaffen. Es gibt ein Leerrohr-System für Elektrokabel sowie Anschlüsse für warmes Wasser.

Die Garage des Grauens

Deutlich verbessert wurde der Übergang zur Piazzetta am westlichen Platzende. Hier entstanden neue Treppenstufen und zwei „Stadtbalkone“. So nennt Ole Hartmann, der bei „Grün Berlin“ für die Baumaßnahmen zuständig war, die Aussichtsplattformen, von denen aus man das ganze Gelände überblickt: Im Hintergrund ragen die Bürotürme des Potsdamer Platzes in den Himmel, die Mitte bildet das vertraute Dachgebirge der beiden Konzertsäle, im Vordergrund erstreckt sich der Scharounplatz.

Und im Rücken des Betrachters liegt unter der Piazzetta die „Garage des Grauens“. Die geriet jüngst in die Schlagzeilen, als der Bundesrechnungshof den Umgang der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren Immobilien anprangerte. Seit Mitte der neunziger Jahre wird die Garage als Möbel-Depot des Kunstgewerbemuseums zweckentfremdet.

Dabei ist dort alles für eine lukrative Vermietung von Stellplätzen eingerichtet: Es gibt Abbiege-Pfeile, Einbahnstraßenschilder, Leuchtkästen, auf denen die verschiedenen Ausgänge angezeigt werden, und sogar einen Tunnel, der den unterirdischen Komplex mit dem Kammermusiksaal verbindet. Theoretisch könnte man von hier trockenen Fußes direkt ins Foyer der Konzertsäle gelangen. Doch die Stiftung zeigt kein Interesse daran, den abendlichen Parkplatzsuchern entgegen zu kommen. Auf Tagesspiegel-Anfrage hieß es, die Nutzung als Tiefgarage sei auch künftig nicht geplant.

Freiflächen für Flaneure

Also müssen sich die motorisierten Klassikfans weiterhin durch die enge Einfahrt in die Untergeschosse des Sony-Centers quälen und einen längeren Fußweg zum Konzertsaal-Komplex in Kauf nehmen. Immerhin können sie anschließend die „Karajan-Promenade“ entlang flanieren. So möchte man die nach dem legendären Philharmoniker-Chef benannte Karajan-Straße seit ihrer Neugestaltung am liebsten nennen. Die wurde nämlich in ihrer Breite halbiert. Rechterhand der neuen, schmalen Fahrbahnen gibt es nun Stellplätze für Reisebusse, linkerhand Buchten für Taxen und Behindertentransporte.

Alle durch die Maßnahme hinzugewonnenen Freiflächen aber stehen den Flaneuren zur Verfügung. Und den Radlern, die hier nun endlich genügend Möglichkeiten vorfinden, ihre Fahrräder anzuschließen. Es gibt neue Straßenlaternen in elegantem Design, jüngst wurden in die Rollrasenflächen noch edle Schwarzkiefern gepflanzt. Die stammen aus der südlichen Mittelmeer-Region und können darum besonders gut Hitze und Trockenheit aushalten.

Sehr froh war Ole Hartmann darüber, dass im Rahmen der Baumaßnahmen auch der „Philharmonische Garten“ hinter dem Konzertsaal überarbeitet werden konnte. Die Ende der 1970er Jahre geschaffene Grünanlage, die bei gutem Wetter gerne in der Pause genutzt wird, war im Laufe der Zeit arg verwuchert. Sie wurde nun optisch aufgewertet, alles Gestrüpp wurde entfernt, die charakteristischen Erdwälle hat man ganz neu modelliert und frisch bepflanzt mit Sträuchern, Ahorn, Eichen und Götterbäumen. Die originalen Gitter-Sitzbänke wurden aufgearbeitet, lockere Bodenplatten fixiert, eine Barrierefreiheit hergestellt.

Die Beschaulichkeit ist nur von kurzer Dauer

Wie sehr sich die Nutzer des Kulturforums nach Flächen mit Aufenthaltsqualität sehnen, ließ sich bereits an dem 2017 geschaffene Zugang zur Philharmonie von der Potsdamer-Platz-Seite beobachten. Der wurde sofort begeistert angenommen. Wo man sich früher zwischen parkenden Autos durchschlängeln musste, erstreckt sich eine Fußgängerzone mit Rasenflächen. Auf denen lagern im Sommer tagsüber gerne Touristengruppen, um eine Pause vom Sightseeing einzulegen. Und abends hetzen die Besucher nicht mehr so schnell wie möglich zum Eingang der Philharmonie, sondern wandeln entspannt dem Klassikerlebnis entgegen.

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Lange aber wird es auf dem neu gestalteten Kulturforum nicht beschaulich bleiben. Denn südlich des Scharounplatzes soll ja das Museum der Moderne entstehen. Den symbolischen ersten Spatenstich für das bis zu 450 Millionen Euro teure Gebäude haben Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Michael Müller, Hermann Parzinger als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Architekt Jacques Herzog sowie Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann am 3. Dezember bereits getan. Wann genau es mit der Buddelei losgeht, steht zwar noch nicht fest, die Eröffnung ist aber für 2026 geplant.

Wer in der angrenzenden Matthäuskirche für einen Euro ein Ticket zur Turmbesteigung erwirbt, kann aus der Vogelperspektive ermessen, was für eine gigantische Fläche das geplante Satteldach der „Scheune“ überspannen wird, wie das Museum der Moderne längst von den Berlinern getauft wurde. Ziemlich raumgreifend dürfte diese Architektur zwischen Nationalgalerie und Philharmonie wirken. Das Ausheben der Grube und die Fortschritte beim Bau des Prestigeprojekts jedenfalls können die Hauptstädter und ihre Gäste künftig vom Scharounplatz aus bestens verfolgen.

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