Immer wieder kommt es zu Unfällen am Straßenrand, die für Fußgänger tödlich ausgehen. Foto: picture alliance / Julian Strate
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200 Euro für Tod eines Kindes? Autofahrer geht in Berufung – und erhält härtere Strafe

In zweiter Instanz urteilte das Gericht härter. Der Student, der einen vierjährigen Jungen totfuhr, erhält nun sechs Monate Haft auf Bewährung plus Fahrverbot.

Mit einer milden Strafe von 200 Euro wegen fahrlässiger Tötung war der Student aus dem ersten Prozess gegangen. Doch der Autofahrer, der einen vier Jahre alten Jungen totgefahren hatte, wollte Freispruch. Das Landgericht in der zweiten Instanz urteilte in dem Fall wesentlich härter: Sechs Monate Haft auf Bewährung sowie ein Fahrverbot von drei Monaten ergingen am Freitag gegen den 24-Jährigen.

„Er hätte seine Geschwindigkeit anpassen müssen“, sagte der Vorsitzende Richter. Mit einem Tempo von mindestens 66 km/h sei es zur Kollision mit dem Jungen gekommen, der bei roter Ampel plötzlich losgelaufen war. Die Verletzung der Sorgfaltspflicht sei in dem Fall nicht mit der Nutzung der Busspur zu begründen. „Entscheidend ist die Einhaltung einer angemessenen Geschwindigkeit.“ Die Situation sei unklar gewesen, Arbnor L. aber habe sein Tempo nicht nach unten korrigiert. Eine Fahrt, geprägt von einer „gewissen Rücksichtslosigkeit“.

Es war 9.40 Uhr, als eine Mutter und ihr kleiner Sohn am 19. Oktober 2017 vom Einkauf kamen. Die Frau war bepackt und hatte keine Hand frei, als sie mit dem Vierjährigen die Romain-Rolland-Straße in Heinersdorf überqueren wollte. „Der Junge, der zuerst neben seiner Mutter stand, rannte plötzlich los und auf die Straße“, schilderten Zeugen. „Dann kam ein Auto angerast.“

Der Angeklagte wollte zu einem nahegelegenen Fitnessstudio, stand allerdings im Stau. Er wollte über die Busspur abkürzen. Für ihn stand die Ampel auf Grün. Von einer Mittelinsel aus, wo Fußgänger bei roter Ampel warteten, lief plötzlich der Junge von links auf die Fahrbahn. „Ich fuhr maximal 50 km/h“, sagte der Angeklagte.

Er traf den Jungen mit dem Außenspiegel

Er habe erst ausweichen wollen, dann gebremst. „Ich versuchte noch auszuweichen, aber ich habe den Jungen mit meinem Seitenspiegel getroffen“, sagte der Student am Mittwoch unter Tränen vor dem Amtsgericht Tiergarten. Er erfasste das vier Jahre alte Kind mit dem Außenspiegel am Kopf.

Im ersten Prozess im Juni 2019 hatte das Amtsgericht auf eine Strafe von 40 Tagessätzen zu je fünf Euro entschieden – ein mildes Urteil, das die Gemüter erhitzte. Seine Schuld sei gering, er habe keinerlei Vorstrafen, er leide psychisch stark unter der Tat, hieß es zu Begründung. Außerdem müsse man auch der Mutter einen Vorwurf machen, urteilte das Amtsgericht. In dem letzten Punkt entschied das Landgericht anders: „Die Schuld der Mutter zieht die Kammer nicht ab.“

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Erlaubt war Tempo 50. Der Gutachter stellte fest: „Auch bei 50 km/h wäre der Unfall nicht vermeidbar gewesen.“ Erst ab Tempo 28 wäre dem Kind nichts passiert. Der Verteidiger argumentierte: „Er hätte Tempo 50 fahren dürfen.“ Und er habe darauf vertrauen dürfen, dass sich die Fußgänger an das Gebot „Rot“ halten würden. „Man sollte die Sorgfaltsmaßstäbe nicht überspannen“, sagte der Anwalt.

Die Berufung des Angeklagten verwarf das Landgericht. Die Staatsanwaltschaft, die im ersten Prozess auf 70 Tagessätze plädiert hatte, forderte nun 150 Tagessätze zu je fünf Euro. Der Verteidiger kündigte bereits Rechtsmittel an.

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