Zupackend. Mats Ciupka, Zimmermann und „Häuserretter“. Foto: Austilat
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Bedrohte Gebäude Brandenburgs Häuserretter

Buchholz, Bruchhagen, Landin – Mats Ciupka steigt ungefragt auf Brandenburger Häuser, um sie vor dem Verfall zu bewahren. Er nimmt dafür in Kauf, für eine Nervensäge gehalten zu werden.

Ein Rauschen kündigt ihn an, hüfthohes Gras wiegt sich in seinem Sog, dann ist der Zug nach Schwedt vorbei. Es ist wieder still am Bahnhof von Landin. So geht das alle halbe Stunde. Hier hält kein Zug, seit 20 Jahren nicht mehr, erinnert sich ein Nachbar. Er war noch Kind, als er in Landin das letzte Mal zustieg, das muss Anfang der 90er gewesen sein.

Zwei, drei Jahrzehnte können sehr lang werden für ein Gebäude, das niemand mehr zu brauchen scheint. Farbe blättert ab, Holz verwittert, Fenster springen. Doch der kleine Bahnhof hat durchgehalten, die vorbeirasenden Züge haben ihn nicht erschüttert – bis letzten Oktober Orkan Xavier auch durch die Uckermark stürmte und ein paar Schindeln mitnahm.

„Hat das Dach ein Loch, ist das Schicksal des Hauses bald besiegelt“, sagt Mats Ciupka. Er klingt ein wenig mürrisch, eigentlich hat er keine Zeit zum Reden. Er hat das Dach eines alten Bauernhauses zu decken, in Lüdersdorf, Kreis Barnim. Ciupka, 50 Jahre alt, dreiviertellange schwarze Cordhose, blaue Augen, deren Blick man für herausfordernd halten könnte, lebt seit 14 Jahren in der Region. Noch viel länger ist er Zimmermann.

„Hausfriedensbruch“, sagt die Ortsvorsteherin

Für manche seiner Nachbarn in den brandenburgischen Landkreisen Barnim, Uckermark und Märkisch-Oderland hingegen ist er die Nervensäge schlechthin.

Ciupka steigt ungefragt auf fremde Dächer, um verlorene Ziegel wieder zu ersetzen. Er tat das auf Guts- und Wohnhäusern, in Buchholz, in Bruchhagen und im vergangenen November auf dem Bahnhof von Landin, er tut das etwa ein Dutzend Mal im Jahr. Denn er ist der „Häuserretter“ wie es in roten Lettern auf seinem grünen Lastwagen mit dem „H“ auf dem Kennzeichen steht, „H“ für historisch.

„Hausfriedensbruch“, sagt Verena Siewert, die Ortsvorsteherin von Landin, nichts anderes sei das doch gewesen. Eigentlich finde sie das ja gut, dass der Bahnhof jetzt nicht weiter verfällt. Sie selbst habe sich auch dafür eingesetzt, dass wieder Züge halten würden. Vergeblich. Kann man nichts machen. Ihre Gemeinde habe kein Geld, die Station für einen anderen Zweck selbst zu übernehmen. Für welchen denn? Und wer sollte den Unterhalt bestreiten? Und was würden ihre Bürger sagen, wenn die wenigen Mittel der Gemeinde nicht in die Kita oder das Haus der freiwilligen Feuerwehr flössen, sondern in einen Bahnhof, den keiner mehr braucht?

Die Bahn braucht Zeit

Die Bahn versicherte ihrerseits, sie wäre selbst schon bald tätig geworden, wenn man ihr die Zeit gelassen hätte. Nun sind 20 Jahre eine Menge Zeit. Die Bahn will nun verkaufen. Nein, nicht in diesem Jahr, doch ganz bestimmt 2019.

Eigentum verpflichtet, sagt Ciupka über Einsätze wie den in Landin. Andernorts haben er und seine Mitstreiterin, die Berliner Architektin Kiri Westphal, Transparente aufgehängt. Eines kann man in Angermündes Puschkinallee sehen: „Welch Frevler hier auf Zerfall spekuliert, wird sicher bald stadtbekannt.“ So steht es rot auf weiß an der Fassade eines mächtigen Fachwerkhauses. Es gehörte einst einem Sirup-Fabrikanten. Seit zehn Jahren steht es leer, vor rund fünf Jahren hat es im Dachstuhl gebrannt. Verkohltes Gebälk liegt frei.

Baudenkmale brauchen Bewohner

„Rechtzeitig sehen, wenn ein Ziegel irgendwo schief liegt“, das hat Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg jüngst gefordert. Bevor alles zu spät ist, bevor der Ruf nach der Abrissbirne kommt oder die Rechnung für die Sanierung ins Utopische steigt.

Drachenberg weiß, dass es beim Erhalt von Denkmalen vor allem um Zeit geht. Es sei vergleichsweise leicht, Geld für die Sanierung etwa des Brandenburger Doms zu bekommen, sehr viel schwerer jedoch, den laufenden Unterhalt zu stemmen. Ähnliches gilt für die vielen kleinen Baudenkmale im Land. Füllt sie keiner mit Leben, sind sie dem Verfall preisgegeben.

Doch selbst wenn jetzt niemand eine Idee hat, wie ein Bahnhof, ein Stall oder ein alter Herrensitz bewirtschaftet werden soll – in zehn Jahren könnte das ganz anders aussehen. Weshalb es den Versuch lohnt, ein für die Geschichte eines Ortes bedeutsames Gebäude für kommende Generationen zu sichern.

Wo der Hammer hängt

Ciupka denkt ähnlich. Und es reicht ihm nicht, zu sehen, wo der Ziegel schief liegt. Er will handeln, sagt er, hakt die Daumen in den schweren Gürtel, in dem auch der Hammer hängt und die Nageltasche. „Häuserretter“, der Schriftzug ist auch darauf eingestanzt.

Die ungeduldige Renitenz, die da mitschwingt, die ist ihm gewissermaßen angeboren. Ciupka, Jahrgang 1968, ging mit seinen Eltern von Berlin Anfang der 80er ins Wendland, als dort in der alten Bundesrepublik gegen das Atommüll-Endlager in Gorleben protestiert wurde. „Meine Mutter“, man hört ihm den Stolz an, „die wurde damals von Otto Schily verteidigt“, als man ihr Widerstand gegen die Staatsgewalt vorwarf.

Ciupka wurde vieles, war Buchautor, trat im Politkabarett auf, spielte mal im Fernsehen bei „Alarm für Cobra 11“ eine Rolle. Seine Erfüllung fand er im Beruf des Zimmermanns.

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