Mediterrane Gefühle. Warmer Sand unter den Füßen, leise plätschernde Wellen, weites Wasser – das gibt’s auch an den Havelseen wie hier bei Brandenburg an der Havel. Viele Strände sind flach, also ideal zum Planschen, Chillen und Picknicken. Mit dem Floß, mit Kanus und Kajaks kann man nah heranfahren. Foto: TMB-Fotoarchiv, Steffen lehmann
© TMB-Fotoarchiv, Steffen lehmann

Ausflugsserie "Glück am Wasser" (1): Die Havelseen Hier findet jeder seine Bucht

Die untere Havel zwischen Potsdam und Brandenburg a. d. Havel ist ein Unikum. Seen reihen sich kurvenreich aneinander. Am Ufer liegt Preußens Arkadien - und es gibt sogar Alpen

Still fließt sie dahin, unaufgeregt, fast ein wenig melancholisch und betörend schön – das ist die Havel. Götz Lemberg hat sie mit seiner Kamera porträtiert, er ist dem Fluss mit Umsicht gefolgt wie kein anderer Künstler zuvor, intensiv und ausdauernd, bis ihm die untere Havel ihren Charakter preisgab.

Vom Hausboot aus fotografierte er systematisch den Fluss

Dafür nahm der 55-jährige Berliner jede Menge Stress in Kauf. Drei mal charterte er in den vergangenen Jahren ein Hausboot und schipperte damit jeweils zehn Tage lang die Lebensader des Havellandes hinab, von Potsdam bis zur Mündung in die Elbe. Am Steuer stand ein Skipper, denn Lemberg hatte auf Deck ununterbrochen zu tun. Im Abstand von je einem Kilometer fotografierte er systematisch den Fluss vor dessen Kulisse und verdichtete später seine Bilder zu einem Havel-Kaleidoskop: Wasser, Natur und Kultur unter dem weiten Himmel der Mark.

Havelcuts - Cover des Buches "Porträt einer Flusslandschaft" von Götz Lemberg, erschienen im Braus-Verlag. Foto: Vergrößern
Havelcuts - Cover des Buches "Porträt einer Flusslandschaft" von Götz Lemberg, erschienen im Braus-Verlag.

Das Ergebnis seines ungewöhnlichen Kunstprojektes zeigte Götz Lemberg anschließend in einem Ausstellungsparcours entlang des Flusses. Auch einen Bildband hat er herausgebracht: „Havelcuts – Porträt einer Flusslandschaft.“ Neu ist die starke Anziehungskraft des langsam strömenden Flusses auf Künstler allerdings nicht. Die Verzauberung hat Tradition. Schon seit dem späten 19. Jahrhundert ließen sich Maler von der Havel inspirieren. Zuallererst von ihrer eigenwilligen Erscheinung: Sie sieht ja nicht aus wie ein anständiger Fluss, sie ist eine kurvenreich aneinandergereihte Ansammlung von Buchten und Seen.

Kurvenreiche Schönheit, die Havel bei Potsdam. Foto: DPA, Ralf Hirschberger Vergrößern
Kurvenreiche Schönheit, die Havel bei Potsdam. © DPA, Ralf Hirschberger

Hinzu kommt ihr historischer Flair. Seit Friedrich dem Großen waren alle seine Nachfolger auf dem Thron bemüht, ihren Sehnsuchtsort, das Preußische Arkadien mit seinem Fixpunkt Sanssouci, von Potsdam möglichst weit ins Umland auszudehnen – vor allem entlang der weiten Havelauen. Schlösser, Kirchen und Herrenhäuser wurden um- oder neugebaut und Parks angelegt, in Caputh, Petzow, Paretz oder Marquardt, geprägt vom Hauch der Antike, südländischer Architektur sowie dem Ideal englischer Landschaftsgärten. Alles passte harmonisch zusammen, bis zu den Wein- und Obstgärten auf den Hügeln am Ufer. Ein bisschen Toskana und britische Parkromantik in der Mark. Welcher Maler konnte da widerstehen?

Preußisches Arkadien am Ufer, hier Schloss Petzow, erbaut um 1825. Der Gutspark wurde von Peter Joseph Lenné gestaltet. Ein einzigartiges Gesamtkunstwerk von Architektur und Landschaft entstand im Rahmen des Lennéschen „Verschönerungsplan der Umgebung von Potsdam“. Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Preußisches Arkadien am Ufer, hier Schloss Petzow, erbaut um 1825. Der Gutspark wurde von Peter Joseph Lenné gestaltet. Ein einzigartiges Gesamtkunstwerk von Architektur und Landschaft entstand im Rahmen des Lennéschen „Verschönerungsplan der Umgebung von Potsdam“. © Kai-Uwe Heinrich

Etwa ab 1878 bildete sich im Fischerdorf Ferch die Havelländische Künstlerkolonie. Sie ist zwar heute längst nicht so bekannt wie die Malerorte Worpswede oder Ahrenshoop, war aber kaum weniger produktiv. Vor allem Impressionisten wie Karl Hagemeister oder Hans-Otto Gehrke bauten in der späten Kaiserzeit und den Zwanzigern bei Ferch ihre Staffeleien auf, sie malten das besondere Licht am Fluss, das Spiel seiner Wellen und der Wolken am Himmel. Sie porträtierten Menschen, Orte und quirlige Strand- und Caféhausszenen, schließlich war das Havelland schon damals bei den Berlinern und Potsdamern als sonntägliches Ausflugsziel höchst beliebt.

"Wir fahr'n nach Potsdam, nach Werder, nach Ferch", sang Claire Waldoff

„Wir fahr'n nach Potsdam, nach Werder, nach Ferch“, sang die populäre Kabarettistin Claire Waldoff im Chanson „Die Radpartie“. Obwohl es zu ihrer Zeit buchstäblich im Dunstkreis von Werder und Glindow, von Paretz und Deetz noch viel Industrie gab, besonders große Ziegeleien mit Tag und Nacht dampfenden Schornsteinen.
Viele Bilder der einstigen Havelland-Maler kann man heute in wechselnden Ausstellung im Museum in Ferch bewundern. Es ist ein Kunstgenuss mit Überraschungseffekt. Denn allzu sehr hat sich das Landschaftsbild seither gar nicht gewandelt. Die Fabriken sind zwar nahezu verschwunden, doch die Kiefernwälder duften noch wie früher und wacker gehalten haben sich die Anhöhen rechts und links der Havel, die hier „Berge“ oder sogar „Glindower Alpen heißen, obwohl sie nur um die hundert Meter hoch.

Ein bisschen Karibik. Das Strandbad Caputh am Schwielowsee. Foto: mauritius images Vergrößern
Ein bisschen Karibik. Das Strandbad Caputh am Schwielowsee. © mauritius images

Auch die flachen, sandigen Ufer und breiten Schilfgürtel sind noch da, in Caputh und Templin wurden einige Strände sogar perfektioniert – zu Seebädern mit Karibik-Stimmung. Preußens Arkadien ist als Unesco-Kulturlandschaft längst bestens geschützt. Und der Schwielowsee, den Albert Einstein sein „kleines Paradies“ nannte, wenn er von seinem Sommerhaus oberhalb von Caputh herabblickte, liegt noch genau so „behaglich und sonnig“da, wie ihn Theodor Fontane einst beschrieb. „Der Schwielow“, so heißt es in Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg, „hat die Gutmütiglkeit aller breit angelegten Naturen. Er hält es mit Leben und leben lassen.“
Kurz, die untere Havel ist heutzutage der klassische Sommerfrische-Fluss, ideal für Radler und Wanderer, für Schwimmer und Bootsfahrer. Man begegnet nur wenigen Binnenfrachtern und das auch nur auf Teilstrecken. Im Hochsommer geht es auf den Fluten zwischen Potsdam und Brandenburg an der Havel stattdessen kunterbunt zu, Haus- und Sportboote, Paddlern, Flößen und Surfer sind unterwegs.

Fährmann, hol über. Die Fähre zwischen Ketzin/Paretz und dem Schmergower Ufer. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Fährmann, hol über. Die Fähre zwischen Ketzin/Paretz und dem Schmergower Ufer. © Thilo Rückeis

Auf den weiteren Kilometern bis zur Elbe wird es dann einsamer, die Havel mäandert gemächlich im schmaleren Bett, bildet gar Labyrinthe zwischen Auwäldern und Niederungen, findet zurück zur Urform eines Flusses, zumal dies im Rahmen des Projektes „Biosphärenreservat Havel/Elbe“ von Kräften gefördert wird.
Das alles erfreut die Touristikwerber in Potsdam. 2010 wurden im Havelland noch rund 817.000 Gästeübernachtungen registriert, 2017 waren es schon knapp über eine Million. Ein Aufwärtstrend, den auch Claudia Fehrenberg und Christian Eckhoff in ihrem Gästehaus „Obstkultour“ in der Alten Grundschule im Glindower Fischerkietz erleben. Er stammt aus Hamburg, ist Forst- Gartenexperte, sie ist Potsdamerin und Veterinärin. 2008 haben beide ihr Leben umgekrempelt. Sie verliebten sich in Glindow, ein Ortsteil von Werder und in die vor Jahrzehnten geschlossene Grundschule. Sie erwarben das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, restaurierten es liebevoll, zogen ein und eröffneten 2009 im Schulhaus ihre Herberge. Das Ganze erinnert ein wenig an Astrid Lindgrens Bullerbü.

Obstkultour im Fischerkietz. Claudia Fehrenberg und Christian Eckhoff vor ihrem Gästehaus in der Alten Schule in Glindow. Foto: privat Vergrößern
Obstkultour im Fischerkietz. Claudia Fehrenberg und Christian Eckhoff vor ihrem Gästehaus in der Alten Schule in Glindow. © privat

Links geht’s zur Tierartpraxis von Dr. med.vet. Fehrenberg in einstigen Klassenräumen, rechts ist die große Sonnenterrasse. Am Haupteingang hängt ein Plakat der „Klangkirschen“, eine Einladung des „kleinen Glindower Frauenchors mit dem großen Repertoire“. Warum Klangkirschen? Claudia Fehrenberg kann's erklären, sie singt selbst mit: „Weil Glindow, ebenso wie ganz Werder, für seine Kirschen- und Obstplantagen berühmt ist.“ Zum Werderaner Baumblütenfest pilgern die Berliner zu Tausenden - seit mehr als 140 Jahren. Doch ein geschickter Coup sei vor einigen Jahren auch der Bau des „Panoramaweges Werderobst“ gewesen. Der führt über die Anhöhen, quer durch Obstplantagen und ist inzwischen eine beliebter Rad- und Wanderstrecke.

Klassische Havel-Kulisse: Blick auf die Altstadtinsel von Werder. Foto: PNN, Enrico Bellin Vergrößern
Klassische Havel-Kulisse: Blick auf die Altstadtinsel von Werder. © PNN, Enrico Bellin

Fehrenberg nimmt auch als Stadtverordneten an Werders Entwicklung aktiv teil, sie freut sich, „dass mehr und mehr kreative Leute in die Region ziehen“, beispielsweise die Keramik&KulturGUT“-Initiative Glindow oder die „Neue Ziegel-Manufaktur“ am Märkischen Ziegeleimuseum. Sie beleben alte Handwerkskünste, die einst an der Havel zu finden waren. Außerdem spielt Werder bald einen weiteren Trumpf aus: Die geplante „Blütentherme“ am Havelufer wird ab 2019 gebaut, 2020/21 soll sie fertig sein.
Es geht voran im Havelland. Auch Paretz machte einen Sprung nach vorn, wurde mitsamt seinem Königin-Luise- Schloss als Musterdorf preußischer Landbaukunst vorbildlich saniert. In Schloss Gollwitz fördert die „Begegnungsstätte für jüdischen und nichtjüdische Menschen“ seit 2009 religiöse Toleranz.

Quer durch die idyllische Wasserstadt. Brandenburg an der Havel ist vom Fluss und Kanälen umschlungen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Quer durch die idyllische Wasserstadt. Brandenburg an der Havel ist vom Fluss und Kanälen umschlungen. © Kitty Kleist-Heinrich


Und Brandenburg an der Havel, Geburtsstadt von Vicco von Bülow, hat sich zu einem kulturell spannenden, lebhaften Ausflugsziel entwickelt. Franziskaner und Slawen, Till Eulenspiegel und Loriot, alle hinterließen dort ihre Spuren. Als Künstler Götz Lemberg auf seinem Hausboot die Stadt durchquerte, fotografierte er die St., Johanniskirche am Flussufer für seine „Havelcuts“. Was sich direkt neben dem gotischen Langhaus in Blumenbeeten versteckt, blieb seiner Kamera verborgen: Dort heben Loriots „Waldmöpse“ als lebensgroße Bronzefiguren ihr Bein.

Repro: Tsp Vergrößern
© Repro: Tsp

Mit unserer Serie „Glück am Wasser“ entführen wir Sie zu den sechs schönsten wasserreichen Gebieten der Region.
Zu jeder Folge liegt dem Tagesspiegel eine Ausflugskarte bei, die Sie mit Ihrer Zeitung im Abonnement erhalten oder beim Kauf des Tagesspiegels am Kiosk.

Auf jeder Karte finden Sie zur Orientierung die jeweilige Region mit den schönsten Boots-, Wander- und Radtouren entlang der Seen und Flüsse sowie Tipps zu Sehenswürdigkeiten, Marinas, Picknick- und Badeplätzen. Ergänzt wird alles durch Infos zur Anreise, Übernachtung, Gastronomie und zu Bootsverleihern.

Hier sind die Erscheinungstage:
21. April, die Havelseen
25. April, Kleinseenplatte in Mecklenburg 
28. April, Löcknitz und Unterspree
2. Mai, Anklam/Peenetal
5. Mai, Schwerin/Plau am See
9. Mai, Fürstenberg/Havel

Viel Vergnügen!

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