„Knast macht Männer“, sagt eine Mutter

Berüchtigt. Die Polizei hat auch im Fall des Einbruchs in eine Mariendorfer Sparkasse 2014 gegen Angehörige der Familie R. ermittelt. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
Arabischer Clan aus Neukölln Großfamilie R. – die Berliner Blutsbande

Zu den Konstanten des Clanlebens gehört, dass einzelne Mitglieder immer wieder Gefängnisstrafen absitzen müssen. In früheren Jahren häufig wegen Drogenhandels, Hehlerei und Bandendiebstahls, beispielsweise Buntmetall, abmontiert auf Friedhöfen und von Verkehrsanlagen, später häufiger wegen Gewalttaten. Die Haftstrafen sind eingepreist. Eine Mutter, die in den Clan einheiratete und 15 Kinder bekam, hat das gegenüber einem Mitarbeiter des Bezirksamts Neukölln einmal so zusammengefasst: „Knast macht Männer.“

Auf einer Liste, die von den Innenministern der Bundesländer geführt wird, stehen Mehrfachtäter, die man eigentlich in den Libanon ausweisen möchte, darunter etliche R. und Mitglieder anderer Großfamilien. Eine Ausweisung ist schwierig, weil viele schon dort als staatenlos galten, jedenfalls keine von Beirut anerkannten Papiere besitzen – etwa Issa R.

Deutschland als Beutegesellschaft

Eine Anwältin, die ihre Mandanten wohlwollend als „Originale“ bezeichnet, bestreitet nicht, dass diese Deutschland als „Beutegesellschaft“ betrachten. Geheiratet wird in der verzweigten Familie oder in einen befreundeten Clan. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass bei Weitem nicht alle R. straffällig geworden sind. Manche haben sich gelöst, zogen weg, einer soll ein Studium begonnen haben.

Ein jüngerer Bruder von Issa R. schaffte es zu echter Prominenz: Ashraf R., 36, saß wegen Raub und Körperverletzung drei Jahre im Gefängnis, war mehrfach in Schießereien verwickelt. Gerade steht er als neuer Vertrauter des Gangsta-Rappers Bushido in der Öffentlichkeit. Dieser hatte sich mit seinem Geschäftspartner Arafat Abou-Chaker, Mitglied einer weiteren bekannten Großfamilie, zerstritten. Seitdem spekulieren Boulevardmedien darüber, ob Bushido nicht dringend einen anderen Beschützer, im Szenejargon „Rücken“ genannt, benötige.

Ashraf R. ist auch als Gastronom tätig. Seit zwei Jahren betreibt er in der Blissestraße in Wilmersdorf, zwischen Casino und Sonnenstudio, eine Shisha-Bar. Der Chef hockt oft im Ledersessel, raucht Wasserpfeife und spielt auf seinem Handy. Aus den Boxen kommt stundenlang Gangstarap, auch das neue Lied seines Schützlings Bushido: „Sie wollen, dass ich zahlelele... Aber Bra, ich hab’ ne Knarrerere und genug Kugeln für euch allelele.“ Regelmäßig muss Ashraf R. das Spiel auf seinem Handy unterbrechen, weil Gäste kommen und ihm die Hände schütteln. Einer fragt: „Hast du immer noch Stress und so?“ Ashraf R. sagt: „Ach, das nimmt alles seinen Lauf.“

„Wie im Wahn“

In den letzten Tagen hat sich der Ton zwischen Bushidos altem und neuem Beschützer verschärft. Auf der Internetplattform Instagram behauptet Ashraf R., dass Abou-Chaker die Polizei auf ihn gehetzt habe. Die hat seine Wohnung durchsucht, weil Ashraf R. laut Ermittlern geplant haben soll, „mit einer vollautomatischen Schusswaffe oder ebenfalls zum Dauerfeuer geeigneten Kriegswaffe“ auf die Bar seines Kontrahenten zu schießen.

Eine Festnahme nach dem Diebstahl einer 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum. Foto: Paul Zinken/dpa Vergrößern
Eine Festnahme nach dem Diebstahl einer 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum. © Paul Zinken/dpa

Ashraf R. interessierte sich schon vor Bushido für Gangstarap. Bereits vor zehn Jahren war er Manager des Weddinger Rappers und damaligen Bushido-Feindes Massiv. In dessen Autobiografie findet sich ein Kapitel, das einen ungewöhnlichen Einblick in die Welt des Ashraf R. gewährt. So kann man detailliert nachlesen, wie beide mit einem Fremden wegen einer Nichtigkeit in Streit geraten. Als der Unbekannte droht, er habe eine Pistole dabei, geht Ashraf zum Kofferraum seines Autos und zieht ein Samurai-Schwert. Massiv schreibt, Ashraf habe „wie im Wahn“ immer wieder mit dem Schwert ausgeholt, den Flüchtenden so durch die Straßen gejagt.

Die Frage bleibt: Handelt es sich bei den Vergehen um Taten von Menschen, die zufällig den Nachnamen R. tragen? Ist es, wie Anwälte sagen, unangebracht, von einem „Clan“ zu sprechen?

Mord, Körperverletzung, Einbrüche

Zum Fall Issa R. äußert sich die Staatsanwaltschaft nicht. Eine aktive Rolle konnte man ihm bisher offenbar nicht nachweisen. Für den Tagesspiegel war R. in diesen Tagen nicht erreichbar. In der „Bild“ wies er die Vorwürfe zurück. Dass es sich bei seiner Familie um einen einschlägigen Clan handelt, ist jedoch klar. Es genügt, Taten vergangener Jahre zu rekonstruieren. Eine Auswahl:

Issas Sohn Ismail R. sitzt gerade in Untersuchungshaft. Er soll im Mai 2017 in Britz einen Mann ermordet haben. Das 47-jährige Opfer wurde auf offener Straße so mit Schlagstöcken zugerichtet, dass Ermittler sagen, die Leiche habe ausgesehen „wie nach einem Flugzeugcrash“. Die Staatsanwaltschaft glaubt, auch das Motiv für den Mord zu kennen. Das Opfer habe Issa R. vor Jahren Geld geliehen und es nun zurückgefordert.

Jusuf R., ein anderer Sohn von Issa, wurde wegen Körperverletzung verurteilt, bevor er an einer dreisten Einbruchsserie teilnahm. Mit Komplizen klaute er Kleintransporter von Lieferfirmen. Die fuhren sie nachts vor die Eingänge diverser Lagerhallen, brachen ein und nahmen alles mit, was in die Wagen passte: Couchgarnituren, Boxspringbetten, Elektrogeräte. Wurden die Transporter betankt, fuhr die Bande davon, ohne zu zahlen. Trotzdem dauerte es Monate, bis Jusuf R. geschnappt wurde.

9,1 Millionen Euro: verschwunden

Toufic R., ein Bruder von Issa, musste ins Gefängnis, weil er 2014 in eine Mariendorfer Sparkassenfiliale eingebrochen war, mit Komplizen 330 Schließfächer aufbrach und dann Feuer legte, um seine Spuren zu verwischen. Die erbeuteten 9,1 Millionen Euro sind bis heute verschwunden, der Täter schwieg.

Ein zweiter Bruder von Issa R. stand wegen Diebstahls vor Gericht, ein dritter musste nach einem Raub ins Gefängnis. Drei Neffen von Issa R. befinden sich derzeit in Untersuchungshaft: Sie sollen die millionenschwere Goldmünze aus dem Bode-Museum geraubt haben.

Gibt es Hoffnung? In einem Charlottenburger Zweig des Clans hat sich der dortige Familienvater nach einer wilden Zeit in Neukölln offenbar beruhigt. Er war einige Jahre wegen Bandendiebstahls, Hehlerei und Raub in Haft. Jetzt, heißt es, widme er sich ganz dem Nachwuchs. Einer seiner älteren Söhne hatte, in den Worten eines Lehrers, „erheblichen Lernbedarf“: Umgangsformen, Lautstärke, Stillsitzen – Lesen, Schreiben, Rechnen sowieso. Nun wird der Jüngste eingeschult. Vielleicht ahnt Papa R., dass es gewisse Befürchtungen gibt. In der Schule soll er angekündigt haben: „Ich komme zum Elternabend, versprochen!“

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