Johanna Mandelkow hat die große Traktor-Demo in Berlin mitorganisiert. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Anti-Greta oder Gerechtigkeitskämpferin? Diese 23-Jährige führt die Bauernproteste an

Johanna Mandelkow ist es leid, sich von Städtern diktieren zu lassen, wie Landwirtschaft funktioniert, und mobilisiert zehntausende Bauern. Was treibt sie an?

Und dann erzählt sie, wovon sie träumt: vom eigenen Schlachthaus. Natürlich, das klinge jetzt eigenartig. Zumal von einer Vertreterin der Generation Fridays for Future, in der Teenager die ihnen vorgesetzte Lasagne ablehnen mit dem Hinweis, sie lebten jetzt vegan. Aber die Tatsache, dass Menschen Tiere essen, ist auf einem Bauernhof Alltag. Die Tatsache, dass Tiere dafür sterben müssen, auch. Der Gedanke, sagt Johanna Mandelkow, ihren Schweinen den Transport an immer entlegenere Orte zu ersparen, „einfach zu schön“.

Die 23-Jährige hält inne. „Haben Sie mal ,Bauer sucht Frau‘ gesehen?“ Die Fernsehsendung, die den Eindruck erwecke, Bauern seien irgendwie minderbemittelt. Tölpel eben. Oder die vollbusigen Heuluder aus den „Trecker Babes“, auch so eine Sendung, die das Landleben in ein seltsames Licht rücke. Mandelkow erzählt von Städtern, die hierher in die Uckermark kämen, „verstehen Sie mich nicht falsch, wenn ich Städter sage“, aber es gebe da welche, die wollen romantische Felder sehen, an deren Rändern der Mohn blüht. Die wollen keine Mähdrescher, die ihnen durch das Foto fahren. Und: Die wollen ihr erklären, wie Landwirtschaft zu funktionieren habe. Ihr, die das studiert – und von Kindesbeinen an lebt.

Vor wenigen Tagen stand Johanna, blondes schulterlanges Haar, schwarzes Sweatshirt, Jeans, statt auf ihrem Feld auf einem Podium am Brandenburger Tor, vor Tausenden Bauern. Sie war es, die für den 26. November die größte Treckerdemonstration angemeldet hat, die Berlin je gesehen hat.

Es war das erste Mal, dass sie eine Demo mit organisiert hat. Überhaupt liegt ihr politisches Engagement fern – jedenfalls solange das an eine Partei gebunden ist. Ihre bisherigen öffentlichen Ämter sind überschaubar: Vor zwei Jahren wurde sie zur Ernteprinzessin gewählt, in dieser Rolle repräsentierte sie etwa die Uckermark auf der Grünen Woche. Außerdem ist sie Vizechefin der Jugendfeuerwehr in Bandelow, ihrem Heimatdorf, nahe der Grenze zu Vorpommern.

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Es gab keine Initialzündung, die sie auf die Barrikaden getrieben hätte, sagt sie. Das heißt, ein Ereignis sei da schon gewesen, im vergangenen, wieder so trockenen Sommer. Sie habe mit dem Trecker ein Feld bearbeitet. Plötzlich stand da dieser Mann und regte sich fürchterlich über den Staub auf, den sie aufwirbeln würde. Johanna Mandelkow erzählt das leise, gestikuliert wenig, sagt, wie er ihr gedroht habe: „Ich stech’ euch alle ab.“ Seit Oktober macht sie bei der Initiative „Land schafft Verbindung“ mit.

Es ist nicht der größte Hof in Bandelow

Mehr als 100 Jahre schon bewirtschaftet die Familie Mandelkow den Hof mitten in dem 250-Einwohner-Dorf. Bandelow ist schnell durchfahren: Die Hauptstraße teilt sich um eine Art Dorfanger, der überproportional groß ist und sich bei näherem Hinsehen als eine Art Sumpfgebiet entpuppt, in dem sich Schilf wiegt. Weshalb die Dorfkirche auch anders als üblich nicht in der Mitte steht, sondern am Rand. Einst heiratete ihr Ururgroßvater aus dem Nachbardorf hier ein. 1953 wurden sie enteignet, der Großvater für zwei Jahre eingesperrt. Die Familie floh nach Hessen. 1990, gleich nach der Wende waren sie wieder da, um sich den Wunsch zu erfüllen, wieder den eigenen Hof zu bewirtschaften. Sie bekamen ihn schließlich zurück. Heute beackern Johannas Vater Martin Mandelkow, sie, die beiden jüngeren Brüder, die Mutter und drei Angestellte mehr als 600 Hektar Land.

Lang gezogene Gebäude säumen den großen Hof. Vielleicht waren es früher einmal Ställe, aber die Schweine, die stehen natürlich nicht hier. Die Mandelkows haben längst neue gebaut. 4000 Schweine stehen darin. Licht, Luft, Wasser, alles wird vom Computer gesteuert, die Auflagen sind streng – und ihre Ställe erfüllten das freiwillige Tierwohllabel. Sogar in der fortgeschrittenen Version. Die Schweine haben zehn Prozent mehr Platz und bekommen Heu, mit dem sie spielen können. Menschen kommen da gar nicht rein, jedenfalls nicht ohne Schutzanzug. Wegen der afrikanischen Schweinepest.

Landwirte aus allen Teilen Deutschlands demonstrieren unter anderem für mehr Mitspracherecht beim Insektenschutz und gegen die Verschärfung der Düngeverordnung. Foto: dpa Vergrößern
Landwirte aus allen Teilen Deutschlands demonstrieren unter anderem für mehr Mitspracherecht beim Insektenschutz und gegen die Verschärfung der Düngeverordnung. © dpa

Der Hof der Mandelkows ist groß, aber nicht der größte in Bandelow. Der gehört einem holländischen Brüderpaar, die über 2000 Rinder halten. Fünf Vollerwerbsbauern gibt es im Dorf, das ist heutzutage vergleichsweise viel.

Es ist halb vier an einem Mittwoch Anfang Dezember, draußen wird es langsam dunkel. Johanna ist gerade aus der Fachhochschule in Güstrow zurückgekommen, wo sie ihren Abschluss als Agrarbetriebswirtin macht. Drinnen, in der guten Stube, unter der Ansicht einer weidenden Schafherde in der Heide, hat ihre Mutter Bienenstich aufgetan.

Vordergründig ging es bei dem Protest in Berlin um das sogenannte Agrarpaket der Bundesregierung. Das sieht strengere Auflagen beim Einsatz von Herbiziden vor, dem Insektensterben soll Einhalt geboten, ein staatliches Tierwohllabel eingeführt werden. Über allem schwebt die Drohung aus Brüssel, wenn Deutschland nicht die Belastung des Trinkwassers mit Nitrat senkt, sind Strafzahlungen an die EU fällig. Bis zu 850 000 Euro am Tag. Es wird zu viel gedüngt, lautet der zentrale Vorwurf.

Vater und Tochter lächeln über den Unverstand der Städter

„Älter, männlicher“, hatte die „FAZ“ über die Teilnehmer der Initiative „Land schafft Verbindung“ geschrieben, die hinter der Kundgebung in Berlin stand. Johanna Mandelkow lacht, auf dem Eckzahn oben rechts blitzt ein kleiner Glitzerstein.

Sie sitzt im Vorstand des Vereins, der noch gar keiner ist, sich gerade erst gründet, Anfang Oktober von einer Landwirtin aus Niedersachsen bei Facebook ins Leben gerufen. Mittlerweile sind es an die 30 000 die mitmachen.

„Städter haben keine Ahnung“, brummt Vater Mandelkow. Die Bauern sehen sich durch immer neue Auflagen in ihrer Existenz bedroht und zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Sie glauben doch nicht wirklich, dass wir Unkrautvernichter auf den blühenden Raps sprühen und die Bienen töten, das macht doch keinen Sinn.“ Vater und Tochter sind einer Meinung. Auch sie bräuchten die Bienen und in blühenden Pflanzen bekämpfe man auch kein Unkraut, das geschehe lange vorher. Vater und Tochter lächeln über so viel Unverstand.

In Bandelow, einem 250-Einwohner-Dorf, bewirtschaftet die Familie seit mehr als hundert Jahren einen Hof. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
In Bandelow, einem 250-Einwohner-Dorf, bewirtschaftet die Familie seit mehr als hundert Jahren einen Hof. © Kitty Kleist-Heinrich

Eine Ursache für die Nitratbelastung des Grundwassers sei die stickstoffhaltige Düngung in der Landwirtschaft, urteilt das Umweltbundesamt. Die Auswaschung von Nitrat oder die Emission von Ammoniak tragen indirekt zur Freisetzung des Treibhausgases N2O bei, heißt es in einer Stellungnahme des Von-Thünen-Instituts, das die Bundesregierung berät. Die Wissenschaftler beziffern den Anteil der Pflanzen und Tierproduktion an klimaschädlichen Emissionen in der Bundesrepublik auf fünf, die Gesamtheit aller Emissionen in der Landwirtschaft auf 14 Prozent.

Ist sie also die Anti-Greta? Johanna Mandelkow legt den Bienenstich wieder hin. Was soll das für eine Frage sein? Natürlich sei sie auch für Umweltschutz, es müsse nur klar sein, dass alle die Lasten tragen müssten. Und überhaupt, es seien schließlich nicht die Bauern, die Böden versiegelten.

Die Bauern zu übergehen, damit sei jetzt Schluss

An Gutachten herrscht in dieser Auseinandersetzung kein Mangel. Und niemand traut der anderen Seite. Messstellen für Nitrate würden nicht den Durchschnitt wiedergeben, sondern besonders belastete Gebiete. Und auf die Uckermark träfe das schon mal gar nicht zu, sagt Martin Mandelkow. Wo sterben denn die Insekten? Sie liegen in den Städten vor den vielen Laternen. Und was sei mit den lecken Kläranlagen? Da wage sich niemand ran, weil die Kosten alle träfen. Die Bauern aber sind eine Minderheit, die man übergehen zu können glaubt.

Damit, das wollte Johanna Mandelkow in Berlin zeigen, ist jetzt Schluss. Überhören geht nicht. „Sie hätten mal sehen sollen, wie viel Zustimmung wir vom Straßenrand bekommen haben!“ Tatsächlich hatte Johanna mit Wutausbrüchen genervter Autofahrer gerechnet. Es gab sie nicht. Respekt, das sei es was sie wollten. Und dass man sich mit ihnen an einen Tisch setzt und nicht immer nur diktiert. Eigentlich, sagt sie, „bräuchten wir zurzeit zwei Landwirtschaften. Eine, in der ein bezopftes Mädchen mit der Weidengerte eine Kuh über die Alm treibt, und die andere, in der das Kotelett hergestellt wird, das sich der Verbraucher wünscht. Ein Kotelett nämlich, das nichts kostet.“

13 Tonnen, 380 PS, 180000 Euro

In den lang gezogenen Gebäuden stehen heute die Maschinen. Es sind eine Menge. Auf einem Trecker klebt die Ziffer Zwei, der fuhr in Berlin der zweiten Kolonne voraus, der aus der Uckermark. Daneben prangt das Brandenburger Tor und der Schriftzug „Ich war dabei“. Vier Stunden hatte ihr Vater berechnet, um seine Tochter in der Hauptstadt in Aktion erleben zu dürfen, am Ende dauerte es sechs – auch weil die Straßen so verstopft waren von anderen Bauern.

Johannas Lieblingstrecker steht gegenüber, er ist noch ein bisschen größer. Ein Case IH Magnum. 13 Tonnen schwer, 380 PS, über drei Meter hoch, 180 000 Euro teuer. Man muss ein paar Stufen erklimmen, um auf den Fahrersitz zu kommen.

Drinnen federt der Sitz überraschend stark. Natürlich ist das Fahrerhaus klimatisiert, bedient wird der Koloss über einen Joystick, das Display daneben hat mehrere Menüebenen, schon die erste überfordert einen normalen Autofahrer. Im Sommer beginnt Johannas Arbeitstag damit, dass sie die Maschine kontrolliert, dann fährt sie los. Die Mandelkows bauen das Futter für ihre Schweine selbst an. Und weil ihre Felder so groß sind, weisen sie auch den Vorwurf von sich, zu viel Gülle auszubringen. „Wissen Sie, was das Problem mit Schweinen auf dem freien Feld ist?“ Ganz einfach, die ließen ihre Exkremente fallen, wo sie sind, meistens auf einem Haufen. „Das ist Überdüngung.“

Sie habe nie etwas vermisst, sagt sie

Johanna Mandelkow fährt den Acker Furche für Furche ab, tagelang. Lenken muss sie nicht, sollte sie auch nicht, denn der Trecker ist GPS-gesteuert. Keine Saat wird vergeudet, weil sich die Streifen, die sie abfährt, kaum überlappen. Das ist Effizienz. Ist Johanna Mandelkows Leben.

Martin und seine Tochter Johanna Mandelkow herrschen über 4000 Mastschweine. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Martin und seine Tochter Johanna Mandelkow herrschen über 4000 Mastschweine. © Kitty Kleist-Heinrich

Zwei Freundinnen in ihrem Alter habe sie als Jugendliche gehabt, die sind heute weg, eine nach Prenzlau, die andere hat sie aus den Augen verloren. Bandelow hat keinen Gasthof, der Bus kommt zweimal am Tag. Fürs Tokio-Hotel-Konzert fuhr sie der Vater einst 125 Kilometer nach Berlin. Drüben, im Käseladen der holländischen Großbauern, ist der Tisch für die Bandelower Seniorengruppe gedeckt, die Frauengruppe trifft sich im Dorfgemeinschaftshaus, Johannas Mutter zählt zu den Gastgebern. Gleich daneben ist das Haus der Freiwilligen Feuerwehr. Sie habe nie etwas vermisst, sagt Johanna.

„Natürlich fänden wir es auch schöner, wenn da ab und zu ein wenig Mohn im Feld blüht. Wenn es jemand bezahlt.“ Tut aber keiner. Niemand sonst in Europa zahle für seine Lebensmittel so wenig wie die Deutschen. Und dann wollten sie es auch noch hübsch haben auf den Feldern. Natürlich könnten sie auch Bioschweine züchten, aber der Markt dafür ist nach wie vor überschaubar.

Der Traum vom Schlachthaus bedeutet noch etwas anderes

Und das sei eben das Problem. Niemand, sagt die 23-Jährige, störe sich daran, dass ein Industriebetrieb heute ganz anders wirtschafte als vor 100 Jahren. Nur der Landwirt, der soll hinter dem Ochsen herlaufen wie die Ururgroßväter, die harte Arbeit in ein frühes Grab brachte. Das sei doch nicht gerecht. Eine andere Landwirtschaft: ob das nicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei? Sie ist überzeugt: ja. Eine, die man nicht auf die Landwirte abwälzen könne.

Es ist spät geworden, schwarz liegt der Himmel über der Uckermark. Johanna Mandelkow möchte jetzt nach Hause. Sie wohnt nicht auf dem Hof? „Was denken Sie denn, schließlich bin ich 23.“ Was wohl nichts anderes heißt, als dass sie sich von anderen 23-Jährigen dann doch gar nicht so sehr unterscheidet. Ihre Wohnung liegt am Ende des Dorfes.

Im Grunde bedeutet auch ihr Traum vom Schlachthaus vor allem: Mehr Unabhängigkeit. Sich möglichst wenig von denen in der Stadt diktieren lassen.

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