Aus Vorsicht zu Hause. Laura Gehlhaar lebt mit einer chronischen Muskelerkrankung. Foto: Privat
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An die Corona-Ignoranten „Ich würde euch gern ins Gesicht brüllen, dass ihr bald Leben auf dem Gewissen habt“

Laura Gehlhaar

Menschen mit chronischen Erkrankungen sind von der Fahrlässigkeit ihrer Mitbürger in der Corona-Krise besonders betroffen. Ein persönlicher Notruf.

„Wenn mir etwas richtig Angst macht, dann die Vorstellung, dass ich ins Krankenhaus muss, es dort zu wenige Betten gibt und die Ärzte entscheiden müssen, wen sie weiter beatmen wollen und wen nicht. Ich meine: Welche Chance hätte ich da gegen eine gänzlich gesunde Person?

Ich habe eine chronische Muskelerkrankung und sitze deshalb im Rollstuhl. Weil ich mich wenig bewege, wird meine Lunge immer kleiner. Mit Infekten hat mein Körper immer schon stark zu kämpfen gehabt, aber eine Atemwegsinfektion, wie sie bei Covid-19 auftritt, könnte für mich lebensbedrohlich werden.

Auf Rücksicht angewiesen. Menschen mit chronischen Krankheiten - hier ein Symbolbild - gefährdet das Coronavirus besonders. Foto: Soeren Stache / dpa Vergrößern
Auf Rücksicht angewiesen. Menschen mit chronischen Krankheiten - hier ein Symbolbild - gefährdet das Coronavirus besonders. © Soeren Stache / dpa

Also bleibe ich zu Hause. Gut, dass ich Profi bin im Krisenmanagement. Einmal, lange vor Corona, war ich zu Hause, ich lebte damals im vierten Stock, als der Aufzug ausfiel. Mit meinem Rollstuhl konnte ich die Wohnung nicht mehr verlassen, drei Wochen musste ich drinbleiben wie Rapunzel in ihrem Turm. Insofern bin ich vorbereitet auf die kommende Zeit.

Trotzdem bin ich auch beunruhigt. Ich bin Autorin und Speakerin bei großen Konferenzen. Meine Auftritte bis August sind alle abgesagt, bis dahin bin ich quasi arbeitslos. Gut, dass ich ein bisschen was angespart habe.

Von der Regierung positiv überrascht

Derzeit betreibe ich, auch wenn das ein bisschen eklig klingt, ziemlich viel self care. Jeden Tag lege ich eine Gesichtsmaske auf, kümmere mich um meine Finanzen, beobachte den Aktienkurs. Außerdem lese ich viel, vor allem feministische Literatur.

Was mich wirklich ärgert und auch wütend macht, sind Menschen, die es jetzt immer noch nicht verstanden haben und weiter draußen sitzen in den Cafés und Bars.

Sprüche wie: „Mein Gott, dann ist man halt mal erkältet“, die gelten einfach nicht mehr. Wenn man so privilegiert ist, sollte man nicht von einem Podest herunter sprechen, das ist gesellschaftlich grob fahrlässig.

Ich würde diesen Leuten gerne ins Gesicht brüllen: „Wenn ihr weiter hier rumsitzt, habt ihr bald Leben auf dem Gewissen.“ Das hört sich zwar hart an, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es so kommt.

Was bei diesen Menschen zutage tritt, ist meines Erachtens der ganz normale Egoismus der Menschen. Das kann man auf so viele andere Situationen übertragen. Viele Menschen sind am Ende nur sich selbst am nächsten.

Aber nicht alles empfinde ich als negativ. Von unserer Regierung bin ich gerade positiv überrascht. Die machen das besonnen und gut. Mein Gott, ich finde sogar Jens Spahn gerade gut.“ (Protokoll: Marius Buhl)

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