Hakan Taş, 53, ist seit 2011 Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. Thilo Rückeis
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Alkoholfahrt und die Folgen Hakan Taş spricht über den Fehler seines Lebens

Vor zehn Monaten wurde der Linken-Politiker Hakan Taş von der Polizei mitgenommen. So ist er mit der Scham umgegangen.

Der Strafbefehl ist jetzt da. Sein Anwalt hat ihn per Mail informiert. Hakan Taş muss 70 Tagessätze à 80 Euro zahlen, macht 5600 Euro. Anfang nächsten Jahres bekommt er den Führerschein zurück. Taş sagt: „Vielleicht kann ich nun damit abschließen.“ Er sagt auch: „Die Strafe, die habe ich verdient.“

Zehn Monate ist es her, dass der Berliner Linken-Politiker Hakan Taş im Taxi saß, nachts um drei auf dem Weg zurück vom Polizeirevier in seine Schöneberger Wohnung, sich schämte und sehr alleine fühlte. Er wusste nicht, wie er das jetzt durchstehen, wie es überhaupt weitergehen sollte. Vor allem fragte er sich, wie er so schrecklich dumm gewesen sein konnte.

Stunden zuvor war er in Berlin-Mitte angetrunken Auto gefahren, hatte einen Laternenpfahl gerammt und war einfach weitergefahren. Minuten später wurde er vor seiner Haustür festgenommen. Am nächsten Vormittag wusste die Presse Bescheid.

Ausgerechnet er, der innenpolitische Sprecher einer senatstragenden Fraktion. Mit 0,9 Promille. Taş legt das Amt des innenpolitischen Sprechers nieder, behält aber sein Mandat im Abgeordnetenhaus. Und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Die Familie wollte es nicht glauben

Was für ein Mensch er denn sei, sprechen ihn Fremde in den Tagen und Wochen danach auf der Straße an. Einer wie er habe in der Politik nichts verloren. Manche sagen ihm, er solle endlich aus Deutschland verschwinden. Schmerzhafter, sagt er, seien die ersten Gespräche mit seiner Familie gewesen. Taş ist in der Türkei geboren, lebt seit 40 Jahren in Berlin. Seine Eltern wohnen hier, seine Geschwister, einige Onkel und Cousins. Nach dem Unfall rufen sie ihn an und warnen, die Zeitungen würde böse Lügen über ihn verbreiteten. „Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass ich so etwas Unvernünftiges tue.“ Doch, sagt er ihnen, das habe ich leider getan.

Einschneidende Ereignisse, die Karrieren schweren Schaden zufügen, gibt es immer wieder. Da war der Bundestagsabgeordnete Volker Beck, der 2016 mit Crystal Meth erwischt wurde. Die Bischöfin Margot Käßmann, die betrunken über eine rote Ampel fuhr. Andere stolpern über plagiierte Doktorarbeiten. Nutzen berufliche Bonusmeilen privat. Machen mit dem Dienstwagen in Alicante Urlaub.

Die meisten reden nicht darüber. Auch Hakan Taş will erst nicht. Eine Tagesspiegel-Anfrage lässt er lange unbeantwortet. Dann ist er doch bereit zu einem Treffen.

Bloß kein Mitleid heischen

Sein Büro liegt im vierten Stock des Berliner Abgeordnetenhauses. Links den Gang runter, Raum 417a, Fenster zum Innenhof. Hakan Taş sagt, er wolle auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass er sich als Opfer schwieriger Umstände inszeniere. Dass er Mitleid heischen wolle oder sich am Ende gar zu rechtfertigen versuche. Im Gegenteil, sagt er. An seiner Schuld bestehe kein Zweifel, die Tat lasse sich durch nichts entschuldigen. „Aber wenn Sie wirklich interessiert, wie mir das passiert ist und wie es mein Leben verändert hat, dann erzähle ich es Ihnen.“

Es ist die Geschichte eines gewaltigen Fehlers. Und der Frage, wie ein Mensch danach weitermachen soll.

An jenem 14. Dezember, es ist ein Freitag, landet Hakan Taş abends mit einer Turkish-Airways-Maschine in Tegel. Er ist mehrere Tage in der Türkei gewesen, war Wahlbeobachter bei einer Bürgermeisterwahl und Prozessbeobachter beim Verfahren gegen Selahattin Demirtaş, dem Vorsitzenden der prokurdischen Partei HDP. An diesem Prozesstag hat der Staatsanwalt 142 Jahre Haft für den Angeklagten gefordert. Taş saß im Saal und war entsetzt.

Am Tag vor seinem Rückflug erfuhr er zudem von einem schlimmen Zugunglück. In Ankara ist frühmorgens ein Schnellzug in eine Lok gerast, die für Wartungsarbeiten an der Strecke im Einsatz war. Der Zug entgleiste, neun Menschen waren sofort tot. Dutzende weitere kamen schwer verletzt ins Krankenhaus. Auch Yusuf Yetim, ein Freund von Taş und Bürgermeisterkandidat der HDP. Er liegt auf der Intensivstation, der Zustand kritisch.

Als Hakan Taş an diesem Freitagabend im Flughafengebäude am Rollband auf sein Gepäck wartet und das Smartphone einschaltet, ist eine Nachricht von seiner engen Freundin Sibel auf der Mailbox: „Er ist gestorben, Hakan. Yusuf ist von uns gegangen.“

Hakan Taş sagt, er sei in Tränen ausgebrochen. Zwei Tage zuvor haben sein Freund und er sich noch in Ankara gegenübergestanden, umarmt und ein baldiges Wiedersehen vereinbart.

Taş steigt ins Taxi nach Hause, dabei telefoniert er mit Berliner Freunden, erzählt ihnen von Yetims Tod. Eine Freundin sagt, sie gehe gleich ins Restaurant, Taş solle doch auch kommen. Es sei nicht gut, jetzt allein zu Hause zu sein.

Könnte er die Uhr zurückstellen, sagt Hakan Taş heute, dann wohl zurück zu diesem Moment. Er hätte einfach ablehnen und ins Bett gehen sollen.

Im Restaurant Unter den Linden

Stattdessen lässt er sich vor seiner Schöneberger Wohnung absetzen, bringt das Gepäck hoch und fährt dann mit seinem eigenen Wagen, einem Mercedes GLK, nach Mitte. In dem Restaurant Unter den Linden warten Freunde. Taş trinkt ein paar Schluck Bier, es schmeckt ihm nicht, stattdessen lässt er sich einen Holunderdrink mit Wodka bringen. „Es war arg süß“, sagt er. „Ich bekam nicht mit, wie viel Alkohol drin war.“ Sie sprechen über den tödlichen Unfall und die 142 Jahre, die Selahattin Demirtaş drohen. Als sie sich nach Mitternacht verabschieden, denkt Taş, er sei fahrtüchtig.

In der Lennéstraße kracht er gegen den Laternenpfahl. Er sieht, dass ein Wagen hinter ihm ist, mit zwei Männern darin, die ihn beobachten. Er weiß nicht, dass es Polizisten in Zivil sind.

Herr Taş, warum sind Sie weitergefahren?

„Ich hatte Angst vor den Männern.“

Er sagt, er wisse, dass dies für Außenstehende unglaubwürdig klinge, er verstehe das. „Aber ich bin für viele in Berlin eine Zielscheibe. Ich bin Kurde, Alevit und schwul.“ Tatsächlich wird Hakan Taş seit Jahren bedroht. Deutsche Rechtsradikale sind mehrfach in der Nähe seiner Wohnung aufgetaucht, haben SS-Runen und Morddrohungen an seiner Tür hinterlassen. Türkische Nationalisten schimpfen ihn „Vaterlandsverräter“. Radikale Sunniten halten ihn für einen Ungläubigen. Ein Jahr vor dem Unfall ist er nachts am Kottbusser Tor aus seinem Auto gestiegen, wurde von einem Unbekannten attackiert und mit einem Metallgegenstand gegen den Kopf geschlagen. Die Platzwunde musste im Krankenhaus behandelt werden. „In diesem Moment, mit den zwei Männern im Wagen hinter mir, musste ich daran denken.“

Ein Innenpolitiker, der von der Polizei abgeholt wird

Als er vor seiner Wohnung ankommt und einparkt, schaltet die Polizei Blaulicht an. Ein Beamter sagt, er müsse mitkommen auf das Revier am Tempelhofer Damm. „Ich habe mich sehr geschämt“, sagt Taş heute. „Ein Innenpolitiker, der von der Polizei abgeholt wird. Es war mir wahnsinnig peinlich.“

Auf dem Revier sitzt er erst mit zwei anderen Festgenommenen in der Zelle, einer ist alkoholisiert, der andere auf Drogen. Taş denkt: was für ein Glück, dass es nur eine Laterne war. Es hätte genauso gut ein Mensch sein können. Dann wird ihm Blut abgenommen. Gegen drei Uhr fährt er im Taxi nach Hause. Dort im Wagen, sagt er, überkommt ihn zum ersten Mal eine Ahnung, dass er in dieser Nacht sein Leben zerstört haben könnte.

Schlaf findet er keinen mehr. Läuft in der Wohnung hin und her, duscht kalt. Am Morgen wird er früh abgeholt, an diesem Sonnabend ist Landesparteitag der Linken in Adlershof. Taş ist für zwei Reden eingeplant, er weiß, dass er sie nicht halten wird. Stattdessen sucht er in einer ruhigen Ecke das Gespräch mit den Fraktionschefs und seinem Büroleiter Servan Deniz. Der sagt: Die meisten Politiker scheitern nicht an ihren Skandalen, sondern dem Umgang damit. Für Taş ist klar, dass er schnell an die Öffentlichkeit gehen und sagen muss, was er getan hat. Bloß keine Salami-Taktik. Ihm ist auch klar, dass er sich von der Innenpolitik verabschieden muss. „Ein Innenpolitiker muss absolut gesetzestreu sein, für Recht und Ordnung einstehen.“ 

Bis zu dieser Nacht, sagt Hakan Taş, habe er sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Fuhr 34 Jahre lang unfallfrei. „Das zählt jetzt nicht mehr.“

Der Pressesprecher kommt hinzu, sagt, die Nachricht sei bereits durchgesickert, es gebe Medienanfragen. Sie formulieren eine Pressemitteilung, danach lässt sich Taş nach Hause bringen.

Allein zuhause auf der Couch

Dann beginnt die schwerste Zeit, sagt er. Er sitzt allein in seinem Wohnzimmer auf der Couch, geht nicht ans Telefon. Am Anfang liest er noch, was die Menschen über ihn auf Twitter schreiben. Dann legt er das Smartphone aus der Hand, sitzt da und starrt aus dem Fenster, auch dann noch, als es draußen bereits dunkel ist.

Eine Freundin ist besorgt darüber, dass er nicht mehr abnimmt. Sie fürchtet, er könnte sich etwas antun. Die Frau fährt zu ihm und klingelt Sturm. Nach ein paar Minuten öffnet Hakan Taş die Tür.

In den Wochen danach erleben ihn Freunde als gebrochenen Mann. Er ist deutlich abgemagert, die Augen geschwollen, der Bart ungepflegt. Sein Mitarbeiter schickt ihm Links zu einzelnen Artikeln über ihn, andere verschweigt er. Vor allem die Kommentare darunter wie „Jetzt trinkt der Dreckstürke auch noch Alkohol.“

Es fällt Taş schwer, sich wieder auf der Straße zu zeigen. Er fühlt sich beobachtet, von Fremden angestarrt. Manche werfen ihm böse Blicke zu, andere scheinen ihn zu bemitleiden. „Womöglich habe ich das oft falsch interpretiert“, sagt er heute, „vielleicht haben die mich gar nicht gekannt und eigentlich ganz woanders hingeschaut. Ich war sehr unsicher.“

„Herr Taş, was haben Sie da getan?“

Weil Taş keinen Führerschein mehr hat, ist er viel zu Fuß, mit dem Bus oder der U-Bahn unterwegs. Er wird häufig angesprochen in diesen Monaten. Das erste Mal in Schöneberg nahe dem Winterfeldtplatz. Eine fremde Frau kommt auf ihn zu und fragt: „Herr Taş, was haben Sie da getan?“ Er sagt, er verstehe es selbst nicht.

Viele wünschen ihm Glück, sprechen Mut zu. Andere beleidigen ihn, vor allem im Internet. Mehr aber quält ihn die Scham, die Selbstverachtung. Und das Gefühl, die Menschen enttäuscht zu haben.

Enorm geholfen habe ihm die Whats-App-Nachricht eines anderen Politikers, der mal in einer ähnlichen Situation steckte: sich durch einen großen Fehler am Abgrund wähnte, mindestens so nah wie nun Taş. „Du musst jetzt stark sein und durchhalten“, stand in der Nachricht. „Das Leben wird weitergehen.“

Wochenlang hat Taş Schlafstörungen, regelmäßig Kopfschmerzen. Isst wenig, hat einen Bandscheibenvorfall. Er will sich professionelle Hilfe holen, um das Erlebte zu verarbeiten. Sucht zwei Therapeuten auf, merkt aber, dass es ihm schwerfällt, frei zu sprechen. „Ich konnte nicht aus mir heraus.“

Hakan Taş mit Flüchtlingen in Charlottenburg. pa/dpa/Pedersen Vergrößern
Hakan Taş mit Flüchtlingen in Charlottenburg. © pa/dpa/Pedersen

Ob er überhaupt weitermachen will in der Politik, hat er da noch nicht entschieden. Es ist Servan Deniz, sein Büroleiter, der zu einem Trick greift. Er bittet Taş zu einer Veranstaltung ins Hermann-Ehlers-Haus zu gehen, ein Tagungszentrum in Wittenau. Viele Kurden, Aleviten würden erwartet, Mitstreiter für Homosexuellenrechte. Es sei wichtig. Taş sträubt sich, gibt dann nach. Er weiß nicht, dass alle nur seinetwegen kommen.

Dabeigewesene sagen, Hakan Taş habe an diesem Abend furchtbar ausgesehen, um Jahre gealtert. „Er war ein Wrack.“ Der Reihe nach sagen ihm die Anwesenden, dass er weitermachen soll. „Das Treffen“, sagt Taş heute, „war der Knackpunkt“.

Im Frühjahr wagt er sich zum ersten Mal zurück ins Abgeordnetenhaus. Anders als befürchtet, verspottet ihn niemand. Stattdessen gehen selbst einzelne Politiker von CDU und FDP auf ihn zu, begrüßen und umarmen ihn.

Der Mitarbeiter einer Oppositionsfraktion sagt: Was Taş’ Karriere gerettet habe, sei wohl die Tatsache, dass der Mann in 14 Jahren zwar streitbar gewesen, aber immer verbindlich geblieben sei. Keine Intrigen gesponnen habe. „Es gab einfach nicht viele Rechnungen zu begleichen.“

Im Abgeordnetenhau ist er weiterhin Vorsitzender des Ausschusses für Integration, Arbeit und Soziales, einen Abwahlantrag der AfD überstand er mit den Stimmen von Koalition und FDP. Eine Rede im Plenarsaal zu halten, hat sich Hakan Taş trotzdem lange nicht getraut. In diesem Sommer war es dann so weit. Er sprach über die geplante Schaffung des Landesamts für Einwanderung. Irgendwann musste ich ja, sagt er. Weil das Leben doch weitergeht.

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