Auch etablierte Wein- und Sektgüter führen inzwischen "alkoholfreie" Schäumer in ihrem Sortiment Foto: Kai Röger
© Kai Röger

Akoholfreie Schäumer Ist das so prickelnd?

Weingüter und Sektkellereien setzen auf alkoholfreie Alternativen. Die Genuss Redaktion hat acht davon getestet

Er ist einfach überall: Bei der Galerieeröffnung, auf dem Sommerfest oder beim Restaurantbesuch gilt als ausgemacht, dass Alkohol gereicht und getrunken wird. Dabei leben 30 Prozent aller Deutschen abstinent, Tendenz steigend. Auch medizinische oder religiöse Gründe können zur Ablehnung von Alkohol führen, während einer Schwangerschaft ist er ohnehin tabu.

Lange blieb Nichttrinkern nur der Ersatzgriff zu Wasser oder Saft, kulinarisch auf Dauer kein annehmbarer Zustand. Wer zu seinem Menü eine Saftbegleitung wählt, wird allzu schnell gesättigt sein, auch durch die geballte Fruchtsüße, die selbst bis in Schorlen hinein dominant bleibt. Fermentierter Saft – nichts anderes ist Wein – bildet vielschichtige Aromen aus, aber eben auch Alkohol. Wie Fett trägt er den Geschmack, sorgt für Zusammenhalt und Nachklang im Mund. Eine Verbindung, der man sich nur schwer entziehen kann.

"Alkoholfrei" bedeutet nicht, dass gar kein Alkohol enthalten ist

Doch genau diesen Weg gehen die meisten alkoholfreien Getränkevarianten: Nach der traditionellen Vergärung von Trauben werden dem fertigen Wein die Prozente technisch wieder entzogen. Das gängige Verfahren dafür hat Carl Jung bereits 1908 im Rheingau entwickelt. Mithilfe eines Vakuums sinkt der Siedepunkt von Alkohol von 78 auf 27 Grad. Er verdampft und kann so abgetrennt werden. Die nur leichte Erhitzung soll die empfindlichen Weinaromen erhalten.

Jungs Unternehmen existiert noch heute und entalkoholisiert gut drei Millionen Liter Wein im Jahr, der erste deutsche Schaumwein ohne Prozente wurde 1964 vorgestellt. Hochmoderne Anlagen zum Alkoholentzug betreiben auch die Schaumweingiganten Rotkäppchen-Mumm und Henkel Freixenet. Ihre Motivation: Die Menge des konsumierten Weins ist rückläufig, der Markt gilt als gesättigt. Alkoholfreie Varianten hingegen verzeichnen steigende Umsätze, zuletzt gingen in Deutschland gut 20 Millionen zumeist schäumende Flaschen über den Tresen – nüchtern betrachtet ein gutes Geschäft.

Wenn „alkoholfrei“ auf dem Etikett steht, darf nach dem Gesetz höchstens ein Rest von 0,5 Prozent im Getränk verbleiben. Zum Vergleich: Sauerkraut kann es leicht auf 0,4 Prozent bringen. Die meisten entalkoholisierten Weine enthalten nicht mehr als 0,25 Prozent, wer aus Glaubensgründen dem Alkohol komplett abschwört, kann sich an das Halal-Zertifikat halten, dass null Prozent garantiert.

Auch beim Design suchen viele Anbieter die Nähe zu alkoholischen Vorbilder, viele Flaschen werden sogar verkorkt Foto: Nicole Klauss Vergrößern
Auch beim Design suchen viele Anbieter die Nähe zu alkoholischen Vorbilder, viele Flaschen werden sogar verkorkt © Nicole Klauss

Trotz des erfolgreichen technischen Entzugs empfehlen Suchtberatungen diese Sekte, Weine und Biere übrigens nicht für Alkoholkranke. Die Nähe zum Ursprungsprodukt mit Umdrehungen gilt als psychologisch heikel und kann Rückfälle auslösen. Den Verkostern dagegen fällt es oft schwer, sich den Wein vor seiner erzwungenen Abstinenz vorzustellen. Das liegt auch daran, dass im Massensegment mit extrem billigen Ausgangsprodukten ohne aromatische Eigenschaften gearbeitet wird. Viele renommierte Winzer liebäugeln zwar mit eigenen Null-Prozent-Produkten, scheuen aber den Vergleich mit ihrer normalen Weinproduktion.

Denn eines ist bei allen Qualitätsunterschieden sicher: Mit dem Alkohol nimmt man dem Wein seine Mitte, alle Geschmackskomponenten geraten in Unordnung und müssen durch Zugabe von Zucker wieder halbwegs harmonisiert werden. Dabei erreicht die Süßekonzentration bis zu 70 Prozent einer klassischen Coke, dennoch haben Weine mit Alkohol deutlich mehr Kalorien. Die Auswahl wird dominiert von Flaschen mit zugesetzter Kohlensäure, die Frische suggeriert und über aromatische Engpässe hinwegperlt. Diesen Getränken widmen wir unsere Verkostung, erweitert um sprudelnde Versuche, komplexe Getränke ohne den Weg über die Entalkoholsierungsanlage zu gewinnen.

Die "nüchterne" Jury (v.li.n.re.): Ulrich Amling, Nicole Klauss und Kai Röger Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Die "nüchterne" Jury (v.li.n.re.): Ulrich Amling, Nicole Klauss und Kai Röger © Kitty Kleist-Heinrich

Achtmal null Prozent: Nüchtern analysiert

Unsere Jury testet entalkoholisierte Weine, Tee- und Saftmixturen.

Light live, Sparkling White 2,99 Euro
Der Marktführer aus der Großkellerei Schloss Wachenheim flutet allein 40 Prozent des deutschen Marktes für Schaumohnealkohol. Unsere Verkoster konnte er nicht überzeugen.
Nicole Klauss: „Leider ist die Kohlensäure nach kürzester Zeit weg, und dann bleiben unschöne Retronoten.“
Kai Röger: „Der Geschmack erinnert an Zitronenlimo, die zu lange in der Sonne stand und dann offen in den Kühlschrank gestellt wurde.“
Ulrich Amling: „Riecht muffig, nach Schwefel und undefinierbaren Gärtönen, hat also alles, was man in Sekt partout nicht finden will.“

Rotkäppchen Alkoholfrei 3,99 Euro
Auch der Lieblingsversorger der Sektnation hat in eine hochmoderne Entalkoholisierungsanlage investiert. In unserer Runde ist nicht ein Fan von Rotkäppchen halbtrocken, umso überraschender die Urteile.
Nicole Klauss: „Frisch und zitrisch, hat was von herber Traubenschorle – um Längen besser als die Version mit Alkohol.“
Kai Röger: „Traubig, schöne Perlage, definitiv besser als das halbtrockene alkoholische Pendant.“
Ulrich Amling: „Aromen von Banane, Malz und Trauben, dazu ein straffes Perlen. Wenn ich mich entscheiden müsste: mein Lieblings-Rotkäppchen.“

SeccOhne weiß Staatsweingut Weinsberg, 7,80 Euro
Jenseits der Massenproduktion: Die Winzer der ältesten deutschen Weinbauschule wählen für ihren Null-Prozent-Schäumer eine aromastarke Kombination aus 70 Prozent entalkoholisiertem Muskatellerwein und 30 Prozent Muskatellersaft.
Nicole Klauss: „Wenn man sich nicht von den Obstsalatnoten in der Nase abschrecken lässt, wird man mit einem frischen Secco belohnt. Passt zu grünem Hähnchen-Curry.“
Kai Röger: „Ein sehr gutes, unterhaltsames Produkt. Passt auch zu Desserts, wo man meist eh schon einen sitzen hat und nicht noch mehr Stoff braucht.“
Ulrich Amling: „Wunderbar reintönige Weinaromen, schöne Säurebalance: ein toller Muskateller, dem gar nichts fehlt.“

Rosé Pur Bio Sektmanufaktur Strauch, 10,90 Euro
Einer der Aufsteiger am Sekthimmel setzt auch ohne Alkohol auf eine klare Linie: Strauchs Rosé stammt aus biologisch angebauten Spätburgundertrauben, die Flasche ist genauso hochwertig ausgestattet wie die der normalen Sekte.
Nicole Klauss: „Perfekt zu mediterranen Salaten mit Oliven und Tomaten – oder einfach nur so zum Sonnenuntergang. Leichte Abzüge in der B-Note für irritierende retronasale Momente.“
Kai Röger: „Sieht schick und elegant aus, kann man sehr gut auf den Tisch stellen. Sektähnlich, aber mehr Kohlensäure, beschwört so das Klischee vom Rülpswasser.“
Ulrich Amling: „Stimmig, rund, mit zarten Anklängen an Hibiskus und Hagebutte. Gekonnt und erkennbar vom Spätburgunder geprägt. Die Aufmachung erlaubt Undercover-Einsätze.“

Grüner Veltliner prickelnd alkoholfrei, Kolonne Null, 11,90 Euro
Berliner Start-up mit cool designter Flasche, für den Inhalt sorgt der Branchenälteste, die Kellerei Carl Jung im Rheingau.
Nicole Klauss: „Grobe Perlage, leicht muffige Noten und ein zu vernachlässigendes Aromenspiel. Kein überzeugendes Preisleistungsverhältnis.“
Kai Röger: „Prickelt viel zu doll, aber ohne Elan, wie ein überdrehter Partygast auf Kokain. Viel schickes Design auf der Flasche, wenig Trinkspaß darin.“
Ulrich Amling: „Riecht wie feucht gewordene Sitzkissen, flache Aromatik, stumpfes Ende. Anspruchsvoll nur im Preis.“

Zéra Chardonnay Bio Pierre Chavin, 7,95 Euro
Das Bio-Weingut aus dem Süden Frankreichs wendet beim Alkoholentzug ein Verfahren an, das sonst auch bei der Konzentration von Aromen verwendet wird. Das riecht man auch.
Nicole Klauss: „Aromen von Pfirsich-Sahnejoghurt, gute Säure, angenehme Cremigkeit, feine Perlage, die allerdings nicht lange anhält.“
Kai Röger: „Sehr angenehme, cremige Textur, der Geschmack dreht sich allmählich zu besserem Weinbergpfirsich-Joghurt, gut trinkbar wegen des eleganten Mundgefühls.“
Ulrich Amling: „Eine wahre Fruchtexplosion, unterlegt von Sahnejoghurt. Dennoch schön straff im Mund. Leicht überdreht, aber nicht unsympathisch.“

Träublein Bio Schloss Vaux, 8,90 Euro
Die Rheingauer Sektmanufaktur setzt bei ihrem alkoholfreien Schäumer nicht auf Alkoholentzug, sondern mischt verschiedene Bio-Säfte (voran Traube) mit Gerstenmalz vom befreundeten Brauer.
Nicole Klauss: „Geht die Kohlensäure, geht auch die Frische, was bleibt, ist ein eher uninspiriertes Getränk, dem mehr Säure gutgetan hätte.“
Kai Röger: „In der Nase leicht malzig, überreife Himbeeren und Johannisbeeren, aber es fehlt an Säure und Frische. Schmeckt fast brotig, macht schnell satt.“
Ulrich Amling: „Riecht wie aufgelöste Bonbons vom Kindergeburtstag, im Mund zu süß. Nur für jung gebliebene Gaumen.“

Sparkling Juicy Tea Bio Van Nahmen, 7,95 Euro
Und noch ein anderer Weg zur Null-Prozent-Marke: Der Qualitätsentsafter Van Nahmen kombiniert Auszüge von Jasmin- und Verbene-Tee mit Saft vom Riesling.
Nicole Klauss: „Schwer verständlich, warum hier die Minze so dominiert, von Riesling und Jasmin leider keine Spur.“
Kai Röger: „In der Nase Saunaaufguss mit Latschenkiefer, hintenraus bleibt nur Pfefferminztee. Sollte bei den Erfrischungsgetränken und nicht im Weinregal stehen.“
Ulrich Amling: „Die Tee-Trauben-Kombination liest sich gut, geht aber in Minzgewittern unter. Erstaunlich unterkomplex für diesen engagierten Produzenten.“

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.

 

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