Alice Weidel (l-r), Fraktionsvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, Fraktionsvorsitzender der AfD, und Tino Chrupalla, Kandidat für den Bundesvorsitz der AfD. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Wer führt nach Gauland die AfD? Beim Wechsel an der Spitze droht Chaos

Auf dem AfD-Parteitag am Wochenende will Alexander Gauland als Vorsitzender aufhören. Auf ihn soll Tino Chrupalla folgen. Doch auch andere wollen den Posten.

Bei der Erinnerung an Hannover überkommt so manchen AfD-Funktionär heute noch das Unbehagen. 2017 war es, als die Partei dort eine neue Führung wählen wollte – der bisherige Parteichef Jörg Meuthen sollte mit dem Berliner Landeschef Georg Pazderski eine Doppelspitze bilden. Das Duo schien gesetzt. Doch dann schickte der radikale „Flügel“ um Björn Höcke die ultrarechte Landesvorsitzende Doris von Sayn-Wittgenstein aus Schleswig-Holstein gegen Pazderski ins Rennen.

Während Pazderski eine schwache Rede hielt, traf Sayn-Wittgenstein – intern die „Fürstin“ genannt – den Nerv der Partei. Um ein Haar wäre sie auch gewählt worden. Am Ende reichte es weder für sie noch für Pazderski. Schließlich löste Alexander Gauland die Pattsituation auf und stellte sich selbst zur Wahl.

Hannover, sagen sie heute in der AfD, darf sich nicht wiederholen. Hannover ist zur Chiffre geworden – für Chaos und eine politische Beinahe-Katastrophe. Denn die „Fürstin“, das weiß man heute, soll für einen rechtsextremen Verein geworben haben und musste aus der Partei ausgeschlossen werden. Nun ist Hannover wieder ganz nah.

Die Rechtspopulisten wählen an diesem Wochenende in Braunschweig eine neue Parteispitze. Wieder gibt es ein Wunsch-Duo und wieder könnte am Ende alles anders kommen.

Kandidatur per Videobotschaft

Parteichef Gauland ist mittlerweile 78 Jahre alt. Er führt gleichzeitig die AfD-Fraktion. Gauland ist bereit, den Parteivorsitz abzugeben und Ehrenvorsitzender zu werden. Eine geregelte Nachfolge, ein Generationswechsel, wäre die Krönung seiner politischen Karriere.

Alexander Gauland führt auch die AfD-Bundestagsfraktion. Foto: REUTERS Vergrößern
Alexander Gauland führt auch die AfD-Bundestagsfraktion. © REUTERS

Am Wochenende passierte jedoch das, was sie in der AfD-Spitze schon lange befürchtet hatten: Der Berliner Bundestagsabgeordnete Gottfried Curio kündigte in einer Videobotschaft an, er wolle für den Parteivorsitz kandidieren. Blass wie immer saß der Innenpolitiker vor der Kamera, warnte vor der „Selbstauflösung“ des deutschen Nationalstaats und kritisierte eine „einseitige Geschichtsschreibung“ in Deutschland.

Selbst einigen Parteifreunden ist der Mann unheimlich. Curio ist Physiker und Musiker, gilt als hochintelligent und bedient mit seinen scharfen, migrationsfeindlichen Reden eine wachsende Fangemeinde im Netz. Gleichzeitig heißt es über ihn, er sei ein „einsamer Wolf“, spreche sich mit niemandem ab, schmiede keine Allianzen. Seine Parteitagsreden studiert der 59-Jährige angeblich akribisch über Wochen vor dem Spiegel ein. Könnte er es der „Fürstin“ gleichtun?

Die personelle Auswahl ist klein

Curio taucht in den bisherigen Planungen für die Besetzung des Bundesvorstandes nicht auf. Als Nachfolger Gaulands ist der sächsische Malermeister Tino Chrupalla vorgesehen. Der sagt: „Es stünde der Partei sicher gut zu Gesicht, wenn sie an der Spitze einen Protagonisten aus dem Westen und einen aus dem Osten hätte.“

Schon Mitte des Jahres hatten die Landesverbände im Osten den Anspruch formuliert, auch an der Spitze der Partei vertreten zu sein. Nach den Wahlerfolgen konnte man ihnen diesen Wunsch nicht mehr abschlagen. Und weil der Baden-Württemberger Meuthen Parteichef bleiben soll, sollte der Gauland-Nachfolger aus dem Osten kommen.

Noch weitere Kriterien wurden in internen Runden diskutiert: Der Neue sollte dem radikalen „Flügel“ nicht angehören, aber ein gutes Verhältnis zu ihm pflegen. Er sollte einen bürgerlichen Habitus mitbringen und es sollte jemand sein, der wie Gauland eine Klammer bilden kann zwischen den verschiedenen Strömungen in der Partei. Manche fügten der Liste der Ansprüche noch die Eigenschaft „charismatisch“ hinzu.

Dass man sich schließlich Chrupalla aussuchte, liegt auch daran, dass die Auswahl nicht groß war. Auch gegen ihn gibt es Einwände: Er sei zu unerfahren, finden einige, zu wenig sattelfest in vielen politischen Themen und bei den Mitgliedern im Westen viel zu unbekannt.

Führende AfD-Vertreter wie Fraktionschefin Alice Weidel bemühen sich, seine Vorzüge herauszustellen. Immer wieder wird gelobt, dass Chrupalla als Vizefraktionschef die Finanzen der Fraktion aus dem Chaos befreit habe. Chrupalla selbst unterstreicht seine Kompetenz als Unternehmer. Er wirbt dafür, dass die AfD sich stärker auf Wirtschaft, Mittelstand und Bildung konzentriert. Ob es für ihn reichen wird, ist unklar.

Malermeister Tino Chrupalla ist im Westen eher unbekannt. Foto: imago images / Metodi Popow Vergrößern
Malermeister Tino Chrupalla ist im Westen eher unbekannt. © imago images / Metodi Popow

Doch auch Parteichef Meuthen sitzt weniger fest im Sattel als noch vor zwei Jahren. Er hat es sich mit dem radikalen „Flügel“ verscherzt. Da war etwa seine Rede beim baden-württembergischen Landesparteitag in Heidenheim. „Wer hier seine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ausleben möchte, dem sage ich ganz klar: Sucht euch ein anderes Spielfeld für eure Neurosen!“, rief er – viele im „Flügel“ fühlten sich angesprochen.

Und als im Sommer etliche Funktionäre in einem „Appell der 100“ den Personenkult um Björn Höcke kritisierten, zeigte Meuthen Verständnis. Im eigenen Kreisverband kassierte er die Quittung: Meuthen wurde nicht als Delegierter für den Bundesparteitag aufgestellt.

Curios Video lässt darauf schließen, dass er eher gegen Chrupalla als gegen Meuthen antreten würde. Gegen Meuthen hätte er zwar die Stimmen des „Flügels“ sicher. Ein einflussreicher Funktionär hält das aber für unrealistisch: „Wenn Curio gegen Meuthen anträte, würde das extrem viel Unfrieden in die Partei tragen.“

Curio gilt nicht als fleißig oder führungsstark

Parteitage bei der AfD sind unberechenbar. Viel wird deshalb davon abhängen, wie stark Curios Rede gelingt. Als der Landesverband Berlin seine Landesliste für die Bundestagswahl aufstellte, schaffte es Curio aus dem Stand auf Platz zwei. Doch der Innenpolitiker trifft nicht immer den richtigen Ton: Als er sich bei der Neuwahl des Fraktionsvorstandes in diesem Jahr selbst für den Vizeposten vorschlug, scheiterte er. In der Fraktion gilt er zwar als guter Redner, aber nicht als fleißig oder führungsstark.

Gottfried Curio ist für seine scharfen Reden bekannt. Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
Gottfried Curio ist für seine scharfen Reden bekannt. © picture alliance/dpa

Die Kandidatur des Physikers ist nicht die einzige Unwägbarkeit auf dem Bundesparteitag. Auch die Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst zieht nach eigenen Angaben eine Kandidatur in Erwägung. Höchst ist bislang wenig aufgefallen, hatte aber im vergangenen Jahr mit einer kleinen Anfrage bei Sozialverbänden für Entsetzen gesorgt.

Unter dem Titel „Schwerbehinderte in Deutschland“ fragten sie und die AfD-Fraktion nach der Zahl der Schwerbehinderten, die „durch Heirat in der Familie entstanden“ sind, und danach, wie viele von ihnen einen Migrationshintergrund haben. Man warf Höchst vor, einen Zusammenhang zwischen Migration und Inzest hergestellt zu haben.

Zusätzlich zum Gerangel um den Parteivorsitz wird es auch bei den Stellvertreterposten eng. Derzeit sind der Berliner Landeschef Georg Pazderski sowie die Bundestagsabgeordnete Kay Gottschalk und Albrecht Glaser Vize-Parteichefs. Nun will auch Fraktionschefin Weidel antreten. Auch Roland Hartwig, einer der Parlamentarischen Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, ist im Gespräch.

Während Weidel gute Chancen ausgerechnet werden, den Posten auch zu bekommen, könnte es für Pazderski eng werden. Für den Oberst a. D. wäre das ein ernstes Problem, weil er auch im Berliner Landesverband um seine Wiederwahl kämpfen muss und eine Niederlage in Braunschweig seine Position nochmals schwächen würde.

Für den radikalen „Flügel“ ist unterdessen entscheidend, wie viele Vertreter er in den neuen Bundesvorstand bekommt. In NRW ist vor einigen Wochen ein – wie es intern heißt – „Flügel“-freier Landesvorstand gewählt worden. Das wollen die „Flügler“ für den Bundesvorstand um jeden Preis verhindern. Mindestens „Flügel“-Strippenzieher Andreas Kalbitz, derzeit Beisitzer und wegen seiner rechtsextremen Vergangenheit in der Kritik, dürfte es aber wieder schaffen.

Angesichts der Gemengelage wartete Parteichef Gauland lange ab. Intern hieß es: Entscheiden, ob er antrete, werde Gauland erst auf dem Parteitag selbst. Ehe jemand Ungeeignetes Parteivorsitzender werde, wolle Gauland lieber selbst noch einmal ran. Doch die Parteispitze hat nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ am Dienstagabend entschieden: Gauland soll nicht mehr kandidieren, Chrupalla habe gute Chancen.

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