Höcke will die AfD als „Bewegungspartei“

Hinter vorgehaltener Faust. Dass er aus der Partei ausgeschlossen werden könnte, fürchtet Björn Höcke nicht mehr. Foto: imago/Christian Thiel
AfD-Politiker Björn Höcke sucht seinen Weg aus der Deckung

Es gibt Erzählungen von AfD-Parteitagen, da werden die Bewerber für die Landeslisten oder eine Direktkandidatur gefragt, wie sie zu Björn Höcke und zum Ausschlussverfahren stehen. Die Antwort ist nicht selten ausschlaggebend dafür, ob sie gewählt werden. „Mag sein“, sagt Höcke dazu nur.

Mittlerweile geht in der Partei kaum noch jemand davon aus, dass Höcke ausgeschlossen wird. Anfang 2018 wird das Landesschiedsgericht in Thüringen ein Urteil fällen. Es wird den Parteiausschluss wohl ablehnen – schon allein weil mehrere Höcke-Anhänger in dem Gremium sitzen. Nachdem Petry, die größte Widersacherin Höckes, die Partei verlassen hat, ist es auch unwahrscheinlich, dass der Bundesvorstand den Prozess in die nächste Instanz treibt. Es gibt sogar Anträge für den Bundesparteitag, das Verfahren auf der Stelle zu beenden. Werden sie angenommen, wäre es das Comeback für Höcke.

Und Höcke, der Lehrer, hat gelernt. Er ist vorsichtig geworden. „Ich rede eigentlich gerne frei, aber das mache ich jetzt nicht mehr.“ Er hält sich stärker zurück und glaubt, seinen Fehler gefunden zu haben: „Als Politiker müssen Sie wie ein Lehrer didaktisch reduzieren. Ich habe hochkomplexe Sachverhalte oft nicht verständlich genug kommuniziert.“ Gleichzeitig verharmlost er das, was er gesagt hat: „Eine falsche Rede, ein paar falsche Begriffe, einen falschen Ton – was ist das denn eigentlich gegen die Fehlleistungen des politischen Establishments?“ Es wird deutlich: Den Inhalt seiner Reden bereut er nicht. Er steht hinter seinen Worten.

„Wer so etwas tut, der ist in meinen Augen ein Terrorist.“

Am vergangenen Samstag betritt Höcke die Bühne einer Tagungshalle in Leipzig. Das rechte „Compact Magazin“ hat unter dem Motto „Opposition heißt Widerstand“ eingeladen – als Redner tritt hier auch Martin Sellner, Galionsfigur der völkischen „Identitären Bewegung“ auf. Höcke wird mit stehenden Ovationen empfangen. Hier will er über die Mahnmal-Aktion neben seinem Haus sprechen. „Wenn ich alleine wäre“, sagt er, „dann könnte ich mit einem Lächeln auf den Lippen sagen: Welcher Politiker bekommt schon zu Lebzeiten sein eigenes Denkmal vor die Haustür gestellt?“ Gelächter. Doch er sei Vater von vier Kindern. „Wer so etwas tut, der ist in meinen Augen ein Terrorist.“ Tosender Applaus. Von den ganz Rechten wird er heiß geliebt.

Höcke spricht in Leipzig auch zu denen, die befürchten, dass die AfD sich im Bundestag zu stark dem verhassten Polit-Establishment annähert. „Die AfD muss eine Bewegungspartei sein und bleiben“, ruft er. Er hat diesen Begriff schon oft gebraucht, er kommt gut an bei den Leuten von Pegida und Co. In der AfD ist er umstritten. Hat eine Bewegung nicht immer einen Führer?

Auch einer seiner ehemaligen Schüler erzählte vergangenes Jahr dem Online-Magazin „Vice“, dass sich Höcke im Unterricht wiederholt auf die Abhandlung „Psychologie der Massen“ des Franzosen Gustave Le Bon bezogen hatte. Regelrecht fasziniert sei er davon gewesen. In dem Werk heißt es: „Die Masse ist eine Herde, die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß.“ Dieser Hirte brauche einen Nimbus, einen Zauber, der alle kritischen Fähigkeiten lähme.

Man dürfe nicht betriebsblind werden, sagt Höcke

Höcke sagt auf der Fahrt zum Siemens-Marsch, dass der Begriff der Bewegungspartei skandalisiert worden sei. Man müsse einfach im Kontakt mit dem Volk bleiben, nicht betriebsblind werden. Deshalb müssten AfD-Parlamentarier Arbeit auf der Straße machen.

Am Siemens-Werk angekommen, sehen Höcke und seine Kollegen schon von weitem Politiker wie Ministerpräsident Bodo Ramelow oder Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee stehen, die ein Banner halten. Höcke und seine Leute fädeln sich in der zweiten Reihe ein, noch vor den SPD- und Linken-Mitgliedern. Und dann stellt sich Höcke so hin, dass er von vorne sichtbar ist. Auf einem Bild wird es am Ende sogar so aussehen, als hätten sie ihn in die erste Reihe gelassen – die Granden der thüringischen Politik.

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