Der Ärztepräsident über die besondere Rolle der Medizin beim Sterben

Ärztepräsident Montgomery über Suizidbeihilfe durch Mediziner „Dann sind wir ganz schnell bei aktiver Sterbehilfe“

In Umfragen stemmt sich eine klare Mehrheit der Bürger gegen jedes Verbot von Sterbehilfe. Worauf führen Sie das zurück?
Ich kann das verstehen. Es ist eine Art Optionsmentalität. Viele möchten einfach die Möglichkeit haben, am Ende selber zu entscheiden.

Viele bekommen auch mit, wie schlimm es in manchen Krankenhäusern abläuft: Apparatemedizin, Lebenserhaltung um jeden Preis ...
Das ist ein anderes Thema, da geht es um die Durchsetzung der Patientenverfügung. Wo Menschen ihren Willen klar geäußert haben, gibt es keine Übermedikamentierung mehr. Unser Problem ist, dass wir diesen Willen oft nicht kennen.

30 Prozent der Ärzte sind für Suizidbeihilfe. Das ist nicht wenig bei einer Frage, bei der es um Leben und Tod geht.
Wir kriegen bei ethischen Fragen, gleich welcher Art, niemals eine klare Übereinstimmung. Aber bei den Umfragen kam auch heraus, dass die Zustimmung umso geringer ist, je näher Ärzte bei den Sterbenden sind. Bei Onkologen oder Palliativmedizinern sind es weniger als neun Prozent, während viele junge Ärzte das ganz anders sehen. Und wissen Sie: Einstimmigkeit bei solchen Fragen würde mich auch nervös machen. Weil es an Systeme erinnert, die wir hier nicht haben und nicht wollen.

Der Berliner Arzt Michael de Ridder sagt, Sie wollten mit ihrer Positionierung gegen Suizidbeihilfe das Gewissen der Ärzte gleichschalten ...
Das ist Blödsinn. Wir haben eine offene Debatte, jeder äußert seine Meinung. Ich habe die Meinung des Deutschen Ärztetages zu vertreten, wo sich eine Dreiviertelmehrheit gegen Suizidbeihilfe ausgesprochen hat.

In Kliniken wird oft eine andere Form der Sterbehilfe praktiziert: Leidende im Endstadium erhalten so großzügig Schmerzmittel, dass sie das nicht überleben. Müsste man da nicht auch genauer hinschauen?
Wir haben eines der restriktivsten Betäubungsmittelgesetze der Welt. Das liegt daran, dass in den 20er Jahren ein erheblicher Teil der Ärzte morphinsüchtig war und man uns vor uns selbst schützen wollte. Wir haben in Deutschland noch immer ein gestörtes Verhältnis zu Schmerzmitteln. Das ändert sich heute aber durch gute Anästhesisten. Es gibt klare Richtlinien für Schmerztherapie. Wer sich daran hält, und das sollte er, gibt den Patienten nicht mehr Schmerzmittel, als sie vertragen.

Die Palliativmedizin steckt noch immer in den Kinderschuhen. Auf dem Land zum Beispiel ist die Versorgung nach wie vor sehr lückenhaft.
Wir sind aber schon viel weiter als noch vor zehn oder 15 Jahren. Gerade hat der Bundestag einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der dafür 180 bis 200 Millionen Euro vorsieht. Das ist ein tolles Signal.

Auch Schmerzmedizin hat ihre Grenzen. Woher nehmen Sie das Recht, schwerst Leidenden zu sagen: Ihr dürft euch nicht vom Arzt beim Suizid helfen lassen?
Ich nehme ihnen nicht das Recht, sich helfen zu lassen. Und auch nicht, es selber zu tun. Ich nehme ihnen nur die Illusion, dass das klinisch sauber und schmerzfrei von anderen zu erledigen sei. Mit Verlaub: Das müssen sie schon selber machen.

Wenn’s mit dem Patienten hart auf hart geht, drücken Sie sich?
Überhaupt nicht. Ich begleite ihn zu einem Palliativmediziner. Der wird ihn sedieren, ihm den schlimmsten Schmerz nehmen. Und wenn der Patient aufwacht, steht er womöglich wieder ganz anders zum Leben.

Zur Startseite