Anzeige
Benny Bennet Jürgens entwickelt mit seinem Team vollautomatische Trust Services aus Basis künstlicher Intelligenz

Vollautomatische Identifizierung Wir brauchen die Experimentierklausel im GwG

Benny Bennet Jürgens ist CEO und Gründer des Tech-Unternehmens Nect aus Hamburg. Mit seiner App, der Nect Wallet, bietet er verschiedenen Branchen eine vollautomatische Möglichkeit, ihre Kunden zu identifizieren und Dokumente unterschreiben zu lassen. Ausgenommen sind in vielen Fällen die Banken in Deutschland. Woran das liegt, erzählt der gelernte Informatiker im Interview.

Herr Jürgens, zu Ihren Kunden zählen Unternehmen wie die R+V, die Telekom, die Barmer und weitere regulierte Unternehmen. Wie steht es um die Zusammenarbeit mit Banken?
Wir arbeiten nicht ausschließlich, aber überwiegend mit regulierten Unternehmen zusammen. Die Bundesagentur für Arbeit hat uns während der Corona-Pandemie zur Antragsstellung auf Arbeitslosengeld eingesetzt. Unsere Lösung ist also auch für den Einsatz in Behörden nutzbar. Mit der Finanzbranche sieht es noch etwas anders aus. Im Sinne des §13 Geldwäschegesetz (GwG) sind vollautomatische Identifizierungsverfahren derzeit noch nicht zulässig. Video-Ident-Verfahren mit Unterstützung von geschultem Personal hingegen schon. Auch die qualifizierte elektronische Signatur, die wir seit diesem Jahr im Portfolio haben, gilt als zulässige Identifizierungsmethode, allerdings nur in Verbindung mit einer Referenzüberweisung. Womit Deutschland eine, in meinen Augen, sehr nachteilige Sonderrolle einnimmt. Die Kunden müssen in Deutschland also zumeist noch mit einer menschlichen Kontrolle vor Ort oder per Video-Chat vorliebnehmen.

Woran liegt das?
Finanzielle Transaktionen unterliegen hohen Sicherheitsanforderungen, die im GwG niedergeschrieben sind und von der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) kontrolliert werden. Hier herrscht immer noch die weit verbreitete Ansicht, dass die sicherste Methode eine sein muss, die von Menschen durchgeführt oder unterstützt wird. Dabei kann belegt werden, dass die Maschine verlässlicher als der Mensch arbeitet. Was völlig natürlich ist. Die Konzentration eines Menschen lässt nach einer gewissen Zeit nach. Wie kann dann noch sichergestellt werden, dass ein Ausweisdokument wirklich akribisch auf seine Sicherheitsmerkmale hin, zum Beispiel Hologramme oder die Guillochenstruktur, überprüft wird? Auch für die Erkennung digitaler Manipulationen benötigt der Mensch bereits heute die maschinelle Unterstützung und belegt die Sicherheitslücke Mensch.

Mit dem Nect Ident identifizieren sich Nutzer vollautomatisch per App. Ausweisdokument aufnehmen, Gesicht filmen. Fertig Vergrößern
Mit dem Nect Ident identifizieren sich Nutzer vollautomatisch per App. Ausweisdokument aufnehmen, Gesicht filmen. Fertig

Was muss sich verändern, damit auch Banken Ihre Technologie einsetzen können?
Eine erste Veränderung wurde bereits im Sommer 2021 auf den Weg gebracht. Der Bundestag hat eine Experimentierklausel zur Kundenidentifizierung in §13 GwG verabschiedet. Hintergrund war das Ziel, eine Grundlage für den Einsatz einer ID Wallet zu schaffen. Diese Experimentierklausel muss nun aber noch konkretisiert werden, damit sie Teil der Rechtsgrundlage ist. Wir hoffen und arbeiten daran, dass die Experimentierklausel dann auch vollautomatische videobasierte Verfahren erlaubt, damit die Sicherheit und die Nutzerfreundlichkeit bei der Kundenidentifizierung auch im Finanzsektor in den Fokus gestellt werden können.

In der Nect Wallet wird die digitale Identität in Form verschiedener Ausweisdokumente sicher abgelegt und ist binnen Sekunden wiederverwendbar Vergrößern
In der Nect Wallet wird die digitale Identität in Form verschiedener Ausweisdokumente sicher abgelegt und ist binnen Sekunden wiederverwendbar

Apropos ID Wallet: Hat die Nect Wallet das Potential, als staatlich anerkannte ID Wallet zu fungieren?
Unsere Wallet wird bereits sehr erfolgreich von vielen Millionen Bundesbürgerinnen und -bürgern eingesetzt und erfüllt damit unserer Ansicht nach eine grundlegende Anforderung einer bundesweit – und auch europaweit – nutzbaren ID Wallet. Unsere Technologie ist seit knapp einem Jahr nach der EU-Richtlinie für Digitale Identitäten und Signaturen - eIDAS -zertifiziert. Wir entwickeln unsere Lösung komplett selbst in Deutschland. Somit sind wir souverän und nicht auf amerikanische Technologie angewiesen. Dadurch sind wir in der Lage flexibel zu skalieren und einen hohen Schutz der Nutzerdaten zu gewährleisten. Unser grundlegender Identifizierungsprozess, das Nect Ident, führt den User in rund drei Minuten vollautomatisch durch den Identifizierungsprozess. Das Ganze ortsunabhängig und ohne Wartezeit. Egal ob sich jemand nun mit seinem Personalausweis oder dem Reisepass identifiziert, das Dokument wird nach der ersten Identifizierung in der Wallet abgelegt und digital verfügbar gemacht. Der Führerschein, die Krankenkassenkarte und weitere Dokumente können jederzeit hinzugefügt werden. Wir wollen diese Basis nun nutzen und ein Ökosystem aufbauen, das die digitale Brieftasche in den Alltag holt.

Zur Startseite