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Dr. Mathias Höschel, praktizierender Arzt und CDU-Gesundheitspolitiker Foto:

Impfungen „Angstmachen ist keine Politik“ - Gesundheitsexperte: Impfgegner nicht stigmatisieren

Sie gehören zum täglichen Nachrichtenritual – die Zahlen zu Neuinfektionen, Inzidenzen, Krankenhausaufnahmen, Sterbefällen „an und mit Corona“ und natürlich auch die landesweite Impfquote. Letztere steigt nur noch langsam. Ein Teil der Bevölkerung will einfach nicht. Zugleich gibt es Warnungen vor einem heftigen Verlauf der vierten Corona-Welle. Wie groß ist die Gefahr?

Und: Können „Impfmuffel“ eines Besseren belehrt werden? Ein Interview mit dem Arzt und CDU-Gesundheitspolitiker Dr. Mathias Höschel, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Verrechnungsstellen Gesundheit e.V. (BVVG).

Zum selben Thema hat „Der Gesundheits-Check“ eine Online-TV-Gesprächsrunde veranstaltet.

Dr. Höschel, als Muffel werden laut Duden mürrische, unfreundliche Menschen bezeichnet, die einer bestimmten Sache gleichgültig oder desinteressiert gegenüberstehen. Finden Sie – so gesehen – die Bezeichnung „Impfmuffel“ angebracht für Menschen, die vor einer Impfung zurückschrecken?

Zunächst mal: Ich bin doppelt geimpft. Aber ich habe dabei durchaus nicht immer nur ein gutes Gefühl gehabt. Wir müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht ganz genau wissen, was eigentlich mit einem Impfstoff passiert, der eine extrem kurze Entwicklungszeit gehabt hat. Da gibt es ein medizinisches Fragezeichen, und eine Antwort gibt es vielleicht erst in Jahren oder Jahrzehnten. Doch es gab eine Notlage und für mich als Arzt galt es - auch im Interesse der Patienten -, eine Wahrscheinlichkeitsabwägung vorzunehmen. Ich denke, es war unterm Strich der richtige Weg, sich impfen zu lassen.

Wenn man nun aber Berichte liest, wie den über eine Party in Münster mit - angeblich - nur Geimpften und Genesenen. Anschließend gab es da wohl 20 Prozent Infizierte. Dann darf man sich nicht wundern, wenn Menschen sich fragen, welche Wirkung eine Impfung tatsächlich hat. Das müssen wir akzeptieren. Man darf Menschen, die sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzen, nicht als „Muffel“ oder „Verweigerer“ abtun; man darf sie nicht stigmatisieren. Ich bin froh, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der man persönliche Entscheidungen in einem gewissem Umfang noch frei treffen kann.

RKI-Chef Lothar Wieler hat vor einem „fulminanten Verlauf“ der vierten Corona-Welle im Herbst gewarnt, „wenn wir die aktuellen Impfquoten nicht drastisch steigern“. Teilen Sie die Einschätzung?

Die Impfung war und ist wichtig, um die Pandemie zu stoppen. Das ist uns auch alles in allem gut gelungen. Wir sehen doch jetzt, wie sich die Hospitalisierung von Corona-Infizierten in Grenzen hält. Wir sehen aber auch, wie andere Länder damit umgehen. Die Niederlande oder Dänemark etwa. Die haben vielleicht ein paar Prozent mehr an Impfungen geschafft. Aber es ist ja nicht so, dass bei denen 100 Prozent geimpft sind und bei uns keiner. Dort gibt es seit Wochen kaum noch eine Masken- oder Abstandspflicht. Es geht also auch anders.

Sie zweifeln also an der Lageeinschätzung des RKI-Chefs? 

Naja, Herbst hatten wir in diesem Jahr doch eigentlich schon fast seit April. Der heiße, trockene Sommer ist weitgehend ausgefallen, es war vergleichsweise kühl und feucht. Zugleich haben wir gut gefüllte Fußballstadien und andere Massenbegegnungen erlebt. Und trotzdem gab es keinen massiven Anstieg der Inzidenz oder anderer Werte; die Zahlen explodieren bislang nicht. Zwar sind die Infektionsfälle angestiegen, aber die schweren Krankheitsverläufe haben bei weitem nicht so stark zugenommen, wie mancher das befürchtet hatte.

Was aber weiterhin Sorgen bereitet, sind die vielen Kollateralschäden. Die Gesellschaft leidet darunter, dass so viele Menschen so lange Zeit kaum soziale Begegnungen hatten. Da stellt sich schon die Frage, wie drakonisch soll man jetzt vorgehen. Muss man die Gesellschaft wirklich weiter ängstigen? Politik darf nicht aus Angstmachen bestehen. Wir brauchen viel mehr Optimismus.      

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat vor einiger Zeit erklärt, es gebe noch längst nicht genügend „einfache Gelegenheiten“ zum Impfen, etwa auf Sportplätzen oder in Geschäften…

Inzwischen haben wir sicher hinreichend Impfgelegenheiten. Hinter Forderungen, noch mehr zu schaffen und Impfteams quasi an die Wohnungstüren klopfen zu lassen, steckt die Vorstellung, dass der Staat alles an die Bürger herantragen muss, ihnen alle Verantwortung abnehmen muss. Sicher hat der Staat vielfach eine Bringschuld, etwa wenn es um die Innere Sicherheit oder die Grundversorgung geht. Aber der Bürger hat auch eine Eigenverantwortung. Die kann der Staat ihm nicht abnehmen, und das sollte er auch nicht versuchen.  

Können wir die Augen davor verschließen, dass es auch in Deutschland sogenannte bildungsferne Schichten gibt? Mehr als sechs Millionen Menschen können nicht richtig Deutsch lesen und schreiben. Die müssen auch erreicht werden, wenn wir es mit einer Pandemie zu tun haben. Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat unter anderem zielgenauere Kommunikationsmaßnahmen gefordert. Würden Sie dem zustimmen?

Durchaus, aber das passiert inzwischen auch schon besser. Inzwischen sind in „Problemvierteln“ mobile Impfteams tätig, die auch Aufklärungsarbeit leisten. Das ist der richtige Weg. Zusätzlich sollte man versuchen - wenn es nicht schon geschieht -, Migranten, die unserer Sprache noch nicht so mächtig sind und die sich eher auf ihren eigenen Kanälen austauschen und informieren - Sendungen im Satellitenfernsehen, Internet in ihrer eigenen Sprache - auf eben diesen Kanälen zu erreichen. Und parallel dazu sollten dann zielgerichtet Impfangebote an diesen Hotspots gemacht werden.

Wenn sich, zum Beispiel, in einem Hochhaus einer Stadt 40 Menschen infizieren, dann geht sprunghaft die Inzidenz in der ganzen Stadt hoch. Was dann möglicherweise drakonische Maßnahmen für deren gesamte Bevölkerung zur Folge hat, die aber eigentlich gar nicht in Gefahr kommt, in das konkrete lokale Infektionsgeschehen hineingezogen zu werden.          

Könnte die Ärzteschaft mehr tun? Sollten auch Fachärzte – etwa Urologen oder Radiologen, auch Zahnärzte - Ad-Hoc-Impfungen anbieten?

Denkbar ist das alles. Die Apotheker stehen auch schon in den Startlöchern. Nur ist das weniger ein Problem des Angebotes als der Nachfrage und der Aufklärung jener, die bislang noch zurückhaltend sind. Bis jetzt sind die Impfungen bei den Hausärzten gut aufgehoben. Wenn die Nachfrage tatsächlich deutlich steigt, würden sich bestimmt auch andere Ärzte beteiligen. Aber derzeit scheint mir, dass es zu wenige Impfwillige gibt.   

Könnte erneut eine Überbelastung der Intensivstationen drohen, wenn das Ziel einer Herdenimmunität mit einer Impfquote von mindestens 85 Prozent verfehlt wird?

In einer freien Gesellschaft werden nie alle mitmachen; das muss so eine Gesellschaft auch aushalten. Ich verstehe angesichts dessen auch nicht, dass da immer wieder solche Szenarien aufgemacht werden. Wir haben – glücklicherweise – inzwischen einiges gelernt und wir haben einen recht hohen Impfschutz. Er wird steigen, wenn auch langsam. Mittlerweile haben sich rund zwei Drittel der Menschen in Deutschland impfen lassen. Bei den anderen ist es so, dass sie entweder keine Risikogruppe sind oder genesen oder unentschlossen sind – oder halt nicht wollen. Aber damit kommen wir doch zurecht, ohne ein Volk kujonieren zu müssen. Dass unsere Intensivstationen überlastet sein könnten und erkrankte Impfverweigerer anderen dort Behandlungsplätze wegnehmen, halte sich jedenfalls momentan nicht für realistisch.

In einigen Bundesländern wird erwogen, die Lohnfortzahlung für Ungeimpfte in Quarantäne zu beenden. Die Gewerkschaft Verdi etwa kritisiert die Pläne und bezeichnet das Vorhaben als "Impfpflicht durch die Hintertür". Wie sehen Sie das?

Ich bin zwar nicht dafür, das jetzt zu machen. Aber die Diskussion an sich finde ich nicht schlecht. Man sollte sie allerdings in einen Gesamtzusammenhang stellen und ausweiten, etwa auf notorische Arbeitsverweigerer und Leute, die immer wieder Krank „feiern“. Eine generelle Debatte darüber, dass es in einem Sozialwesen nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten gibt, fände ich in Ordnung. 80 oder sicher 90 der Mitarbeiter gehen ihrem Job ehrlich und zuverlässig nach, während einige wenige jede Gelegenheit nutzen, ihre Arbeit anderen aufzuhalsen. Wenn jemand zwecks Urlaubsvergnügen bewusst in eine Risikogebiet reist und von vornherein in Kauf nimmt, danach in Quarantäne zu müssen, dann ist das schon ein fragwürdiges Verhalten. Aber allein auf die Quarantäne bezogen, hält die Politik so ein Vorhaben wohl nicht durch.

Last not least: Wo stehen Sie in der G-Frage? Nach Hamburg erwägen weitere Bundesländer das 2G-Modell - mit Zutritt oft nur noch für Geimpfte und Genesene einzuführen…

Ich bin für 3G. Die „Nur-Getesteten“ dürfen wir nicht diskriminieren.

 

Zur Person: Der Mediziner und Betriebswirt Dr. Mathias Höschel (54) ist seit 2016 Vorsitzender des Bundesverbandes Verrechnungsstellen Gesundheit e.V., eine der wichtigsten Interessenvertretung der Ärzteschaft. Der Verband lehnt die Schaffung einer Einheitsversicherung ab, fordert eine Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte und mehr Schutz für die freiberuflichen Berufsausübung der Ärzteschaft. Seit 2004 ist Dr. Höschel Vorsitzender des Gesundheitspolitischen Arbeitskreises der CDU-NRW, seit 2008 ist er auch im Bundesfachausschuss Gesundheit und Pflege der CDU aktiv. Mit seiner Frau, Dr. Jana Höschel, und einem Fachkräfte-Team betreibt er drei ärztliche Gemeinschaftspraxen an den Standorten Düsseldorf, Meerbusch und Mönchengladbach.    

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