Adrien La Marca Foto: Marco Borggreve
© Marco Borggreve

Adrien La Marca bei "intonations" Verliebt in den Klang

Adrien La Marca tritt beim Kammermusikfestival "intonations" im Jüdischen Museum auf. Ein Gespräch mit dem Bratschisten über sein Instrument, Antonín Dvořák - und das deutsche Publikum.

In der Geschichte der klassischen Musik haben Bratschist:innen meist im Wortsinn nicht die erste Geige gespielt: „Früher hat man oft gesagt: Wenn du nicht gut auf der Geige bist, spiel doch Bratsche!'“, erzählt Adrien La Marca. „Aber das ist Unsinn, die Bratsche ist viel schwieriger zu spielen.“ Der 33-jährige Franzose würde sie jederzeit allen anderen Instrumenten vorziehen. Er ist einer jener Musiker:innen, die seit langem daran mitwirken, dem oft stiefmütterlich behandelten Instrument endlich gebührende Anerkennung zu verschaffen. Das Kammermusikfestival „intonations“ (3.-7. April 2022) bietet eine hervorragende Gelegenheit dafür. La Marca wird in drei Aufführungen die besonderen Qualitäten der Bratsche herausstellen, bei Gideon Kleins Streichtrio, Beethovens Septett und Dvořáks Klavierquintett A-Dur. „Ich freue mich sehr, bald wieder in Berlin zu sein“, so La Marca. „Ich habe viele Freunde hier, von denen einige auch auf dem Festival spielen werden. Es ist jedes Mal wie eine große Familie, die zusammenkommt.“

2019 gastierte La Marca das erste Mal bei „intonations“. Festivalleiterin Elena Bashkirova hatte ihn eingeladen, nachdem sie ihn beim Jerusalem International Chamber Music Festival gesehen hatte. Bashkirova gelinge es immer wieder, ein beeindruckendes und überraschendes Lineup auf die Beine zu stellen, so La Marca: „Für mich kommen bei ,intonations' jedes Mal die besten internationalen Künstler der Kammermusik zusammen. Es sind unglaubliche Musiker, ich bin froh und stolz, ein Teil davon zu sein.“

La Marca schätzt auch das deutsche Publikum sehr: „Die Menschen, die hier ins Konzert kommen, besitzen enorm viel Wissen über Klassik und hören sehr aufmerksam zu.“ Seine gute Beziehung zu Deutschland hat eine Vorgeschichte: Nachdem er zunächst am Pariser Conservatoire bei Jean Sulem studiert hatte, ging er bei Tatjana Masurenko in Leipzig und Tabea Zimmermann in Berlin in die Lehre. Es war Schumanns Klavierquintett, durch das La Marca im Alter von sieben Jahren seine bis heute andauernde Begeisterung für die Bratsche entdeckte: „Ich hatte mich einfach in den Klang verliebt; er kann warm sein wie beim Cello und brillant wie bei einer Geige.“

Aus dem Schattendasein

Damit ist er in guter Gesellschaft: „Brahms, Dvořák, Berlioz - alle haben Bratsche gespielt“, sagt La Marca. Dennoch brauchte es Pioniere wie William Primrose, die die Bratsche aus ihrem Schattendasein herausholten. Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts hätte sie in der Musikwelt größere Wertschätzung erfahren, so La Marca, zuvor habe es kaum Klassen oder Professuren für das Instrument gegeben. „Ich bin froh, dass ich zu einer Generation gehöre, in der die Bratsche einen gewissen Aufstieg erfahren hat und in der es viele inspirierende Spieler gibt. Ich glaube, dass sie in den nächsten 20 Jahren auch als Solo-Instrument allgemein anerkannt sein wird.“ Er selbst spielt ein Instrument von Nicola Bergonzi, 1780 in Cremona hergestellt und eine Leihgabe der Boubo Music Foundation. „Es ist ein unglaubliches Kunstwerk mit einer einzigartigen Stimme.“

Bei „intonations“ wird sich das Publikum von seinen Fähigkeiten überzeugen können, etwa beim Klavierquintett: „Dvořák hat unglaublich gute Stücke für Bratsche geschrieben, dieses Quintett bereitet mir immer wieder Freude“, sagt La Marca. „Ich kann es mir hundert Mal anhören, ohne das es mich langweilt. Daran erkennt man ein Meisterwerk.“ Als solches gilt auch Beethovens Septett für Klarinette, Horn, Fagott, Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass: „Wie eine kleine Symphonie für sieben Musiker, es gibt nicht viele Stücke in dieser Besetzung und es ist auch das einzige, das Beethoven jemals dafür geschrieben hat. Alles fließt ganz natürlich ineinander und doch kann man die Textur jedes Instruments heraushören.“

"Diese Musik ruft viele Bilder im Kopf hervor"

Eine ganz besondere Geschichte verbirgt sich hinter dem Streichtrio von Gideon Klein. Der jüdische Komponist beendete die Partitur am 7. Oktober 1944 im KZ Theresienstadt und vertraute sie einer Freundin an, neun Tage vor seinem Abtransport nach Auschwitz. Kurz vor der Befreiung verstarb er unter ungeklärten Umständen im Außenlager Fürstengrube. „Es bedeutet mir sehr viel, dieses Stück zu spielen“, sagt La Marca. „Die Musik hat besondere Tiefe und ruft viele Bilder im Kopf hervor.“

[Das vollständige Programm des Festivals unter www.jmberlin.de/intonations]

Zuletzt hatte er leichtere Klänge angeschlagen. Anders als auf seinen früheren Alben hatte er auf der 2021 erschienen Einspielung „Chanson Bohème“ einen Ausflug in kurzweilige und eingängige Stücke gemacht, unter anderem von Brahms, Tschaikowsky, Satie, Glass oder Yann Tiersen. Entstanden war das Projekt aus der Arte-Sendung „Hope@home“, bei der Geiger Daniel Hope während des Lockdowns Musiker:Innen zu Live-Stream- Konzerten in sein Berliner Wohnzimmer geladen hatte. Hier interpretierte La Marca mit der deutsch-griechischen Pianistin Danae Dörken klassische Stücke oder Charles Aznavours „La Bohème“. Dabei war ein Funke übergesprungen, sie beschlossen, ein Album aufzunehmen. „Nach einem schwierigen Jahr wollte ich Hörerinnen und Hörern ein Album voller Positivität, Leichtigkeit und Schönheit präsentieren“, sagt La Marca. Seine nächste Einspielung werde sich wieder etwas ernsthafteren Stücken für Bratsche widmen.

So sehr die Lockdown-Konzerte auch geholfen haben: La Marca freut sich, dass er beim diesjährigen Festival wieder vor einem richtigen Publikum auftreten kann, bedauert aber, dass es die letzte Ausgabe in Berlin sein wird: „Das ist sehr schade, denn der Glashof des Jüdischen Museums ist ein wirklich besonderer und inspirierender Ort zum Spielen.“ So mischt sich bei ihm - wie wohl auch bei vielen Besucher:innen des Festivals - in die Vorfreude auch ein Stück Wehmut

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