General William Childs Westmoreland war bis Juni 1968 nomineller Oberbefehlshaber der US-Truppen im Vietnamkrieg. Foto: imago
© imago

1968 im Tagesspiegel Westmoreland: Erklärung des US-Oberbefehlshabers in Vietnam zur Vietcong-Offensive

Der Tagesspiegel berichtete am 2. Februar 1968 über die aktuelle Lage im Vietnamkrieg

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Der Tagesspiegel berichtete am 2. Februar 1968 über die Lage im Vietnamkrieg

Die erbitterten Gefechte zwischen alliierten Truppen und den in die Hauptstadt Saigon und zahlreiche andere Städte Südvietnams eingedrungenen nordvietnamesischen und Vietcong-Einheiten tobten am Donnerstag mit ungebrochener Kraft. Amerikaner und Südvietnamesen gingen an zahlreichen Stellen zum Gegenangriff über, aber die Kommunisten hielten am dritten Tag ihrer Großoffensive wichtige strategische Positionen fest in ihrer Hand. Der amerikanische Oberbefehlshaber General Westmoreland erklärte, die Offensive sei nur ein Vorspiel, und es könne "noch schlimmer" kommen. Die Hauptgefahr liege nach wie vor im Norden des Landes, wo vier bis fünf nordvietnamesische Divisionen zur Offensive bereitstünden. Präsident Johnson erklärte am Donnerstag, die Bombardierung Nordvietnams würde fortgesetzt werden, bis bessere Anzeichen als die Ereignisse der letzten Tage darauf schließen ließen, daß die Gegenseite bereit sei, Terrorismus und Aggression zu beenden. Das State Department teilte mit, daß die diplomatischen Sondierungen über die Möglichkeit von Friedensverhandlungen fortgesetzt würden. In Washington erklärte der scheidende Verteidigungsminister McNamara in einem Bericht an den Kongreß, daß die Kraft der Vietcong bisher nicht gebrochen sei. McNamara fügte hinzu, die USA könnten bei aller Hilfe "die Südvietnamesen nicht mit dem Willen zum überleben als unabhängige Nation ausstatten". Der Rundfunksender der Vietcong rief Armee und Bevölkerung Südvietnams auf, sich den Vietcong anzuschließen, und ihre Waffen gegen die Amerikaner zu wenden. Er teilte mit, daß in Saigon und Hue bereits "Revolutionsregierungen" eingesetzt worden seien. Nach nordvietnamesischen Meldungen wurden 40 Städte Südvietnams angegriffen.

Die Kämpfe in Saigon

In der Hauptstadt Saigon hielten sich nach Angaben von US-Sprechern die Kommunisten noch in acht größeren Widerstandsnestern. Insgesamt wurde die Zahl der eingedrungenen kommunistischen Soldaten und Partisanen auf 2000 bis 2500 (etwa fünf Bataillone) geschätzt. Die Mehrheit davon soll von nordvietnamesischen Soldaten gestellt werden. Nach anderen -ebenfalls amerikanischen -Angaben hält sich in Saigon auch in normalen Zeiten mindestens ein Vietcong-Bataillon auf.

Die Kämpfe in der Hauptstadt tobten hauptsächlich im Chinesen-Viertel Cholon, wo unter den Bomben amerikanischer Flugzeuge der Widerstand eines zusammen mit 200 Zivilisten in einer Pagode verschanzten Vietcong-Kommandos zusammenbrach, und um den Flughafen Tan Son Nhut. Dort eroberten die Alliierten das südvietnamesische Hauptquartier zurück, das sich schon zum Teil in der Hand der Kommunisten befand. Auch der Sender Saigons wurde zurückerobert.

Aus den kommunistisch beherrschten Außenbezirken, wo von .vielen Häusern Vietcong- Fahnen wehten, wälzte sich ein endloser Strom von Flüchtlingen in das relativ sichere Stadtinnere. Die südvietnamesische Regierung verhängte die Pressezensur und ordnete eine 24 stündige Ausgangssperre an, die am Freitag in Kraft treten sollte. Als Warnung errichteten  Regierungstruppen am Donnerstag an mehreren Stellen der Stadt Hinrichtungsstätten.

Der Chef der südvietnamesischen Polizei, Brigadegeneral Nguyen Ngoc Loan, exekutierte am Donnerstag mit eigener Hand einen in Gefangenschaft geratenen Vietcong-Offizier. Bei ihren Überfällen hatten Vietcong-Trupps seit Mittwoch ihrerseits Erschießungen von Gefangenen vorgenommen. Unter den Opfern sollen sich auch Frauen und Kinder vietnamesischer Offiziere befinden.  

 Die Kämpfe mit den Vietcong

 In der alten Kaiserstadt Hue wurde am Donnerstag erbittert gekämpft. Die Amerikaner eroberten eine strategisch wichtige Brücke zurück, aber zwei Drittel der Stadt sollen noch in der Hand der Vietcong sein. Ein von Phu Bai aus vorgetragener amerikanischer Panzervorstoß auf Hue traf auf heftigen Widerstand. Die Provinzhauptstadt Quang Tri im Norden wurde von Einheiten der 1. US-Luftkavalleriedivision nach heftigem Kampf zurückerobert. Im zentralen Hochland fanden heftige Kämpfe um K o n t u m statt, das sich zur Hälfte in der Hand der Vietcong befindet. In Ban Me Thuot, ebenfalls im zentralen Hochland, wurden Vietcong-Stellungen von alliierten Flugzeugen mit Napalm angegriffen. Um den wichtigen US-Luftstützpunkt Bien Hoa nahe Saigon waren heftige Kämpfe im Gange. In Dalat griffen die Vietcong überraschend US-Stellungen an - wie ein amerikanischer Sprecher betonte, ohne erkennbares Eindringen von außen. Audi aus dem Mekong-Delta werden heftige Kämpfe gemeldet.

 Hohe kommunistische Verluste

Die Amerikaner gaben am Donnerstag die bisherigen Verluste des Gegners bei den Kampfhandlungen der letzten drei Tage mit 4959 Toten an. 1821 wurden gefangengenommen. Ihre eigenen Verluste einschließlich derer der Verbündeten bezifferten sie auf 555 Tote und 1698 Verwundete, davon 232 tote und 929 verwundete Amerikaner. Diese Zahlen beruhen auf vorläufigen Übersichten. Die Zahl der getöteten und verwundeten Zivilisten wird auf mehrere Tausend geschätzt.

 Einschätzung des US-Kommandos

 Nach Ansicht des US-Oberbefehlshabers General Westmoreland wird die gegenwärtige Operation von Hanoi geleitet und ist bereits im September von der nordvietnamesischen Regierung ausgearbeitet worden. Der ersten politischen Phase der Forderungen nach Einstellung der amerikanischen Bombenangriffe auf Nordvietnam folge jetzt der zweite, militärische Teil des Planes. In der dritten noch bevorstehenden Phase würden die Vietcong alle Reserven mobilisieren. Der Angriff der Kommunisten werde sich dann auf die zwei nördlichen Provinzen Quang Tri und Thua Thien richten, insbesondere auf den von vier nordvietnamesischen Divisionen bedrohten US-Stützpunkt Khe Sanh. Ihre gegenwärtige Operation - eine "Maximalanstrengung" - können die Kommunisten nach Ansicht Westmorelands noch einige Tage durchhalten. Die Amerikaner seien jedoch in der Lage, die Angriffe zu stoppen. Die Vietcong würden danach viele Wochen brauchen, um sich wieder zu erholen.

Die Lage deutscher Staatsbürger

Zwölf deutsche Entwicklungshelfer und zehn Familienangehörige haben bei den Kämpfen in Saigon in der deutschen Botschaft Zuflucht gesucht. Wie das Büro für Internationale Hilfe am Donnerstag in Bonn ferner mitteilte, lagen von acht anderen Entwicklungshelfern, die im Lande arbeiten, am Donnerstag keine Nachrichten vor. Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes konnte eine Gruppe des Malteser-Hilfsdienstes, die von Hoi An nach Da Nang evakuiert worden war, nach Hoi An zurückkehren. Die Mitarbeiter auf dem in Da Nang liegenden Hospitalschiff „Helgoland" seien nach am Donnerstag eingegangenen Nachrichten alle wohlauf.

 Washington: Luftraum Rotchinas versehentlich verletzt

Ein auf dem US-Flugzeugträger "Ticonderoga" stationiertes Kampfflugzeug hat am Mittwoch versehentlich den Luftraum Rotchinas verletzt, wie das amerikanische Verteidigungsministerium in Washington bekanntgab.  Das Flugzeug habe sich der Insel Hainan im Tongking-Golf bis auf sieben Seemeilen genähert. Rotchina erhebt Anspruch auf eine Hoheitszone von zwölf Seemeilen. "Das Flugzeug kehrte ohne Zwischenfall zur 'Ticonderoga' zurück", hieß es in der Mitteilung.

Alle Artikel der Themenseite 1968 im Tagesspiegel finden Sie hier

Zur Startseite