Das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Foto: Das Otto-Suhr-Institut (Foto von 2014)
© Das Otto-Suhr-Institut (Foto von 2014)

1968 im Tagesspiegel Studenten sollen Mißbrauch verhindern - Professoren appellieren an alle Besonnenen - RCDS fordert Urabstimmung über Vorlesungsstreik

Vor 50 Jahren stand die Besetzung des Otto-Suhr-Instituts an der Freien Universität bevor

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 23. Mai berichtete der Tagesspiegel über die Vollversammlung der "Kritischen Universität"


Der geschäftsführende Direktor des Otto-Suhr-Instituts an der Freien Universität, Professor Schwan, und der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Professor Sanmann, haben gestern in getrennten Aktionen die besonnenen Studenten aufgerufen, Aktivitäten der radikalen linken entgegenzutreten.

Am späten Dienstagabend hatte eine Vollversammlung der "Kritischen Universität", an der über 1000 Studenten teilnahmen, zwei weitreichende Beschlüsse gefaßt: vom 27. bis 29 Mai wegen der dritten Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag einen allgemeinen Vorlesungsstreik und für kommenden Montag eine Besetzung des Otto-Suhr-Instituts an der FU.

In der von der AStA-Vorsitzenden Sigrid Fronius vorgelegten Streik-Resolution werden Rektor, Akademischer Senat und die Professoren aufgefordert, diese Aktion zu unterstützen. Weiter heißt es, daß man die Tage dazu nutzen werde, in der Stadt und in den Betrieben Agitation und Aufklärung zu betreiben. "Die Universität muß ab sofort der Ort werden, an dem diese Aufklärungs-Kampagnen vorbereitet werden ..."

Der Antrag von zwei RCDS-Mitgliedern, alle Studenten der Freien Universität in einer Urabstimmung dazu Stellung nehmen zu lassen, ob sie streiken wollen, wurde abgelehnt. Der RCDS gab daraufhin eine Presseerklärung heraus, in der es heißt: "Der RCDS hält es für unabdingbar, über diese schwerwiegenden Maßnahmen die größtmögliche Anzahl der Studenten zu befragen... Statt dessen maßten sich die etwa 1000 anwesenden Studenten der Vollversammlung an, einen generellen Vorlesungsstreik bis zur dritten Lesung der Notstandsgesetze stellvertretend für die 15 000 FU-Studenten zu beschließen."

Der Beschluß, am kommenden Montag das Otto-Suhr-Institut für Politische Wissenschaften zu besetzen und von gestern an alle regulären Vorlesungen nicht mehr zu besuchen, hat eine Reihe von Gegenerklärungen ausgelöst: Der geschäftsführende Direktor des Otto-Suhr-Instituts, Professor Schwan, ließ gestern im Universitätsgelände Flugblätter verteilen, auf denen er "alle besonnenen Studenten" aufforderte, den Mißbrauch des Instituts für ein seitige politische, ideologische, außerwissenschaftliche Zwecke" aktiv verhindern zu helfen. Die "radikale Opposition" wolle mit der Besetzung "ein intaktes Institut und seinen Apparat für ihre weiteren Planungen und Aktionen in die Hand bekommen". Schwan erklärte, alle Studenten seien mitverantwortlich für die Aufrechterhaltung der Freiheit von Lehre und Forschung gerade auch in der politischen Wissenschaft.

Der RCDS begann mit einer Unterschriftensammlung, weil er in dem Beschluß der KU-Vollversammlung eine Bevormundung der Politologie-Studenten durch Institutsfremde sieht. Die Berliner Burschenschaften haben dazu aufgerufen, um den Mißbrauch von Einrichtungen der Universität aktiv zu verhindern, sollen alle Studenten sich an einem für Montag vorgesehenen "teach-in" beteiligen, das der Besetzung vorausgehen soll.

Absage an „linke Besetzung"

 Zu der nach entsprechenden Ankündigungen schon für gestern befürchteten Besetzung des Otto-Suhr-Instituts kam es bis Redaktionsschluß nicht. Auf einer Vollversammlung, zu der sich kurzfristig Politologie-Studenten ein- gefunden hatten, wurde beschlossen, bis zu einer für morgen einzuberufenden erneuten Vollversammlung keine Besetzung des Instituts zuzulassen. Bis zu diesem Entschluß hatte es eine Reihe von erregten Wortwechseln gegeben. Auch eine Stinkbombe wurde in den Saal geworfen. Den linken Studenten, insbesondere dem SDS wurde vorgeworfen, die Besetzung des Instituts nur für ihre eigenen Zwecke zu mißbrauchen und dabei keine Rücksicht auf die Studenten zu nehmen, die an dem Institut studieren. Ein Sprecher des SDS meinte, der Begriff Besetzung sei falsch verstanden worden. Hier solle diskutiert werden, wie die Notstandsgesetze zu verhindern seien.  

Negative Wirkung für Universitäten

Die Streikversuche der Studenten und die dadurch hervorgerufene Unruhe an der Universität standen auch im Mittelpunkt einer öffentlichen Informationsveranstaltung des Dekans der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU, Professor Sanmann, am gestrigen Vormittag. Berlin ist nach Ansicht Professor Sanmanns insbesondere wegen der studentischen Aktionen bei auswärtigen Hochschullehrern „nicht so schrecklich attraktiv", daß man sich um einen Ruf an einen Universitätslehrstuhl reiße. Vor etwa 400 Studenten seiner Fakultät erklärte der Dekan, die Professoren „verschleißen" sich seit Monaten dadurch, daß sie „Quertreibereien" bestimmter Studenten - Sanmann nannte insbesondere "Kreise des SDS und ihm verbundene Organisationen" sowie "Kreise der radikalen Linken" - abzuwehren versuchen. Dies sei „eindeutig auf Kosten der Forschung" sowie der Gesundheit der Professoren gegangen. Man wisse das auch außerhalb von Berlin.

Der Streik und die Diskussionen über die Notstandsgesetze haben, so meinte Sanmann, für die radikalen Studenten nur die „Rolle des Aufhängers" gespielt, um neue Unruhe in der Universität zu schaffen und dadurch einen Solidarisierungseffekt zu erreichen. Die Studien- und Hochschulreform sei für diese Gruppen längst zu einer sekundären Frage geworden. „Wenn Sie die Störungen nicht wollen, liegt es an Ihnen, da Abhilfe zu schaffen", rief Sanmann den Studenten zu. Die Professoren oder er selbst hätten dazu keine Machtmittel. Die Wahlen zur Sudentenvertretung oder Beschlüsse in Vollversammlungen seien Mittel für eine solche Abhilfe.

Bedingungen für die Räumung

 In einem Brief an den Rektor der Freien Universität hat der studentische „Institutsrat" des von Studenten besetzten Ostasiatischen Seminars erklärt, die Besetzung werde nur unter bestimmten Bedingungen wieder auf- gehoben. Gefordert wird die "augenblickliche" Amtsenthebung des Institutsdirektors Professor Eckardt, dem fachliche Mängel und antisemitische Äußerungen vorgeworfen werden. Außerdem wünscht der Institutsrat die Beteiligung der studentischen Fachschaftsvertreter an der für das Institut zuständigen Berufungskommission mit einem Vetorecht und die Selbstorganisation aller wissenschaftlich Tätigen am Institut. Die Studenten antworteten damit auf ein Schreiben des Rektors, in dem er zur Räumung des Instituts aufgefordert hatte.

 

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