Demonstranten mit Kreuz stehen am Ostersonntag 1968 vor einem Wasserwerfer der Polizei auf dem Kurfürstendamm. Laut Polizeipräsident Moch gab es seit Juni 1967 vier ruhige Wochenende für die Polizisten. Foto: Konrad Gier/dpa
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1968 im Tagesspiegel Polizeipräsident Moch auf der Tagung der GdP: "Wir sind die letzten - uns beißen die Hunde"

Vor 50 Jahren auf der Tagung der Polizeigewerkschaft GdP

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 9. Mai berichtete der Tagesspiegel über die Tagung der GdP.


"Alles das, was Eltern, Politiker, Professoren unterlassen haben und was sich als Fehler auswirkt, landet schließlich bei einem, der der letzte sein muß, und das ist nun einmal unser Berufsgeschick. Wir tragen es, wir nehmen es hin, wir sind uns dessen bewußt, daß uns die Hunde beißen." So umriß gestern Polizeipräsident Moch die Arbeit der Polizei, die, wie er sagte, seit dem Juni vorigen Jahres "einschließlich Weihnachten und Silvester vier ruhige Wochenenden" hatte. Moch sprach vor der Delegiertenkonferenz der Gewerkschaft der Polizei (GdP) im Schöneberger Prälaten, die zum 20. Male stattfindet und heute zu Ende geht.

Jubiläum der GdP

Der Präsident beglückwünschte die GdP zum Jubiläum und sprach den Dank der Polizeibehörde für "20 Jahre Partnerschaft im öffentlichen Dienst" aus. Zu den Einsätzen der Polizei bei Demonstrationen sagte er, die Polizei habe "aus einem Schockverhalten, das uns mit dem Ansehen Berlins zusammen in einen Abgrund hinabgerissen hat"; im vergangenen Jahr zusammen mit der Polizeiführung "den Weg wiedergefunden bis in die Ostertage hinein, die ein Beweis dafür sind, wie sehr die Polizei mit Selbstverständlichkeit, mit Ruhe, Sicherheit, Gelassenheit, aber auch mit Entschiedenheit ihre Aufgaben zu meistern versteht." Besonderen Dank sprach Moch der Besatzung eines Wasserwerfers aus, die selbst dann, als ihr Fahrzeug demoliert war und sie selbst "systematisch zusammengehauen und zusammengeschlagen" wurde und sich sogar von Beilen bedroht sah, nicht von ihrem Notwehrrecht Gebrauch machte, sondern die gezogene Pistole sicherte und nur als Schlagwaffe benutzte. Moch versicherte, gerade in der Polizei mache man sich unaufhörlich Gedanken "über ihre Kontrahenten". Er meinte, statt des Wortes "Radikale" liege ihm mehr die Bezeichnung "Radieschen": "Eine schöne rote Haut mit würzigem frischen Geschmack des jugendlichen Frühlings, aber innen doch eigentlich weiß und unbeschrieben - und die älteren darunter gelegentlich etwas holzig!"

Vorwürfe an die Bevölkerung

Der Bevölkerung warf er vor, daß ein falsches Bild entstehe, .wenn nur ein Promille aktiv ist und 999 Promille inaktiv". Dann, so erklärte er, "werden die Aktiven ganz schlicht und einfach die Führung an sich reißen, und davor graut's mir." Unter großem Beifall der Delegierten forderte Moch die Politiker auf, "baldmöglichst reife politische Entscheidungen" zu treffen, aber solche, die dann auch die Politiker "und nicht die Polizei zu vollziehen hat "

Der Berliner Landesvorsitzende der GdP, Toschka, nahm in seinem Geschäftsbericht ebenfalls zu den Zwischenfällen der letzten Monate Stellung. Er vertrat die Ansicht, es gehe den Demonstranten nicht darum, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Mißstände zu lenken, sondern nur darum "jedes Ereignis auszunutzen, um zu hetzen, zu provozieren und Unruhe zu stiften." Scharf griff er den früheren Regierenden Bürgermeister Albertz an, ohne indes den Namen zu nennen. Es sei falsch, wenn "dieser bewußte Staatsmann" jetzt mit denen "einen neuen Anfang" machen wolle, über deren Aktivitäten er schließlich gestolpert sei. Zur Frage der Kennzeichnung der Polizisten durch Dienstnummern wiederholte Toschka die Ablehnung seiner Gewerkschaft und bezeichnete eine solche Kennzeichnung als Flucht der Politiker aus der Verantwortung.

Ungerechte Bezahlung

Auf Besoldungsfragen eingehend, erklärte der Vorsitzende, der Besoldungsrückstand der Polizei, der mindestens 13 bis 15 Prozent betrage, sei endlich auszugleichen. Es sei Zeit, "den Beamten zu geben, was sie verdienen". Die GdP ist die größte Polizeigewerkschaft Berlins, sie hat rund 15 500 Mitglieder, davon rund 12 000 im aktiven Dienst.

Bei den Anträgen, die heute beraten werden sollen, geht es unter anderem um Probleme der Besoldung, der Dienstzeiten und des Urlaubs. Bereits gestern wurde der geschäftsführende Vorstand in seiner Spitze wiedergewählt. Erster Vorsitzender wurde wieder Karl-Heinz Toschka, zweiter Vorsitzender Günter Brosius und dritter Vorsitzender Erwin Mittelstaedt.

 

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