Präsident Lyndon B. Johnson wenige Tage vor der Verkündung des Bombardierungsstops. Foto: imago/Cinema Publishers Collection
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1968 im Tagesspiegel Kampfhandlungen gegen Nordvietnam eingestellt - Johnson ließ die Angriffe auf Nordvietnam ohne Zusage von Gegenleistungen einstellen

Hans B. Meyer

Am 1. November 1968 stellte Johnson die Bombardierung Nordvietnams komplett ein, um den Friedensverhandlungen neuen Schwung zu geben.

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 1. November 1968 stellte der amerikanische Präsident Johnson die Bombardierung Nordvietnams ein. Diese Maßnahme erfolgte auch aus taktischen Gründen vor dem Hintergrund der bevorstehenden Präsidentschaftswahl.

Nach drei Wochen hartnäckiger Bemühungen und schwieriger Verhandlungen konnte Präsident Johnson vier Tage vor der Wahl seines Nachfolgers das Ende aller Luftangriffe und jeder Beschießung von Nordvietnam und den Eintritt der sterilen Friedensverhandlungen in eine sachliche Phase unter Teilnahme der Regierung von Südvietnam und der Vietcong-Front mitteilen. Das ist noch nicht der Frieden. Es ist aber ein wichtiger Schritt zum Ende eines Krieges, der zu langwierig, zu kostspielig und zu opferreich geworden ist; ein Schritt zum Abbau des Vietnam-Engagements, den die Amerikaner wünschen und den die Vereinigten Staaten mit ihren auswärtigen Verpflichtungen und inneren Notwendigkeiten brauchen.

Was der todmüde Präsident, dessen Hände nervös verkrampft wirkten, mitteilte, war kein Triumph, aber es war ein Erfolg, den er für Amerika und für sich selbst vor seinem Ausscheiden erreichen und für den Kandidaten seiner Partei wohl vor dem Wahltag sichern wollte. Es wäre jedoch sehr falsch, hier einfach ein Wahlmanöver sehen zu wollen. Es ist nicht einmal gewiß, daß Johnsons Erfolg zu so später Stunde in einen großen oder gar entscheidenden Vorteil für den demokratischen Kandidaten umgemünzt werden kann.

 Schwierigkeiten mit Saigon

Von den beiden Teilen der Vereinbarung hat die Teilnahme der Regierung in Saigon und der revolutionären „Nationalen Befreiungsfront" der Vietcong an den Verhandlungen in den letzten Wochen noch mehr Schwierigkeiten gemacht als die militärischen Voraussetzungen für den Bombenstop, die so lange nicht zu erzielen waren. Diese Schwierigkeiten lagen mehr bei den Freunden in Saigon als bei den Feinden in Hanoi. Die Regierung von Südvietnam verlangte eine Stellung, die sie ihren Bürgerkriegsgegnern nicht zuerkennen wollte, während die Nordvietnamesen ihre Freunde nicht zu minderem Status verurteilen wollten oder konnten. Nach den endlosen, geduldig und manchmal wohl auch kräftig geführten Gesprächen des hartnäckigen amerikanischen Botschafters Bunker mit Südvietnams Präsident Thieu blieb die jetzt gefundene Formel dem Vorschlag ähnlich, mit dem Washington die Klippe von Anbeginn umschiffen wollte: Beide Seiten - die südvietnamesische Regierung und die Vietcong - nehmen teil, und beide haben die Möglichkeit, ihren eigenen Status zu definieren und den des Gegners zu ignorieren.

Johnson teilte nicht mit, ob und welche Zusagen Hanoi gemacht,hat, um den Bombenstop militärisch zu honorieren und ihn nicht gegen die amerikanischen Truppen auszunutzen. Zweifellos wird Hanoi sagen, es habe keine Gegenleistungen oder Zusagen gegeben, die es stets abgelehnt hat; und zweifellos ist es eine amerikanische Absicht, Hanoi solche Erklärung zu ermöglichen, aber Johnson zitierte doch auch die Forderungen, die er früher im Zusammenhang mit einem Bombardierungsstop gestellt hat. Er ließ erkennen, daß er ein Ende der Beschießung südvietnamesischer Städte und außerdem Ruhe in der formell als entmilitarisiert geltenden Grenzzone zwischen Nord- und Südvietnam erwartet - und daß der Krieg sonst in vollem Maße und vielleicht unbeschränkter als zuvor aufgenommen werden könnte.

Auch General Abrams stimmte zu

Tatsächlich haben die Nordvietnamesen Verbände zurückgezogen. Der Oberkommandierende General Abrams, der im August vor einem Bombenstop warnte, weil der Gegner seine Stärke in 10 Tagen verfünffachen könne, stimmte Dienstag in einer nächtlichen Eilkonferenz im Weißen Haus zu, denn jetzt würde der Feind mehr als eine Woche brauchen, um wieder seine alten Stellungen zu beziehen. Im August wünschte Johnson die Meinung des Generals als Argument gegen die Opposition auf dem demokratischen Parteitag, und jetzt erfragte er seine Zustimmung zum Bombenstop. Aber der Vollblut-Militär Abrams hätte seine Meinung gewiß nicht ohne Änderung der Feindlage revidiert.

Die Lage des Feindes ebensosehr wie das eigene Interesse gibt Johnson das Recht, die Probe auf den Willen des Gegners zu Verhandlungen und zur De-Eskalation des Krieges zu unternehmen. Die Hoffnung Hanois, Offensiven gegen Saigon und die Pariser Verhandlungen mit den Amerikanern, würden die Regierung in Saigon stürzen oder demoralisieren, hat sich nicht verwirklicht. Johnson konnte darauf hinweisen, daß im Gegenteil die Regierung in Saigon stärker geworden ist und daß ihre Truppen jetzt zahlreicher und besser ausgerüstet sind und Besseres leisten.

Terrorakte während der Offensiven haben die Vietcong unpopulärer gemacht, und die Offensiven selbst waren furchtbar verlustreich. Unter dem Oberkommando von General Abrams, der auf große Expeditionen verzichtet, aber gegen jede feindliche Ansammlung überlegene Schläge führt, scheinen die militärischen Erfolgsaussichten des Gegners fast hoffnungslos geschrumpft zu sein.

Auf kurze und auch auf mittelfristige Sicht liegen die Vorteile jetzt bei den Amerikanern und Südvietnamesen, und die Gegner haben Grund, nach einer Verminderung der Kämpfe und nach Verhandlungen zu suchen. Auf ganz lange Sicht jedoch haben die Amerikaner einen grundlegenden Nachteil, der nicht zu korrigieren ist: Die Vietnamesen werden in Vietnam bleiben und ihren Staat am Ende selber formen, während die Amerikaner unbegrenzt weder bleiben können noch wollen und ihren für das Objekt und seine Aussichten übergroß gewordenen Einsatz verringern müssen.

Der Versuch ist gerechtfertigt

Man macht sich in Washington keine Hoffnungen darauf, daß Hanoi und die Vietcong ihr Ziel im Süden aufgeben würden. Wenn sie auch nicht mit Aussicht auf einen militärischen Sieg kämpfen können, haben sie doch ein Interesse daran, die Amerikaner auf dem Verhandlungsweg aus dem Lande zu bringen. Andererseits besteht das Interesse der USA darin, einen Abbau ihres Engagements und schließlich einen Abschied zu ermöglichen, nachdem sie der Regierung in Südvietnam mit Gut und Blut die Chance und die Zeit erkauft haben, um sich zu konsolidieren und widerstandsfähig zu werden. Ob es zwischen den Vietnamesen einen wirklichen Frieden geben wird, bleibt völlig offen. Aber die gegenwärtige Kriegslage, die Aussichten für die Zukunft und die Interessen der Beteiligten ermöglichen und rechtfertigen heute einen Versuch, den Krieg zu liquidieren.

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