Maison de France (Symbolfoto) magoFoito:
© magoFoito:

1968 im Tagesspiegel Gegner der Notstandsgesetze stürmten das Bundeshaus und blockierten Kurfürstendamm - Scheiben des "Maison de France" wurden eingeschlagen

Vor 50 Jahren wurden bei einer Demonstration Fensterscheiben im "Maison de France" zerstört

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 30. Mai begann die entscheidende Bundestagsdebatte über die Notstandsgesetzen. Deren Gegner demonstrierten deutschlandweit.

 Einige tausend meist jugendliche Gegner der Notstandsgesetzgebung sowie Studenten und Kräfte der außerparlamentarischen Opposition setzten am Mittwoch die Demonstrationen gegen die Notstandsgesetzgebung fort, wobei es wiederum zu Sachschäden und erheblichen Verkehrsstörungen in der West-Berliner City kam. Die Polizei übte zumeist äußerste Zurückhaltung und griff lediglich schärfer ein, als Demonstranten überraschend das Bundeshaus in der Bundesallee zu stürmen versuchten. Einige Eindringlinge mußten mit Stockschlägen aus dem Dienstgebäude des Bundes in Berlin entfernt werden.

Der Demonstrationszug, der sich zeitweise zu einer Sitz-Demonstration auf der Kreuzung Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße niedergelassen hatte und den Verkehr blockierte, bewegte sich später abwechselnd in Richtung Gedächtniskirche und dann wieder in Richtung "Maison de France". Vor dem dortigen Filmtheater kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen mit Polizisten sowie Angestellten des Hauses, als die gläserne Eingangstür in Scherben ging.

Die Demonstration hatte zunächst gegen 18 Uhr am Olivaer Platz begonnen. Von dort zogen etwa einige hundert junge Leute ungehindert von der Polizei in breiter Kolonne über die Fahrbahn des Kurfürstendamms in Richtung Kranzler-Eck. Vom Kurfürstendamm aus eilten die Demonstranten, die indessen Zulauf gewonnen hatten, plötzlich über die Joachimstaler Straße zur Bundesallee und stürmten das Berliner Bundeshaus, in dem sich die Behördenvertretungen der Bundesregierung befinden. Einigen Demonstranten gelang es, bis zum zweiten Stockwerk vorzudringen. Sie wurden von der herbeieilenden Polizei mit Schlagstöcken aus dem Haus getrieben, wobei es zu Prügeleien kam. Einzelne Demonstranten, die bereits Pflastersteine in der Hand hatten, wurden laut dpa von anderen am Werfen gehindert

Zurückgekehrt auf die besonders verkehrsreiche Kreuzung am Kranzler-Eck, blockierten die Demonstranten den Verkehr. Die Polizei hielt sich zurück, griff nicht ein und leitete den starken Autoverkehr Uta. Nachdem die Polizei etwa eine Viertelstunde lang nicht eingegriffen hatte, herrschte bei den Demonstranten einige Verwirrung und Ratlosigkeit, über Megaphon forderten einige Anführer, nunmehr eine andere Kreuzunq zu besetzen.

Mehrere Zwischenfälle

Zu einem bedrohlichen Zwischenfall kam es, als trotz der Verkehrs-Absperrung der Polizei ziemlich überraschend ein Schaufelbagger über die Kreuzung kam und quer durch die dort herumstehenden und sitzenden Demonstranten fahren wollte. In der dichtgedrängten Menge, die panisch auseinanderdrängte, entstand eine aggressive Haltung gegen die beiden Arbeiter auf dem Bagger. Es wurden Steine gegen sie geworfen und versucht, einen von ihnen herabzuziehen. Plötzlich hing ein Jugendlicher im Greifer des Baggers und wurde hochgezogen. Während der Bagger sich immer noch in der Menge befand sowie hin- und zurückfuhr, wurden aus der Menge Rufe nach der Polizei laut, die dann mit Schlagstöcken in der Hand den Bagger umstellte und die Demonstranten und die beiden Fahrer auseinanderbrachte. Der Fahrer des Baggers faßte sich an den Hals, schien gewürgt worden zu sein und erbrach sich. Aus dem Fahrzeug floß Öl auf die Straße. Während die Menge "Mörder" schrie, weil sie offenbar glaubte, der Bagger sei mit stillschweigender Duldung der Polizei in die Menge gefahren, wurde einer der Fahrer mit einem Krankenwagen abtransportiert. Mehrere Demonstranten hatten laut UPI zur Lynchjustiz aufgefordert.

Nach diesem Zwischenfall rannte die Menge alsbald in Richtung Maison de France, wo es zu neuen Zwischenfällen kam, als die große Eingangstür in Scherben ging. Starke Polizeikräfte umstellten das Haus. Andere Gruppen von Demonstranten liefen gegen 21 Uhr wieder in Richtung Gedächtniskirche und blockierten dort den abendlichen Verkehr.

Der Platz am Kranzler-Eck war um 22 Uhr voll von diskutierenden Demonstranten. Der Verkehr stockte. Mehrere hundert Demonstranten zogen ziellos durch die Straßen um das Zoo-Viertel, Joachimstaler Straße und Hardenbergstraße und brachten überall den Verkehr unter dem gellenden Hupkonzert von erbosten Autofahrern zum zeitweisen Erliegen. Vor dem Kino "Zoo-Palast" staute sich eine größere Menge, mehrere Jugendliche drangen in den Vorraum ein, wurden aber von anderen wieder herausgeholt. Eine Kette von Ordnern der Demonstranten postierte sich vor dem Eingang des Kinos. Zwei Stunden vor Mitternacht zogen immer noch Gruppen von jeweils mehreren hundert Demonstranten über die Straßen am Zoo-Viertel und legten den Verkehr lahm.

Alle Artikel der Themenseite 1968 im Tagesspiegel finden Sie hier.

Zur Startseite