Die Mitglieder des "Zehnerklub" vor der Konferenz zur Lösung der Währungskrise im November 1968. Diese "Zehnergruppe" bestand aus den Finanzministern und Notenbankgouverneuren von Japan, Frankreich, Belgien, Schweden, Bundesrepublik Deutschland, USA, Niederlande, Großbritannien, Italien und Kanada (von links). Sie wurde 1962 gegründet als eine Allgemeine Kreditvereinbarung mit dem IWF, um sich gegenseitig bei Zahlungsbilanzproblemen zu helfen. Foto: imago
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1968 im Tagesspiegel Dramatische Zehner-Konferenz in Bonn zur Lösung der internationalen Währungskrise - Devisenmärkte geschlossen

Werner Mettner

Finanzminister der zehn wichtigsten westlichen Industrienationen, der sogenannte "Zehnerklub", suchte in Bonn Lösungen zur internationalen Währungskrise

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 22. November 1968 war die Konferenz des "Zehnerklub" zur Lösung der internationalen Währungskrise das große Thema im Tagesspiegel. Der Ressortleiter der Wirtschaftsredaktion Werner Mettner schrieb dazu im Leitartikel:


 Mit einem währungspolitischen Paukenschlag begann der Buß- und Bettag in der Bundeshauptstadt. Seit Mittwoch vormittag wird die große Krise des internationalen Währungssystems durch die Mitglieder des Zehnerclubs zum erstenmal auf deutschem Boden beraten, und schon jetzt weiß man, daß auch diesmal wieder nur Dämme von begrenzter Haltbarkeit errichtet werden, einfach weil die internationale Zusammenarbeit auf währungspolitischem Gebiet nun schon seit Jahren nicht mehr funktioniert und weil die einzelnen Länder jeweils nach der Devise "Haltet den Dieb" die Schuld bei allen anderen, nur nicht bei sich selbst suchen.

Nach der Pfund-Abwertung im November 1967 und der wilden Goldspekulation im Frühsommer dieses Jahres sieht sich der erschrockene Normalbürger zum drittenmal innerhalb von zwölf Monaten mit dem ihn beunruhigenden Schlagwort von der "Währungskrise" konfrontiert.

 Diesmal hat sie einen dreifachen Ausgangspunkt, nämlich Großbritannien, das nun schon fast in Permanenz an der "Englischen Krankheit" leidet, ferner Frankreich, das sich in diesen Tagen und Wochen vergeblich bemüht, die Devisenverluste der Bank von Frankreich zu stoppen und schließlich die Bundesrepublik, deren Sorgen allerdings in die entgegengesetzte Richtung zielen. Der dramatischen Verschlechterung der britischen Handelsbilanz im Oktober dieses Jahres und den ersten französischen Maßnahmen zur "Verteidigung des Franc" steht eine bundesdeutsche Wirtschaft gegenüber, die, von der Schwäche der anderen Volkswirtschaften profitierend, vor Gesundheit schier aus den Nähten zu platzen scheint. Der entsprechend vor Kraft strotzenden D-Mark stehen ganz folgerichtig in dem britischen Pfund und jetzt auch im französischen Franc, zwei an zunehmender Schwindsucht leidende Währungen gegenüber.

Die internationale Spekulation hat dieses ungesunde Verhältnis schnell erkannt; die Folge war ein kaum noch zu überbietender Run auf die Deutsche Mark. In der Hoffnung, daß die Bundesregierung die D-Mark aufwerten würde, um auf diese Weise durch eine Verteuerung der deutschen Ausfuhren bei einer gleichzeitigen Verbilligung unserer Importe ihren in Bedrängnis geratenen Wirtschaftspartnern Frankreich und Großbritannien, aber auch den Amerikanern zu Hilfe zu kommen, flössen in den letzten Wochen ausländische Devisen in riesigen Mengen in die Bundesrepublik. Man trennte sich also vom Franc, vom Pfund, aber auch vom Dollar, und kaufte D-Mark mit dem Ziel, einen ansehnlichen Aufwertungsgewinn einstreichen zu können. Diese Spekulationswelle hat in den letzten Tagen die Ausmaße einer Springflut angenommen, die "Schuldige und Unschuldige" gleichermaßen zu überspülen droht.

Alle sind betroffen

Und hier wird sogleich auch das von den Bundesbürgern am meisten gebrauchte Argument zur Seite geschoben: "Warum", so hört man es überall, "soll die Bundesrepublik eine Suppe auslöffeln, die sich andere, weniger auf Währungsstabilität bedachte eingebrodet haben?" Mit anderen Worten, es ist unzumutbar, daß Westdeutschland für Fehler gerade stehen soll, die andere Nationen seit Jahren und trotz vielfacher Warnung begangen haben.

Leider, das muß an dieser Stelle betont werden, ist es bei der immer engeren Verflechtung der einzelnen Volkswirtschaften auch mit noch so guten Argumenten nicht mehr getan. Deutschland ist heute von schleichender Inflation umringt, und es wird schwer sein, bei den über die Grenzen hinweg fließenden Handels- und Geldströmen dieses Inflationsgift von uns fernzuhalten. Hinzu kommt, daß sich in der Bundesrepublik ebenfalls bereits ernste Preissorgen ankündigen, die schon aus diesem Grunde Maßnahmen der Bundesregierung und der Notenbank erforderlich machen.

Selbstverständlich ist es unzumutbar, wenn Bonn nun allein damit beginnt, die Fehler der anderen zu korrigieren. Das kann nur bedeuten, daß sich der französische Staatspräsident allen Prestigeüberlegungen zum Trotz zu einer Abwertung des Franc entschließen muß, und daß auch die Engländer erneut die Pfundparität überprüfen. Solche Schritte müssen begleitet sein von flankierenden Maßnahmen in den beiden am stärksten betroffenen Ländern, und sie müssen, das mag für viele Bundesbürger schmerzlich klingen, unterstützt werden durch deutsche Aktionen. Bonn hat mit seinen steuerpolitischen Maßnahmen, dem sogenannten Aufwertungsersatz und weiteren, die Spekulation treffenden Beschlüssen der Bundesbank, seinen guten Willen bewiesen.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, in maßvollem Umfange aufzuwerten, und hier spätestens beginnen die Vorwürfe an den Bundeswirtschaftsminister, dem zuerst der Aufschwung nicht schnell und kräftig genug erfolgen konnte und der dann den Zeitpunkt verpaßt hat, den Aufschwung nach Maß harmonisch in ein "Wachstum nach Maß" überzuleiten.

Noch folgenschwerer ist jedoch die viel zu späte Antwort an die internationale Spekulation. Sollte es ihr gelingen, die Bundesregierung in den nächsten Wochen und Monaten zu weiteren Restriktionsmaßnahmen, die im übrigen schon jetzt bedenkliche dirigistische Züge tragen, zu zwingen, dann wäre in der Tat eine rechtzeitige Aufwertung die klügste Reaktion gewesen, anstatt jetzt unter Druck zu verhandeln und handeln zu müssen.

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