Robert Kennedy bei seinem Berlin-Besuch 1964. Berliner Bürger und Politiker bekunden ihre Bestürzung über den Tod Kennedys mit Beileidskundgebungen und einem Schweigemarsch. Foto: imago
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1968 im Tagesspiegel Die Tragödie einer Familie - Robert Kennedy kannte die Gefahr - Vermutungen über die Hintergründe des Attentats

Vor 50 Jahren wurde Robert Kennedy bei einem Attentat tödlich verletzt

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 7. Juni 1968 berichtet der Korrespondent des Tagesspiegels über die Hintergründe des Attentats auf Robert Kennedy.

Es war zwei Uhr früh, als Pressesekretär Frank Mankiewicz das im Samariter-Krankenhaus von Los Angeles eingerichtete Pressezimmer betrat und jene Nachricht bekannt gab, die nach den unverändert ernsten Bulletins der Ärzte befürchtet worden war: Um 1 Uhr 44 (9 Uhr 44 MEZ), knapp 25 Stunden, nachdem die tödlichen Schüsse auf ihn abgefeuert worden waren, ist Senator Robert Kennedy gestorben. Seine Frau Ethel, die ihr elftes Kind erwartet, sein Bruder Edward und die Schwägerin Jacqueline, die Präsidenten-Witwe, gehörten zu denen, die in der Todesstunde in seiner Nähe waren.

Die 70jährige Mutter des toten Senators, Mrs. Rose Kennedy, wurde am frühen Morgen gegen sechs Uhr in ihrem Haus in Hyannis Port in Massachusetts vom Tod des dritten ihrer vier Söhne unterrichtet. Unmittelbar danach verließ sie das Haus und besuchte wie üblich die Frühmesse in der St.-Francis-Xavier-Kirche, in der Robert Kennedy auch noch als erwachsener Mann und Minister gelegentlich Meßdiener war. Der nach einem Schlaganfall seit sechseinhalb Jahren gelähmte 79jährige Vater Joseph Kennedy hielt sich in völliger Abgeschiedenheit in einem Sommerhaus am Cape Code auf.

Sechs der zehn Kinder von Robert und Ethel Kennedy waren in Los Angeles, als das Attentat geschah. Wie oft hatte Kennedy in der siegreichen Kampagne um die Stimmen der Demokraten Kaliforniens für seine Nominierung als Präsidentschafts-Kandidat über die Zahl seiner Kinder gescherzt

 Die Kinder wußten, was geschehen war 

 Robert Kennedys Kinder wußten, was geschehen war. Und man hätte gewiß diesen Kindern auch dann kaum etwas verheimlicht, wenn es möglich gewesen wäre. Robert Kennedy hatte viele Eigenschaften, auf die Menschen heftig in entgegengesetzter Weise reagieren. Er hatte Bewunderer und Hasser, aber seine Kinder sagen denen, die sie kennen, einiges über den Vater, ohne ihn erwähnen zu müssen. Sie spiegeln die Seite Robert Kennedys wieder, die hinter intensiver, manchmal rücksichtsloser Zielstrebigkeit und scharfer Sachlichkeit oft nicht sichtbar wurde. Diese Kinder kommen aus einer Familie, die menschliche Rücksichten, Hilfsbereitschaft und Sorge um andere lehrt und lebt.

Aber mehr als von den Kindern sprach man an diesem Tag von den Eltern: Von dem gelähmten Vater von neun Kindern, der vier Söhne für den öffentlichen Dienst in der Politik erzogen und dafür mit reichlichem Privatvermögen ausgestattet hatte, und von der erstaunlichen Mutter, die trotz ihres Alters noch Pressekonferenzen in Wahlkämpfen gibt. Die Grausamkeit des Geschicks dieser hochbegabten und reichen Familie, dieser, scheinbaren Lieblinge der Götter, gleicht griechischen Tragödien. Der älteste Sohn ist im Weltkrieg abgestürzt, und eine Tochter kam bei einem Flugzeugunglück um. John, der zweite Sohn, wurde nach einer Krankheit, die ihn fast gelähmt hätte und Zeit seines Lebens immer wieder in Schmerzen hielt, Präsident der Vereinigten Staaten. Er wurde ermordet, bevor er seine Mission erfüllen konnte. Nun war Robert, der dritte Sohn, in einer Nacht tödlich getroffen, in der er sich auf dem Weg zur Präsidentschaft wähnen konnte. Der vierte Sohn, Senator Edward Kennedy, hat schwer verletzt einen Flugzeugunfall überstanden, der leicht tödlich hätte ausgehen können. Die älteste Tochter Rosemary schließlich lebt seit Jahren in einer Nervenklinik.

 Ein Hauch von Fatalismus

 Die Tragik dieser Familie fand spürbaren Ausdruck auch in Robert Kennedys verhaltenem, gewissermaßen von sich selbst und anderen distanziertem Auftreten und wohl auch in der Getriebenheit des Willens, der Arbeit und des Strebens des erst 43jährigen. Seit der Bruder, den er verehrte, durch die Mörderkugel aus dem Leben gerissen war, zeigten Robert Kennedys Worte und Handeln einen Hauch von Fatalismus. Er kannte die Risiken, die er in seinen Wahlkampagnen unter den Menschenmengen auf jedem Flugplatz und jedem Bahnhof, in jedem Einkaufszentrum und jedem Saal einging. Jeder wußte, wie leicht ein Anschlag auf einen so bekannten, so aktiven, so umstrittenen, so vielgeliebten und so vielverdammten Mann war; besonders nach einer Serie politischer Morde, die beängstigend ansteckend zu wirken scheint und tief erschreckt.

Waren die Mörder Präsident Kennedys, Martin Luther Kings und nun Robert Kennedys sämtlich bittere, haßerfüllte Einzelgänger oder Psychopathen, die die Zeiten des Wechsels und des Übergangs zum Handeln brachten? Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Mörder des großen Negerführers Martin Luther King andere hinter sich hatte. Viele glauben, daß er von Auftraggebern außer Landes oder mit einem Schuß zum dauernden Schweigen gebracht und der Auffindung entzogen worden ist.

Man weiß, wer er ist; mehr nicht. Man weiß auch, wer der Mann ist, der auf Robert Kennedy geschossen hat, man hat ihn sogar verhaften können, aber auch hier weiß man bisher nicht viel mehr. Der Täter ist ein 23 Jahre alter Jordanier mit dem sonderbar klingenden Namen Sirhan Sirhan, der Joe genannt wurde. Auch das weiß man nicht von ihm selber. Er spricht nicht über sich und über seine Tat. Selbst einen Anwalt, der ihm nur helfen könnte, wenn er zu ihm spräche, lehnte er ab. Sirhan hatte mehr als vierhundert Dollar bei sich. Für einen jungen Mann, der mit manueller Beschäftigung in Hollywood nicht viel verdiente, ist die Summe nicht gering. Er war für eine Flucht ausgerüstet, wenn sie möglich gewesen wäre. Ist vielleicht auch er ein gedungener Mörder?

Aber der Täter ist ein jordanischer Araber, dessen Familie vor elf Jahren aus Jerusalem nach Amerika eingewandert ist. Man fand ein Tagebuch mit der Eintragung, Robert Kennedy müsse wegen seiner Unterstützung Israels vor dem 5. Juni, dem Jahrestag des Krieges zwischen Israel und den Arabern, ermordet werden. Und zwanzig Minuten nach dem Beginn dieses Tages wurde die Tat ausgeführt; offenbar also ein arabischer Nationalist ohne Verbindung mit irgendeiner Organisation, die mit den anderen Morden etwas zu tun haben könnte. Aber ist das gewiß? Sollte dieser Eindruck erweckt werden? Schließt eigener Fanatismus solche Verbindung aus?

Die wichtigsten Lebensdaten Robert Kennedys - Vier Berlin-Besuche

Der ermordete demokratische amerikanische Politiker Robert Francis Kennedy wurde am 20. November 1925 in Boston im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts als Sohn des Multimillionärs und Diplomaten Joseph Patrick Kennedy geboren. Die wichtigsten Daten seines Lebens sind:

1944: Marinesoldat und Seeoffizier in der Karibischen See.

1946-1951: Studium der Rechtswissenschaft an der Harvard-Universität und der University of Virginia, Gerichtszulassung in Massachusetts.

1948: Berichterstatter für die "Boston Post" in Palästina, anschließend Aufenthalt in Berlin während der Blockade.

1951: Anwalt in der Kriminalabteilung des Justizministeriums.

1952: Leitung des Wahlkampfes seines Bruders John F. Kennedy für einen Senatssitz in Massachusetts.

1953: Ausscheiden aus dem "Ausschuß gegen unamerikanische Umtriebe" wegen der Methoden des - 1957 gestorbenen - Vorsitzenden Joseph McCarthy.

1955: Reisen als Anwalt in die Sowjetunion und nach Zentralasien; anschließend Besuch in Berlin. Zulassung als Anwalt beim Obersten Gerichtshof der USA

1957: Als Berater eines Senatsausschusses Enthüllung krimineller Praktiken in amerikanischen Gewerkschaften, Beginn seines Kampfes gegen den Vorsitzenden der Transportarbeitergewerkschaft, Hoffa.

1960: Organisierung des Wahlkampfes seines Bruders John F. Kennedy um die Präsidentschaft; Berufung zum Justizminister der USA.

1961: Einsatz der Nationalgarde gegen die Rassendiskriminierung; maßgebliche Teilnahme an der Ausarbeitung der Bürgerrechtsgesetzgebung seines Bruders.

1962 und 1964: Besuche in B e r 1 i n.

1964: Rücktritt als Justizminister der Regierung Johnson.

1965; Denkschriften über die Notwendigkeit, einen Vertrag gegen die Weiterverbreitung von Kernwaffen mit größeren Zugeständnissen an die Sowjetunion zu erreichen.

1966: Vorsichtiges Eintreten für die Beteiligung der Vietcong an Vietnam-Friedensverhandlungen; Kritik an der Apartheid-Politik Südafrikas.

1967: Forderung direkter Verhandlungen mit den Vietcong, einer Unterbrechung der Bombardierungen Nordvietnams und einer Verringerung der im Vietnam-Krieg eingesetzten Mittel.

1968: Eintreten in den Nominierungs-Wettbewerb für eine Präsidentschafts-Kandidatur.

 

Robert F. Kennedy, war unter anderem Ehrendoktor der Freien. Universität Berlin. Er war mit Ethel, geborene Shakel, verheiratet, die ihr elftes Kind erwartet.

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