1968 im Tagesspiegel Das "Establishment" unter Beschuß

Karl Silex
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Vor 50 Jahren erschien dieser Leitartikel zur "Lage der Nation"

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 17. März 1968 erschien unter dem markanten Kürzel Sx. dieser Leitartikel von Karl Silex, dem "letzte Chefredakteur alter Schule", wie er gerne genannt wurde. Er führte die Meinungsspalte auf der rechten Seite der Aufschlagseite ein - quasi den Leitartikel.

 

Der "Bericht über die Lage der Nation im geteilten Deutschland" , den Kiesinger dem Parlament vorlegte, war zwar im großen und ganzen nach dem üblichen Schema sachlicher Ressortübersichten angelegt, aber einige wenige, dafür um so bedeutendere Stellen verraten das natürliche Gespür unseres Bundeskanzlers für das Wesentliche. Vor allem zeigte sich das in seinen Äußerungen zum Generationenproblem:

„Mehr als die Hälfte der heute lebenden Deutschen wurden nach 1933 geboren. Die Zahl der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der Krieg sind für sie entweder nur noch eine blasse Kindheitserinnerung, oder sie haben sie nicht erlebt. Zwischen ihnen und uns liegt eine Zäsur, die tiefer einschneidet als der normale Unterschied der Generationen. Die Jüngeren begreifen unsere staatliche und gesellschaftliche Ordnung nicht wie wir als etwas, das mühsam und erfolgreich wieder aufgebaut wurde; sie empfinden deutlicher die Schwächen und Mängel dieser Ordnung. Sie messen unsere gesellschaftliche und staatliche Wirklichkeit nicht am Vergangenen, sondern mit den Maßstäben idealer Vorstellungen. Das braucht uns nicht zu verwundern, und wir sollten es uns auch nicht anders wünschen. Von einer kleinen Gruppe utopischer Schwärmer abgesehen, will diese junge Generation doch vor allem die Gewißheit haben, daß diejenigen, die heute in Gesellschaft und Staat Verantwortung tragen, willens und fähig sind, die Grundlagen für die Zukunft zu legen."

Wenn er im Anschluß an die Feststellung, daß die politischen Parteien sich programmatisch einander genähert hätten, anmerkt, dadurch habe das politische Leben bei uns vielleicht "an Farbigkeit und Dramatik verloren", klang ein Unterton von Bedauern über den Preis durch, der für die Bildung der Großen Koalition zu zahlen war, was denn auch zur Unpopularität gerade dieser Regierungsform in der jüngeren Generation beigetragen hat.

Wenn man einige Stunden am Radio der Bundestagsdebatte beiwohnte, stimmt man gern der Anregung unseres Bonner Korrespondenten zu, die Rede von Helmut Schmidt zum "Bericht über die Nation" zu erklären, wenn auch nicht gleich statt des Kanzlerberichtes, so doch in seiner Ergänzung. Mir scheinen es die beiden einzigen Beiträge zu sein, die in der Anknüpfung an angelsächsische Vorbilder den großen parlamentarischen Aufwand gelohnt haben. Es würde mich nicht überraschen, wenn die Jugend nur in dem Beitrag von Schmidt auf die sie bewegenden Fragen einige Antworten fände, die sie einigermaßen befriedigten. Unser erster Bericht "über die Lage der Nation" hielt sich in der Mitte zwischen einer englischen Thronrede, die wenig über eine Aufzählung geplanter Gesetze hinausgeht, und der Neujahrsbotschaft amerikanischer Präsidenten über den "State of the Union", die freilich auch nur selten solche Höhepunkte erreicht wie bei Kennedy, der dem Jahrhundert und seiner Jugend neue Wege zu weisen verstand. Auch er gehörte zum "Establishment", aber er traute ihm nicht. Wir scheinen da eine Vorstufe erreicht zu haben: Das Establishment, zu dem sich die Abgeordneten zählen, fühlt sich unter Beschuß, immer wieder sprachen die Redner davon, daß "unsere Antworten" nicht mehr ankommen. Die meisten bezogen eine Abwehrstellung, nur wenige packten den Stier so bei den Hörnern wie Helmut Schmidt, der die DDR ohne Anführungszeichen einen Staat nannte, mit dessen "ungeliebter Regierung" wir gleichwohl geordnete Verbindungen herstellen müßten, auch wenn wir sie nicht völkerrechtlich als Ausland anerkennen könnten.

Deutschlandpolitik und Generationenproblem

Daß die beiden Hauptthemen der Debatte - Deutschlandpolitik und Generationenproblem - eng miteinander zusammenhängen, klang bei allen Rednern an. Es klang aber auch an, daß diese beiden Themenkreise sich nicht völlig decken, da es ja Proteste gegen das Establishment nicht nur bei uns gibt. Ihre Gleichzeitigkeit in Ost und West fällt auf, eine Gleichzeitigkeit ohne Verabredung, ohne inter nationale "Verschwörung". Soziologen und Politiker fragen, ob es da, bei allen Verschiedenheiten zwischen Studentenunruhen in London, Rom, Madrid oder Berlin und den Ereignissen in Prag oder Warschau nicht doch etwas Gemeinsames gebe, und sie finden dies in der Schnelligkeit des Wechsels begründet, dessen Tempo noch niemals so atemberaubend gewesen ist wie in unserem Atom-Jahrhundert. Unser Zeitalter ist gekennzeichnet durch den rapiden, die menschlichen Lebensbedingungen umwälzenden Fortschritt von Wissenschaft und Technologie in Elektronik, Automation und Herzverpflanzung, aber auch durch eine Philosophie und Theologie, die überkommene Werte und Glaubensartikel in Frage stellen. Nicht mehr von Generation zu Generation, sondern mehrmals innerhalb einer Generation findet ein Wechsel statt. Der Feind aber des Wechsels ist das Establishment oder „das System".

Abgeleitet von der anglikanischen Kirche als der "established church", wurde das Establishment erst in unserer Zeit in England zu einem soziologischen Begriff erweitert, der alles umfaßt, was in Staat und Gesellschaft etabliert ist, was in den Institutionen aller Art wie in Berufsgliederung oder Arbeitsteilung seinen Platz, seine "Funktion" gefunden hat. Während nun bei unseren jüngeren Ideologen der englische Ausdruck bevorzugt wird, taucht drüben auf der Insel das uns aus der Hitlersprache bekannte, stärker abwertende Wort vom "System" auf. So findet man in der Londoner "Times" auf der Leitartikelseite eine ausführliche Untersuchung unter der Überschrift "Weshalb die Jugend bitterlich gegen das System rebelliert". Der Verfasser Des Wilson gehört zu den Treuhändern einer von der Regierung unterstützten Jugendorganisation (Young Volunteer Force). Er bekennt, es sei schwierig, "das System" zu definieren, aber an seine Existenz glaube er vollkommen: "Das System ist alles, was den Fortschritt aufhält. Es ist das Versagen unserer Institutionen, sich der Notwendigkeit des Wechsels zu stellen. Das System ist der unkritische Einsatz der Bürokratie. Das System sind die Leute in Schlüsselpositionen. Es ist aber auch jeder, der darauf wartet, an die Reihe zu kommen. Das System ist das System." (Er hat Gertrude Stein gelesen oder von ihr gehört.)

Wieder treibt das System Blüten

Was war nicht alles einmal bei uns in den zwanziger und dreißiger Jahren "das System"? Vor allem die Weimarer Parteien waren in der Terminologie von Goebbels "die System-Parteien". Der Berliner Humor hatte auch damals nicht versagt: "Sehen Sie dort die neue Autobahnbrücke und daneben die alte System-Brücke!" Mit der jahrelangen Unterminierung als "System-Wirtschaft" wurde die Weimarer Republik, wurde die erste deutsche Demokratie zum Untergang reif gemacht. Wieder treibt das System Blüten. In der Literatur der "Fachidioten" stieß ich neben Neuprägungen wie "systemimmanent" und "systemkomform" auf den Terminus "Antisystemhaftes System", worunter ich mir nichts anderes vorstellen kann als das neue System, mit dem wir wie zu Hitlers Zeiten nach Vernichtung unserer freiheitlichen Ordnung beglückt werden sollen. Bei aller Aufgeschlossenheit für berechtigte Forderungen warnte daher Helmut Schmidt: "Die Trotzkisten, die da von der permanenten Revolution schwätzen, die Kommunisten und die linken Sektierer mögen sich da genausowenig täuschen wie die altert Nazis, die Reaktionäre und die neuen Wirrköpfe. Wir werden nicht mit uns  lassen."

Auf eine freilich ganz andere Weise gerät das Establishment auch in der kommunistischen Welt unter Beschuß. Aus einem polnischen Roman der Tauwetter-Literatur der fünfziger Jahre erinnere ich mich, welche lähmende Wirkung auf den einzelnen die bloße Frage auszulösen pflegte: "Es gefällt Ihnen wohl nicht?" Der Arbeiter in der Fabrik, die Hausfrau im Konsumgeschäft, der Funktionär - jeder wußte, was die Uhr für ihn geschlagen hatte, wenn er auf eine Anfrage, mochte sie ihm noch so unverfänglich erscheinen, mit dieser Gegenfrage aus dem Munde eines Höheren abgefertigt wurde. Damit, ist es heute vorbei. Das Establishment ist unter offenen Beschuß geraten, und nach einer Analyse des marxistischen Denkers Ernst Fischer geriet es ähnlich wie im Westen unter Beschuß als Feind des Wechsels. (Die Analyse befindet sich in dem bei Christian Wegner erschienenen Sammelband „Macht und Ohnmacht der Intellektuellen".) Nach Fischer ist der Intellektuelle ist der kommunistischen Welt im Normalzustand ohnmächtiger als, sein westlicher Kollege. Doch ergäben sich immer wieder Situationen, in denen der Apparat vor der Solidarität der Intellektuellen zurückweiche, immer wieder vermöge die potentielle Macht der Intellektuellen in aktuelle umzuschlagen: "Der Apparat mit seiner imaginären Unfehlbarkeit und seinen, undemokratischen Methoden gerät in Widerspruch zum Entwicklungsgrad der Gesellschaft, zu den Erfordernissen ihrer Entfaltung." In diese Lücke stößt der Intellektuelle mit seiner Kritik des Apparates und seinem Anspruch auf mehr Freiheit vor, worunter auf dieser Stufe nur mehr Freiheit innerhalb des Kommunismus, innerhalb einer "humanen- sozialistischen Ordnung" verstanden wird.

Es wäre verfehlt, die jüngsten Ereignisse in Polen und der Tschechoslowakei schematisch in diesen Rahmen einzwängen zu wollen. Es sprechen noch andere, auch nationale Motive hinein, aber die Grundrichtung gegen das Establishment ist gemeinsam. Verschieden ist, was für den, einen oder den anderen das Establishment ist. Jede Revolution erzeugt ihr eigenes Establishment, das bald mehr an seiner eigenen Erhaltung interessiert ist. Seine Vertreter werden denn auch unter Kommunisten die "Konservativen" genannt, die als Gegner der revisionistischen "Liberalen" zu Feinden des Wechsels werden. Das absurdeste Beispiel lieferte Mao, der mit seiner "Kulturrevolution" gegen das von ihm selbst geschaffene Establishment zu Felde zog.

Im unaufhaltsamen Fortschritt zu mehr Freiheit bahnt sich ein Wechsel an, mit dem es in der geistigen Auseinandersetzung unserer Zeit Schritt zu halten gilt, ohne den festen Boden der Demokratie und des Rechtsstaates unter den Füßen zu verlieren.

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