Im Hangar des ehemaligen Flugplatzes der britischen Royal Air Force in Berlin-Gatow stehen historische Flugzeuge und werden von Besuchern betrachtet. Die Maschinen gehören zum Luftwaffenmuseum der Bundeswehr und sollen den Besuchern und Soldaten einen Überblick über die Geschichte der deutschen Militärluftfahrt geben. Die Aufnahme stammt von 1996. Foto: Andreas Altwein/dpa
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1968 im Tagesspiegel Besucherandrang bei der Royal Air Force auf dem Flugplatz in Gatow

Zum ersten Tag der offenen Tür der Royal Air Force in Gatow kamen 60000 Berliner.

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 8.Oktober berichtet der Tagesspiegel über den ersten Tag der offenen Tür der Royal Air Force in Gatow.


Nach offiziellen britischen Angaben waren es 60 000 Berliner, die am Sonntag der Einladung des Kommandanten des Flugplatzes Gatow, Group Captain Lewis, zum ersten Tag der offenen Tür der Royal Air Force in Gatow gefolgt waren. Wer die Verkehrsstauungen miterlebt hat, die sich zeitweilig noch an der Heerstraße bemerkbar machten, die Schlangen von Wartenden vor den ausgestellten Flugzeugen sah und in das Gedränge in den überfüllten Hangars geraten ist, wird diese Zahl nicht übertrieben finden, sondern darin eher den Ausdruck eines typisch britischen "Understatements" sehen.

Unzweifelhaft sind die Mühen, die von britischer Seite auf die Ausrichtung dieser Veranstaltung verwandt wurden, durch das wache Interesse der Berliner und die hohe Besucherzahl honoriert worden - besonders, wenn man bedenkt, daß es sich um nur sechs Stunden eines regnerischen Oktobertages handelte. Die großen Transportflugzeuge - "Belfast", "VC 10", "Britannia", "Argosy" und "Hercules" - bildeten die Kulisse dieser Großveranstaltung, von der kein Besucher wird sagen können, er habe alles gesehen und miterlebt. Wer sich vielleicht gerade in einem der Hangars in einen Londoner "Pub" oder einen Vergnügungspark versetzt fühlte, dem entging das Schauspiel aufmarschierender und musizierender Militärformationen. Und wer hinter der Reihe der abgestellten Flugzeuge schwarze Rauchpilze aufsteigen sah - es handelte sich um Feuerlöschübungen -, mochte zu Unrecht beunruhigt sein.

Zwischenfälle

Doch nur wenige werden in Gatow einen echten Absturz miterlebt haben: eines der ferngesteuerten, gar nicht so kleinen Modellflugzeuge mit Benzinmotor geriet außer Kontrolle und stürzte ab, Gesamtschaden etwa 1500 DM. Erklärt wurde dieser Absturz von dem unglücklichen, Besitzer mit der "unreinen Funkluft", wie sie an diesem Tage herrschte, verursacht durch das Zusammentreffen von Radarstrahlen mit der sonstigen Äther-Aktivität, die von den Amateurfunkern im Hangar 7 bis zu den Walkie-Talkies der um Bewältigung des Verkehrs bemühten Polizisten reichte.

Indessen blieb auch die Royal Air Force nicht ganz von Schaden verschont. Zwei Jungen brachten es fertig, im Cockpit der riesigen "Belfast" die Schalter zu betätigen, mit denen bei Feuer an Bord die Schaumlöscher in Betrieb gesetzt werden. So erhielt eines der Triebwerke ein unbeabsichtigtes Schaumbad; gestern nachmittag konnte die Maschine wieder startklar gemeldet werden.

Zu den Ehrengästen der Veranstaltung zählten der Regierende Bürgermeister Schütz und der Oberkommandierende der Royal Air Force in Deutschland, Luftmarschall Foxley-Norris, der in den Mittagsstunden mit einer kleinen viermotorigen "Heron" eintraf, der die britische Militärpolizei nur mit Mühe einen Weg über das Flugfeld bahnen konnte, auf dem sich Hunderte von Besuchern befanden.

50 Jahre Royal Air Force

Starkes Interesse fand die Ausstellung "50 Jahre Royal Air Force", zumal sie neben sehenswerten militärhistorischen Stücken auch mancherlei moderne Ausrüstungsgegenstände enthielt, wie sie anderswo zum üblichen Rahmen solcher Veranstaltungen gehören, in Berlin aber erstmals zu sehen waren. Das gilt vor allem für Rettungsausrüstungen und Instrumente für die Luftaufklärung, ebenso aber auch für moderne Mittel der Nachrichtenübermittlung. "Englischer Regen", der am frühen Nachmittag einsetzte, ließ die Besucher zeitweilig unter Tragflächen und in den Hangars Schutz suchen, aber er bewirkte keine Aufbruchstimmung und hinderte auch am Nachmittag Zehntausende nicht daran, nach Gatow zu fahren.

Möglicherweise aber trug er dazu bei, daß manch einer länger als beabsichtigt an den Würstchenständen in den Hangars verweilte. Die verzehrten Bockwürste aneinandergereiht würden jedenfalls von Berlin bis weit in die Zone reichen, wie von britischer Seite mitgeteilt wurde.

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