Gedenktafel für Max Reinhardt im Foyer des Deutschen Theaters Foto: imago/Stefan Zeitz
© imago/Stefan Zeitz

1968 im Tagesspiegel Auf dem besten Weg zur Legende - Max-Reinhardt-Ausstellung in der Akademie der Künste

In Berlin beginnt zum 25. Todestag von Max Reinhardt eine Wanderausstellung über sein Leben und Werk.

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 20.Oktober wird im Feuilleton eine Ausstellung in der Akademie der Künste über Max Reinhardt besprochen.


Es gibt außer in den USA (New Yorker State University at Binghamton) drei große Reinhardt-Gedenk- und Forschungsstätten: in Salzburg, in Wien und in Ost-Berlin. Ungerechnet noch, was sich an Reinhardt-Dokumenten, bekannten oder verborgenen, in Privatsammlungen befindet. Aus Anlaß von Reinhardts Todestag (31. Oktober), der sich zum 25. Male jährt, hat nun das Salzburger Institut eine Ausstellungsrundreise unternommen, die in Berlin beginnt und weiterhin in Hamburg, Hannover, Bielefeld und Marl gezeigt werden soll.

Das im, Foyer der Akademie der Künste ausgebreitete Material umreißt den Weg von Reinhardts Leben (1873-1943) und Schaffen, unter besonderer Berücksichtigung der Berliner Wirksamkeit, Als Schauspieler fängt er in Wien an (Fach "alte Männer"), und als solchen holt ihn Brahm nach Berlin. Zunächst begnügt er sich mit Kabarett-Aufführungen ("Schall und Rauch"). Bald geht er, im "Kleinen Theater", zu abendfüllenden Aufführungen über, mit aktuellen und modernen Stücken wie "Erdgeist" oder "Nachtasyl". Im "Neuen Theater" gibt er "Salome" mit Gertrud Eysoldt als Salome und Tilla Durieux als Herodias, Bühnenbild Lovis Corinth und Max Kruse (der Bildhauer). Von Corinth existiert noch ein Porträt der Eysoldt als Salome.

Sein Leben

1905 übernimmt Reinhardt das Deutsche Theater und eröffnet 1906 die Kammerspiele mit Ibsens "Gespenstern". Die Zeit unbestrittenen, von der Kritik nicht immer gutgeheißenen Triumphes beginnt. Für die deutschsprachigen Theater ist er die überragende Persönlichkeit. So greift man nach ihm als Regisseur für die Uraufführung von Richard Strauss' ,,Rosenkavalier" in der Dresdener Oper (1911). Auch das Ausland verlangt ihn im gleichen Jahr: zur Uraufführung von Vollmoellers Mirakel in London.

1916 eröffnet Reinhardt die Volksbühne mit den "Räubern" und 1919 das Große Schauspielhaus (Architekt Hans Poelzig) mit der „Orestie". 1920 werden die Salzburger Festspiele mit seiner "Jedermann"-Inszenierung «eingeleitet, die sich bis heute als lebensfähig erwies. Es ist ein Weg zu den Sternen, von dem man nicht recht weiß, wo der Höhepunkt liegt und die Kurve sich senkt. Eine fieberhafte Tätigkeit, in Deutschland und im Ausland, auch auf dem Gebiet des Films, erfüllt die Jahre vor 1933, die bereits unter dem Druck der herannahenden Naziherrschaft stehen.

1933 ist Reinhardt gezwungen, Deutschland und sein dort geschaffenes Lebenswerk zu verlassen. Noch wird ihm eine Frist in Salzburg gegönnt - Rückkehr in das Milieu seiner Kindheit, Rückkehr in die Formen- und Ideenwelt des Barocks, die ihn in seinen Vorstellungen und Wünschen nie verlassen hatte. 1937 geht er in die USA - als Emigrant, der er auch geblieben ist: ein Beispiel für jene Entwurzelten, die nur an bestimmtem Ort zu bestimmter Zeit ihr Eigentliches und Bestes geben können und außerhalb - bei allen Anstrengungen - nicht gedeihen. 1943 stirbt Reinhardt in New York.

Die Ausstellung

Können Porträt-Photos, Rollenbilder, Verträge (mit Agnes Sträub), Theaterzettel, Briefe (an Louise Dumont), Bühnenbilder (Stern, Munch, Orlik, Roller), Kostümfigurinen eine solche Persönlichkeit und ihre Leistung lebendig machen? Auf keinem Kunstgebiet ist das Erarbeitete so zur Einmaligkeit, Unwiederholbarkeit, zum frühen Untergang bestimmt wie beim Theater. Nicht allerdings auch, tröstlicherweise, zum Vergessen. Vielleicht gerade weil eine Bühnenleistung nie wieder neu vergegenwärtigt werden kann, rücken ihre Helden und Heldinnen früher und leichter in die Sphäre des Legendären als in anderen Künsten.

Noch lebt Reinhardt in der Erinnerung derer, die seine Aufführungen gesehen haben, es sind nicht mehr viele, noch wirken einige seiner Schauspieler und Schauspielerinnen.

Schon aber greift die Wissenschaft nach ihrer aller Zentralfigur und hat bereits viel von ihr und dem Werk, wie wir hoffen, für alle Zeiten gesichert, und schon wächst Reinhardt, steigend von Jahr zu Jahr, zur Legende auf. Fast sollten wir froh sein, daß zu seiner Zeit Theatervorstellungen noch nicht reproduzierbar waren und solche Wiedergaben unser Vorstellungsbild nicht zu stören vermögen.

Mit bewundernswerter Energie entfernt sich unser Gegenwartstheater von Reinhardt, seiner Praxis, seinen Prinzipien, seiner Gesinnung. Wäre uns da nicht ein unangreifbarer, niemals hinderlicher Schutzgeist nützlich? Niemand anders als er selbst und er allein käme dafür in Betracht.

Alle Artikel der Themenseite 1968 im Tagesspiegel finden Sie hier.

Zur Startseite