Pflege des deutsch-jüdischen Erbes: Jutta Dick leitet die Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt. Foto: Dorothee Nolte
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1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland Wiege der Neo-Orthodoxie

Halberstadt war einst ein bedeutendes jüdisches Zentrum. Erstaunlich viel davon ist erhalten.

Berend Lehmann war ein kühner Mann. Natürlich kannte er die Regeln seiner Zeit und wusste genau: Synagogen dürfen nicht mit Front zur Straße gebaut werden, sondern müssen versteckt im Hinterhof stehen. Aber was sind schon Regeln? Sie lassen sich interpretieren. Die barocke Synagoge, die Berend Lehmann um 1700 in Halberstadt stiftete, ließ er ganz korrekt auf einem Grundstück umgeben von Fachwerkhäusern erbauen, unsichtbar von der Straße aus. Aber ihr mächtiges Walmdach erhob sich viele Meter hoch über die Dächer der übrigen Häuser und sandte ein Signal des Selbstbewusstseins aus, das vom höher gelegenen Domplatz aus nicht zu übersehen war.

Berend Lehmann (1661-1730) war ein sogenannter Hofjude, wie es im 17. und 18. Jahrhundert viele gab. Er belieferte Herrscher, vor allem den sächsischen König August den Starken, mit Luxuswaren und trieb Geld für sie auf, wenn sie Krieg führen oder ihre Paläste verschönern wollten. Das tat er von Halberstadt im heutigen Sachsen-Anhalt aus, wo er sich dank eines Schutzbriefs niederlassen konnte. Und er tat es in Dresden, wo er als Jude offiziell gar nicht leben durfte – aber auch das war eine Regel, die sich interpretieren ließ.

Ein nahezu komplettes Ensemble von baulichen Zeugnissen

Jedenfalls verdankte ihm die jüdische Gemeinde in Halberstadt viel, denn Lehmann stiftete nicht nur die prächtige barocke Synagoge, sondern auch „die Klaus“, ein Lehr- und Studierhaus für Rabbiner, die von Gemeindeaufgaben freigestellt und somit „in Klausur“ waren, mitsamt einer eigenen, schlichteren Synagoge. Hier, rund um den Alten Judenplatz in der Unterstadt, spielte sich über Jahrhunderte das jüdische Leben ab, auch die jüdische Schule und drei jüdische Friedhöfe befinden sich in Laufnähe.

Von alledem ist heute noch erstaunlich viel zu sehen. „Halberstadt ist einer der ganz wenigen Orte in Deutschland, an denen ein nahezu komplettes Ensemble von baulichen Zeugnissen an die jüdische Tradition der Stadt erinnert“, sagt Jutta Dick, Leiterin der Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt, die sich seit 1995 der Bewahrung des deutsch-jüdischen Erbes widmet. Das Viertel unterhalb des Domplatzes, geprägt von sanierten Fachwerkhäusern, beherbergt das jüdische Gemeindehaus aus dem 16. Jahrhundert, heute Teil des nach Berend Lehmann benannten Museums, mit der Mikwe, dem Ritualtauchbecken; das Kantorhaus, in dem sich heute das Museumscafé Hirsch befindet, und die Klaus-Synagoge mit dem Lehrhaus, ebenfalls Ausstellungsort des Museums.

Aufgeklärte Orthodoxie

In dem üppigen Garten des Lehrhauses erzählt Jutta Dick von der Geschichte der Juden in Halberstadt. Die reicht zwar nicht bis ins Jahr 321 nach Christus zurück, Ausgangsdatum für das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Aber immerhin gibt es ein Dokument aus dem Jahr 1261, das nachweist, dass die Bischöfe Halberstadts die Ansiedlung von Juden beförderten, aus finanziellem Interesse, denn die Juden mussten satte Abgaben bezahlen.

„Besonders im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich eine bedeutende jüdische Gemeinde, zeitweise stellten Juden fast zehn Prozent der Bevölkerung“, sagt Jutta Dick. „Die Ausrichtung der Gemeinde war neo-orthodox, das heißt, man befolgte die religiösen Regeln, schottete sich aber nicht von der nicht-jüdischen Gesellschaft ab.“ Eine aufgeklärte Orthodoxie sozusagen.

Im 19. Jahrhundert wirkten einflussreiche Rabbiner wie Benjamin Hirsch Auerbach hier. Das Verhältnis zur christlichen Stadtgesellschaft war in dieser Zeit überwiegend harmonisch. Gemeindemitglieder engagierten sich in Wohltätigkeitsvereinen oder als Sozialdemokraten. Mitglieder der Unternehmerfamilie Hirsch waren Vertreter im Stadtrat, bei einem Festakt in der Synagoge betete man für den Kaiser und überreichte dem Oberbürgermeister einen Schlüssel der Synagoge als Zeichen der Loyalität. Wer sozial aufstieg, verließ die Unterstadt, aber die Gemeindeeinrichtungen blieben dort.

Goldene hebräische Lettern

Jutta Dick überquert den Platz und öffnet die repräsentative Holztür des Kantorhauses, über dessen Eingang goldene hebräische Lettern prangen. Durch diesen Toreingang konnte man früher zur barocken Synagoge im Hinterhof gelangen. Doch das Prachtgebäude, das Berend Lehmann stiftete, wurde in der Pogromnacht 1938 geplündert und anschließend auf Geheiß der nationalsozialistischen Stadtverwaltung abgerissen.

„Sie haben die Synagoge nicht angezündet, denn dann wären die umliegenden Fachwerkhäuser auch in Flammen aufgegangen“, sagt Dick. „Die Innenausstattung wurde komplett zerstört.“ Sie deutet auf die 18 mal 18 Meter große Fläche, auf der die Synagoge stand: Hier hat der Künstler Olaf Wegewitz, dem alten Grundriss folgend, ein Land-Art-Denkmal gestaltet, mit Pflanzen, die in Deutschland wachsen, aber auch schon in der Bibel erwähnt sind. Eine flache Schale markiert den Ort, an dem die Bima, das Vorlesepult, stand.

Koscher, Klaus und Kupfer

Die zum Rabbinerseminar gehörige Klaus-Synagoge wurde nicht zerstört, sie diente den Nazis als „Judenhaus“, wo sie Juden vor der Deportation versammelten. Insgesamt 400 Halberstädter Juden wurden 1942 deportiert und ermordet, rund 20 Kinder konnten mit dem Kindertransport nach England gerettet werden. Jutta Dick ist froh darüber, dass ihre Akademie viele Kontakte zu Nachfahren Halberstädter Juden aufbauen konnte. Sie haben dem Berend-Lehmann-Museum Objekte, Fotos, Tondokumente überlassen, die ab Herbst in der neu gestalteten Dauerausstellung „Koscher, Klaus & Kupfer“ zu sehen sein werden.

Dass Besucher:innen heute einen so anschaulichen Eindruck kleinstädtischen jüdischen Lebens erhalten können, ist ein Verdienst der Moses Mendelssohn Stiftung, die die Halberstädter Akademie fördert. Stiftungsvorstand Julius Schoeps, der langjährige Leiter des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums, kam 1993 hierher und war, so sagt er, „fasziniert von Halberstadt als Geburtsort der Neo-Orthodoxie“, aber gleichzeitig erschüttert über den Zustand der Häuser. Nach und nach wurde mit Unterstützung durch das Land Sachsen-Anhalt alles wieder hergerichtet. Ein Neubau mit Räumen für Begegnungen ist geplant.

Frühstück für Polizeianwärter

Für Jutta Dick und ihre Mitarbeiter:innen ist Vermittlung ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Sie bieten Führungen, Studienreisen, Kurse an, um Antisemitismus entgegenzuwirken. „Wir laden etwa Polizeianwärter und aktive Polizisten zum Frühstück ins Café Hirsch ein“, erzählt Mitarbeiterin Aletta Jaeckel. Eine sehr effektive vertrauensbildende Maßnahme: Gute Kontakte zur Polizei und zu allen Gruppen in der Stadt sind hilfreich, um die Erinnerung an das frühere jüdische Leben dauerhaft wachzuhalten.

Der Begleitband zur neuen Dauerausstellung ist im Quintus Verlag erschienen. Mehr Informationen hier.

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