In Yael Schäfers Berliner Espressobar „Cafelix“ werden die Gäste mit einem freundlichen Lächeln empfangen. Foto: Sven Darmer
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1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland Koscher im Kiez

Jüdisches Leben in Deutschland - das bedeutet immer auch gute Kuche. Vor zwei Jahren öffnete in Prenzlauer Berg die israelische Kaffeebar „Cafelix" - ein Ort für kulturelle Treffen.

An manchen Tagen gelingt einfach alles. Selbst der Muffinteig reicht für exakt 36 Förmchen aus. „Ideal!“, ruft Yael Schäfer und quetscht aus dem Spritzbeutel den allerletzten Klecks der herrlich duftenden Mischung heraus. Das Rezept stammt von ihrer Schwester aus Herzlia, einer ruhigen Stadt an der israelischen Mittelmeerküste, erzählt sie, und war ursprünglich ein Orangenkuchen. In Berlin werden daraus nun Kardamom-Nüsse-Muffins kreiert. Ihr Geheimrezept, schön fluffig – und selbstverständlich koscher, also rein. Darüber wacht ein Maschgiach, quasi ein jüdischer Lebensmittel-Experte und Aufseher, der einmal im Monat aus der Lauder-Gemeinde in der Brunnenstraße in Schäfers Café in Prenzlauer Berg kommt, die Zutaten kontrolliert und hilft, das Mehl zu sieben. Auch das gehört zu den strengen jüdischen Speisegesetzen.

Vor zwei Jahren hat Yael Schäfer, 38, gemeinsam mit ihrem Ehemann Philipp, 39, das Cafelix in der Winsstraße eröffnet, als erste deutsche Filiale ihres Familiengeschäfts aus Tel Aviv. Seitdem stehen Feinschmecker vor dem Haus wieder Schlange. Früher waren es Kinoenthusiasten, die sich hier in der ehemaligen „Delikatessen“-Videothek mit guten Filmen eindeckten. Heute kommen vor allem Kaffeeliebhaber, um guten Espresso zu trinken. Denn beim Cafelix wird nicht nur selbst gebacken, sondern vor allem auch selbst geröstet.

Der Porsche unter den Kaffeemaschinen

Auf dem knallblauen Tresen steht eine La Marzocco Leva – so etwas wie ein Porsche unter den Kaffeemaschinen –, die von den Baristas statt wie üblich mit Knopfdruck, sehr wirkungsvoll mit einem Hebel per Hand bedient wird. Im Hinterzimmer kann man einen silberfarbenen Röster erspähen. Ähnlich wie Wein, kann Kaffee blumig, fruchtig oder nussig schmecken. Neben dem Handwerk des Röstens, erläutert Yael Schäfer, beeinflussen auch die Anbaubedingungen das Aroma. Ihre Kaffeebohnen beziehe sie deshalb ausschließlich von lokalen Bauern aus Guatemala, Kolumbien, El Salvador, Äthiopien, Kenia und Tansania. Dass sie fair gehandelt seien, sei ihr wichtig. Genauso wie der Geschmack, deshalb wird im Café dauernd experimentiert, verkostet und verfeinert.

Das wissen die Gäste zu schätzen: Wer hier einmal einen Cortado mit Hafermilch probiert hat, geht nie wieder fremd. Außer vielleicht sonnabends, dann ist Cafelix immer geschlossen. Denn es ist Sabbat – und das wird gefeiert. Jegliche Arbeit muss ruhen. Darauf legt Yael Schäfer großen Wert, auch wenn sie, wie sie sagt, nicht orthodox lebt. Die jüdische Tradition und der Glaube sind trotzdem ein wesentlicher Teil ihres Alltags. Und ebenfalls im Cafelix lebendig, auch wenn das nur auf den zweiten Blick sichtbar wird.

Verse aus der hebräischen Bibel

Da ist etwa die kleine Mesusa, die direkt am rechten Eingangspfosten hängt. In der wunderschön verzierten Kapsel befindet sich eine Rolle Pergamentpapier mit Versen aus der hebräischen Bibel. „Man findet sie in jedem jüdischen Haus“, sagt Yael Schäfer. Es sei ein Segen, um die Bewohner unter göttlichen Schutz zu stellen.

Oder das koschere Essen: In Berlin sei das immer noch rar. Es gibt nur wenige Läden, die, wie Cafelix, das spezielle Zertifikat besitzen. Um das zu bekommen, muss sich Yael Schäfer nicht nur an die Vorschriften halten und angemessene Lebensmittel beim Kochen verwenden – das macht sie ja ohnehin schon, auch wenn sie für ihre Familie kocht –, sondern monatlich auch einen kleinen Betrag bezahlen. In Berlin sei das eine symbolische Summe von etwa 150 Euro, sagt sie. „In Israel kostet es das Zehnfache.“

Das Jüdische wird hier nicht an die große Glocke gehängt

Wer im Cafelix die leckeren Brownies bestellt, oder die mit Datteln gefüllten Maamoul-Kekse, merkt davon nichts. Das Jüdische wird hier nicht an die große Glocke gehängt. Im Gegenteil, es bleibt angenehm unaufdringlich. Dennoch ist die deutsch-israelische Espressobar zu einem Begegnungsort im Kiez geworden: Hier trifft die Nachbarschaft mit jungen Israelis zusammen, die die deutsche Hauptstadt seit einigen Jahren magisch anzuziehen scheint. Jetzt, in den heißen Sommertagen, wird wieder auf glatt polierten Holzbalken in den bodentiefen Fenstern gesessen, „Coldbrew“ oder „Americano on Ice“ geschlürft und über Gott und die Welt sinniert. Oder, wie neulich, über den Nahostkonflikt diskutiert.

„Wir fühlen uns hier wohl“, sagt Yael Schäfer über ihre neue Wahlheimat. Trotzdem habe sie schon antisemitische Vorfälle in Berlin erlebt. Einmal war sie beim Konzert von „Yemen Blues“, ihrer Lieblingsband aus Israel. Vor dem Einlass hat sie sich in ein Gespräch verwickeln lassen mit ein paar jungen Männern. Plötzlich rief einer von ihnen: „Israel existiert doch gar nicht!“ Da hat es ihr kurz die Sprache verschlagen. Im Cafelix sind solche Parolen zum Glück undenkbar.

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