Andrei Kovacs Foto: Jörn Neumann
©  Jörn Neumann

1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland „Eine völlig neue Selbstverständlichkeit“

Andrei Kovacs vom Verein „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zieht eine erste Bilanz des aktuellen Festjahres – und blickt nach vorne.

Herr Kovacs, das Festjahr ist zur Hälfte vorüber. Welche vorläufige Bilanz können Sie ziehen?

Erstaunt hat uns vor allem das Ausmaß der Beteiligung: Rund 500 Projekte werden von uns vor allem aus Mitteln des Bundes gefördert, dazu kommen zahlreiche frei finanzierte Projekte. Insgesamt machen 950 Veranstalter mit, sie bieten über 1500 Events an. Davon bin ich, ehrlich gesagt, überwältigt. Sehr erfreulich ist auch, dass trotz der Coronakrise viele Partner dabei geblieben sind. Das zeigt uns: Das Thema ist vielen Menschen sehr wichtig.

Wie entstand überhaupt die Idee, 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zu feiern? Das Edikt Kaiser Konstantins von 321, das erstmals die Präsenz von Juden nördlich der Alpen belegt, ist ja vor allem Fachleuten ein Begriff.

Dieses Dokument, das an den Stadtrat des spätantiken Köln gerichtet ist, war immer als bedeutsam anerkannt, aber nie breiten Bevölkerungskreisen bekannt. Jürgen Rüttgers, ehemaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, und Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatten 2018 die Idee, das Datum zum Anlass für ein Jubiläumsjahr zu nehmen. Um dadurch die Begegnung – ein für uns ein zentraler Begriff – von jüdischen und nichtjüdischen Menschen zu ermöglichen.

Spätestens ab März 2020 musste Ihnen klar sein, dass die Coronakrise alle Planungen stark beeinträchtigen würde.

Als Verein haben wir früh digital gedacht. Aber dann wurde immer deutlicher, dass nicht nur die Organisation, sondern auch die Veranstaltungen selbst digital würden stattfinden müssen, so der Festakt zur Eröffnung des Jubiläumsjahres im Februar 2021. Inzwischen geht es ja umgekehrt eher darum, digital geplante Veranstaltungen wieder live und mit Publikum stattfinden zu lassen, worüber wir sehr erleichtert sind. Zwar sind im Rahmen des Jubiläumsjahres etwa tolle Podcasts entstanden (www.2021JLID.de), aber über solche Formate ist es sehr schwer, sich tatsächlich zu begegnen und Empathie aufzubauen. Und darum geht es uns eigentlich.

Wie selbstverständlich ist jüdisches Leben in Deutschland im Jahr 2021?

Selbstverständlich ist es noch immer nicht. Das erleben wir aktuell in der Pandemie, in der Verschwörungsmythen, teils antisemitisch grundiert, Konjunktur hatten und haben. Ich vergleiche Antisemitismus gern mit einem mutierenden Virus, dem ältesten der Menschheit. Als Jude – ich bin in Rumänien geboren, in Aachen aufgewachsen – habe ich immer noch Angst, meine Kinder in die Synagoge oder in den Religionsunterricht zu schicken. Das muss sich ändern.

Inwieweit hat sich die Situation von Juden in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert?

In den Nachkriegsjahrzehnten lebten hier nur 18.000 jüdische Menschen, also sehr wenige. Inzwischen sind es glücklicherweise mehr, vor allem wegen des Zuzugs aus der früheren UdSSR. Es gibt neue Generationen, ein jüdisches Leben mit neuer Identität. Eine andere Selbstverständlichkeit entsteht, viele setzen sich dafür ein. Trotzdem: Noch immer findet jüdisches Leben oft hinter verschlossenen Türen statt, noch immer sind Juden nicht wirklich frei in ihrem Alltagsverhalten. Behalte ich die Kippa nach dem Synagogenbesuch auf? Allein die Frage ist sehr unangenehm und macht mich nervös.

Seit Mitte Juni veranstaltet Ihr Verein das Festival „Mentsh!“. Erklären Sie uns, was dieser Name bedeutet.

Der Begriff stammt aus dem Jiddischen und bedeutet mehr als „Mensch“. Nämlich so etwas wie „Menschlichkeit“. Es ist das höchste Lob, das man einer Person spenden kann. Erst gelebte Menschlichkeit macht einen „Mentsh“ aus. Ein Mentsh ist weltoffen, empathisch und gerecht. Viele jüdische Kinder wachsen mit der Mahnung auf: „Sei ein Mentsh!“

[Das Gespräch führte Udo Badelt. Andrei Kovacs ist der Leitende Geschäftsführer des Vereins „321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.“, der das Festjahr organisiert.]

Findet das Festival digital statt? 

Wir wollen mit Performances, Workshops und Lesungen die Vielfalt jüdischer Traditionen, die Vielfalt und Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland sichtbar und erlebbar machen, teils digital auf Zoom, und jetzt auch live. Alle Termine sind gebündelt auf der Webseite www.mentshen.de. Besucher können etwa am 2. Juli auf einem Straßenmusikfest in Leipzig die Welt jüdischer Musik erkunden oder am 11. Juli mit Juri Ushachov die russisch- ukrainisch-jüdische Kochkunst kennenlernen. Dabei arbeiten wir mit lokalen Veranstaltern zusammen. Wir wünschen uns, dass daraus Netzwerk entstehen, die Anstöße geben für weitere Projekte.

Stellt sich bei Festivals wie diesem nicht das alte Problem, dass man zu den Bekehrten predigt und die tatsächlichen Antisemiten nicht erreicht?

Eingefleischte Antisemit*innen zu bekehren ist fast unmöglich. Das ist ein über 1700 Jahre altes gesellschaftliches Problem. Ich verstehe das Festjahr aber auch als Beitrag zur Präventionsarbeit. Jüdisches Leben in Deutschland erfährt gerade einen doppelten Paradigmenwechsel. Einmal wird neben dem Bewusstsein für die Vergangenheit der Blick in die Zukunft immer wichtiger. Zum anderen erleben wir Phänomene wie die WDR-Reihe „Freitagnacht Jews“, in der der junge Musiker Daniel Donskoy mit seinen jüdischen Gästen über Nachhaltigkeit, Feminismus oder Queerness spricht. Jüdisches Leben gewinnt eine völlig neue Selbstverständlichkeit, das lässt mich hoffen.

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