Die Chuppa symbolisiert ein neues Haus und ist zentrales Exponat der Ausstellung. Foto: Anna Fischer
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1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland Als Max Liebermann Hühnersuppe kochte

Jüdischer Alltag war immer eng mit deutscher und Berliner Geschichte verwoben. Das zeigt auch die die Ausstellung „Unter dem Trauhimmel“ übers Heiraten.

Ohne Himmel geht es nicht. Die Chuppa, unter der sich das Paar das Ja-Wort gibt, erinnert an die Gründung eines neuen Hauses, das nach allen Seiten hin offen ist. Der von vier Stangen getragene Baldachin ist Pflicht, selbst in den schlimmsten Zeiten der Verfolgung, im KZ, wurde unter einer Chuppa geheiratet, die man dann aus einem Gebetsschal und vier Stangen provisorisch hergestellt hatte. Im prächtigen ehemaligen Repräsentantensaal der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße bildet eine Chuppa den Blickfang der Ausstellung „Unter dem Trauhimmel – Heiraten im Jüdischen Berlin“. Sie erinnert nicht nur an den 350. Geburtstag der Jüdischen Gemeinde, sondern auch an den 25. Geburtstag der Gründung der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, der nun coronabedingt mit einjähriger Verspätung begangen wird.

Dass die Chuppa gerettet wurde, grenzt an ein Wunder

Der prächtige Repräsentantensaal unter der goldenen Kuppel ist die Herzkammer der Neuen Synagoge, die 1866 eröffnet wurde und zu einem Zentrum des liberalen Judentums wurde. Hier tagte das Parlament der Gemeinde, hier wurde debattiert und gestritten, hier steht jetzt im Zentrum der Ausstellung die Chuppa. Sie stammt aus der in der Pogromnacht 1938 abgebrannten Synagoge in der Wilmersdorfer Prinzregentenstraße, deren Bau hier in der Neuen Synagoge beschlossen und die 1930 eröffnet wurde. Erstmals durften dort Familien zusammensitzen. Es grenze an ein Wunder, dass man diese Chuppa im Art-Deco-Stil vor dem Feuer retten konnte, erzählt Chana Schütz, stellvertretende Direktorin des Centrum Judaicum und Kuratorin der Ausstellung.

[bis 31. Oktober, Oranienburger Straße 28-30, www.centrumjudaicum.de]

Die Chuppa erinnert an das jüdische Leben in Berlin vor der Shoah. Auf einem Tisch unter dem Baldachin wird die Geschichte verschiedener Hochzeitspaare erzählt. So zeigt ein Foto Rabbiner Heinz Meyer und Ingeborg Silberstädter am 17. Dezember 1939 unter dem Traubaldachin in der Neuen Synagoge – es war eine der letzten Trauungen, die hier stattfanden. Beide haben die Deportation in Konzentrationslager nicht überlebt. Auf einem anderen Bild sind Hilde Lotte und Helmut Gerson zu sehen, wie sie am 12. Dezember 1941 vor dem Standesamt Berlin-Wedding in die Kamera strahlen, eine scheinbar normale Situation, doch der Judenstern auf ihrer Kleidung erzählt eine andere Geschichte.

Die Ausstellung verknüpft geschickt persönliche Erzählungen mit Aspekten des Heiratens in der Jüdischen Gemeinde Berlin und spiegelt die unterschiedlichen Erfahrungen sozialer Schichten. Das Buch der „Gesellschaft zur Ausstattung von Bräuten“ (Hachnassath Kallath) erinnert an die 1720 gegründete Organisation, die jüdischen Frauen ohne Geldmittel half, eine Hochzeit zu feiern. Auf eine wohlhabende Familie deutet das prächtige KPM-Porzellan-Service von 1871 hin, auf der Kanne sind Neue Synagoge und Französischer Dom abbildet. Vielleicht war es ein Hochzeitsgeschenk.

Dieses kostbare Service von 1871 könnte ein Hochzeitsgeschenk gewesen sein. Foto: Anna Fischer Vergrößern
Dieses kostbare Service von 1871 könnte ein Hochzeitsgeschenk gewesen sein. © Anna Fischer

Traditionell werden jüdische Hochzeiten im Freien abgehalten, doch man passte sich an die Gepflogenheiten in Deutschland an und heiratete seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch in den Synagogen. Größere Gemeinden hatten dafür eigene Trausäle. Zu einem jüdischen Hochzeitsmahl gehört auch eine gehaltvolle Hühnersuppe. Auf einem Gemälde von Max Liebermann, das ihn als Koch mit Gemüse und Küchenutensilien zeigt und das er wohl zur Hochzeit seines älteren Bruders gemalt hat, ist auch ein geschlachtetes Huhn zu sehen, an dem ein Zettel mit rotem Siegel und drei hebräischen Buchstaben befestigt ist: Das weist auf eine koschere Schlachtung hin.

Eine Scheidung ist schwierig, aber nicht unmöglich

Seit der Antike wird die Kettuba, der Hochzeitsvertrag, vom Mann und zwei Zeugen unterschrieben. Die Frau muss zustimmen, die Kettuba dient ihrer finanziellen Absicherung. Vor allem unter Orthodoxen habe die Kettuba heute noch große Bedeutung, erklärt Schütz. Eine Scheidung ist schwierig, aber nicht unmöglich. Dazu bedarf es eines Get, eines Scheidungsbriefes, der besagt, dass die Scheidung ordnungsgemäß in beiderseitigem Einverständnis durchgeführt wurde. Nur mit ihm darf man in der Berliner Jüdischen Gemeinde bei einem orthodoxen Rabbiner noch einmal heiraten.

Die Ausstellung zeigt in beeindruckender Weise nicht nur jüdisches Leben in Berlin, sondern auch, wie eng es immer mit deutscher Geschichte verknüpft war. So heirateten Hermann Simon, Gründungsdirektor des Centrum Judaicum, und seine Frau Deborah 1987 in der DDR. Die Zeremonie führten der amerikanische Rabbiner Isaac Neumann, der seit 1987 in Ost-Berlin arbeitete, und der Westberliner Oberkantor Estrongo Nachama durch. Es gibt viel zu entdecken in dieser kleinen, aber feinen Ausstellung aus den Beständen des Archivs, mit der sich Chana Schütz in den Ruhestand verabschiedet.

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