Blick auf das weitläufige Reitergelände, schöne Terrasse, alpine Küche mit Anspruch: Das Almrausch in Hohen Neuendorf Foto: Almrausch / promo
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-Von TISCH zu TISC die RestaurantkritikH Almrausch

Am Stadtrand nördlich von Frohnau versucht es ein neues Restaurant mit alpiner Küche – und reichlich Luft nach oben.

Schon lange haben wir hier nichts mehr aus Brandenburg zu berichten gehabt, ganz einfach weil sich dort nichts bewegt in den Restaurantküchen. Ideenlose, rückwärtsgewandte Gerichte des mittleren 20. Jahrhunderts von Soljanka bis zum gemischten Grillteller werden nicht dadurch besser, dass man die Grundprodukte, wie heute üblich, aus dem eigenen Garten oder der Mark Brandenburg holt statt aus Holland oder Italien – aber dass das so ist, liegt eben auch an Gästen, die es nicht anders kennen oder wollen, die in einem vollgehauenen Teller und einem Bier nach dem Motto: „Es war so gut, wir haben es kaum geschafft“ schon die kulinarische Erfüllung finden. Komischerweise haben wir haufenweise Leser, die draußen Besseres suchen und Neues sofort auch aufsuchen, aber sie schaffen mit ihrem Anspruch leider keine Wende.

Statt Beliebigkeit verspricht die Karte alpine Küche

Diese Vorrede war nötig, um nun mit den richtigen Erwartungen zu einem Ausflug nach Stolpe aufzubrechen, einem Dorf nördlich von Frohnau, das viele Berliner wegen der, sagen wir, rustikalen „Krummen Linde“ kennen, deren Speisekarte jedem alles verspricht – nichts für mich. „Almrausch“ ist ein neues Restaurant um die Ecke mitten in einem weitläufigen Reitergelände mit weiter Aussicht, das alpine Küche verspricht. Es ist hübsch ausgebaut worden in Richtung Stil und Anspruch, der Küchenchef war vorher Souschef im abgewickelten Berliner Swissôtel, er weiß also, wie es geht. Aber kann er das auch verkaufen an die extrem heterogene Kundschaft dort draußen?

Es fängt gut an mit einem Teller aus verschiedenen Urtomaten mit Mozzarella und einigen Klecksen Zitronengel, die einen schönen aromatischen Kontrast liefern, das kann sonst schon kaum einer hier draußen. Mit einem Schüssel-Salat, dem wir, wie auf der Karte angeboten, Backhendl zubuchten, fingen die Probleme aber an. Der war für eine Vorspeise – so die Kartenrubrik – schon viel zu mächtig, das Backhendl hätte eher „Chicken Nuggets“ heißen sollen und es wäre auch besser gewesen, die trockenen, harten Croûtons wegzulassen, die im hendlfreien Salat ihre Berechtigung haben, wenn sie besser gemacht sind (10,50 Euro). Gut: die traditionelle Frittatensuppe, solide Fleischbrühe mit kurios dick geschnittenen Pfannkuchenstreifen, die eher wie Nudeln wirkten (7,50). Der in der Karte angepriesene Tafelspitz blieb darin allerdings unauffindbar.

Die Küche hat nach Luft nach oben

Länger ließ sich die Ankunft der Hauptgerichte nicht hinauszögern, zumal wir ohnehin schon nahezu satt waren. Das Saiblingsfilet mit einem gut schmeckenden, seltsam flach auseinandergelaufenen Kartoffel-Kräuter-Püree war schön glasig gedünstet. Aber auch gebraten wäre es unter der Last der Pfifferlinge dahingeschieden, die in einer braunen Sauce obenauf lagen – ohne diese Sauce hätte alles gepasst (22). Zum genau gebratenen Rehrücken gab es Tiroler Speck, was mir immer zu dominant ist, außerdem wieder gute Pfifferlinge, geschmorte Cocktailtomaten und sehr vorgefertigt wirkende Kartoffelgnocchi (24). Zum Dessert bietet die Küche neben Apfelstrudel und „Kugel Eis 1,50“ nur Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster, der immer eine vollständige Mahlzeit ist und als Dessert eigentlich nicht geht. Wir probierten, er schmeckte, war aber schon ziemlich trocken gebraten (9,50). Einige gute Weine gibt es für wenig Geld.

Soll man da nun hinfahren? Ich bin unsicher. Das ist im Ansatz nicht schlecht und verdient Unterstützung. Aber es schmerzt dann doch, im Detail zu sehen, wie sehr viel besser das Essen mit etwas mehr handwerklicher Genauigkeit sein könnte. Mag sein, dass es dafür hier keine Kundschaft gibt. Aber jene, die in sehr teuren Autos davonfuhren, würden sich womöglich von Besserem sogar überzeugen lassen.

Almrausch, Stolper Waldstr. 4a, Hohen Neuendorf, Tel. 03303 / 50 87 944, Mi – Sa ab 12, So ab 10 Uhr

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.

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