Kleiner Kreis. Rund 107 000 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde in Deutschland. Konvertiten gibt es nur etwa 100 im Jahr. Foto: Caro / Teichp

Zwei Berliner konvertieren zum JudentumIn der Probezeit

Von Franziska Knupper3 Kommentare

Von der Informatik kam er zur Kabbala, von der Zahlenmystik zum Judentum. Jetzt möchte der Berliner Juan de la Murga mit seiner Frau konvertieren. Doch das dauert, und der Weg ist kein leichter.

Juan de la Murga legt den schwarzen Wintermantel und den Wollschal ab und nimmt eine der schwarzen Kippas, die am Eingang der Synagoge ausliegen. Dann setzt er sie sich auf den Hinterkopf. Wie jeden Freitagabend.

Es geht auf sieben Uhr zu. Der Sabbat naht. Juan und seine Ehefrau Kate besuchen die Sabbat Messe in der Sukkat Shalom Synagoge in Berlin Charlottenburg. Die junge Frau ist zierlich, aufgeweckt, braunäugig. Sein Haar ist dunkel, kinnlang. Eine breit umrandete Brille, ein lichter Bart. Seit sechs Monaten kommen der Informatiker und die Studentin der Musiktherapie hierher. Und doch stehen sie erst ganz am Anfang ihres Übertritts ins Judentum.

Um die hundert jüdische Konvertiten gibt es pro Jahr in der Bundesrepublik. Die jüdische Gemeinde Deutschlands ist mit heute rund 107 000 Mitgliedern klein. Darüber hinaus wird den Interessenten der Eintritt auch schwerer gemacht als bei anderen Religionen, denn im Judentum besteht gar nicht der Wunsch zu missionieren. „Wahrscheinlich wird es insgesamt eineinhalb Jahre dauern“, sagt de la Murga. „Zumindest hier im Reformjudentum. Bei den Orthodoxen hätten wir sicher vier Jahre vor uns.“

Muslimische oder christliche Konvertiten haben es im Vergleich dazu leicht – der Islam verlangt von künftigen Glaubensgenossen lediglich die Shahada, die muslimische Glaubensformel, vor zwei männlichen Zeugen aufzusagen. Zum Islam treten jährlich mehr als 4000 Menschen in Deutschland über. Auch die Taufe für die Aufnahme zum Christentum hat man schnell hinter sich.

Juan de la Murga muss durch eine „harte Schule“, wie er sagt: Unterweisung in jüdischer Lebensführung, Sabbat halten, Hebräischunterricht, Speisegesetze, die Beschneidung. Eine Entscheidung, die nach den Anschlägen auf einen koscheren Supermarkt in Paris und nach der Schießerei in Kopenhagen vielleicht umso erstaunlicher ist, da sich viele Juden in Europa nun wieder unsicher fühlen. In einer Ansprache vor zwei Monaten bedauerte Joseph Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Europa, dass er derzeit eine Zunahme von Antisemitismus beobachten müsse. Aus diesem Grund bat Juan de la Murga auch darum, seinen Namen und den seiner Frau in diesem Artikel zu ändern.

Er glaubt er hat jüdische Wurzeln. Einen Beweis hat er nicht

Trotzdem ist sich das Ehepaar sicher. „Meine Mutter hat mir von klein auf davon erzählt, dass wir vielleicht jüdische Wurzeln haben“, sagt der Spanier, der nicht getauft wurde. „Das Dorf aus dem ich stamme, ein kleiner Ort in der Nähe von Barcelona, besaß früher eine große jüdische Gemeinde.“ Sein richtiger Name legt eine Verwandtschaft nahe. „Aber einen Beweis habe ich nicht.“

Am Eingang nickt Juan den zwei Polizisten zu. Wie jede jüdische Institution in Berlin ist auch die Sukkat Shalom Synagoge aus Angst vor Anschlägen bewacht. Das Gebäude ist sparsam dekoriert, der Innenraum fast karg. Neonbeleuchtet. Zehn Holzbankreihen mit aufklappbaren Tischen wie im Vorlesungssaal oder Konfirmationsunterricht. „Hallo Süße!“, ruft eine grau gelockte Dame Juan de la Murgas Frau vom anderen Ende des Raumes zu. Er lacht. „Ja es ist ganz sicher auch ein Gefühl der Zugehörigkeit, das ich hier suche“, sagt er.

Vor sechs Jahren ist de la Murga wegen eines Jobangebots als Informatiker aus Spanien nach Berlin gezogen. Grau, grob und wenig sinnlich, so habe er Berlin am Anfang empfunden. Die Arbeit als Programmierer machte ihm Spaß. Zahlen, Codes und Formeln üben eine unglaubliche Anziehungskraft auf ihn aus. „Es lag nah, dass ich mich früher oder später mit der Kabbala, jüdischer Zahlenmystik, Geometrie und Meditation, auseinandersetzen würde.“ Er sei immer schon spirituell veranlagt gewesen. „Eine andere Religion, etwa Islam oder Christentum, kam aber überhaupt nie infrage für mich.“ Ein personalisierter Gott wie bei den Christen? „Das wäre für mich zum Beispiel völlig undenkbar. Das Judentum emanzipiert mich, ich muss niemanden anbeten.“

Allerdings sei er doch von vielen belächelt worden, dass er ausgerechnet über die Kabbala zum Judentum gekommen sei – auch angefeindet wurde er. „Die Kabbala ist den Alten und Weisen vorbehalten, so sagt man zumindest. Eine geheime Wissenschaft. Und ich bin noch nicht einmal Jude!“ Überhaupt herrsche große Rivalität unter den Konvertiten. Alle seien sehr strebsam, jeder wolle der beste Jude sein. „Und dann kommt da einer daher und meint, er wäre Kabbalist. Das hat vielen gar nicht gefallen.“