Albert Einsteins Erkenntnisse prägten das Weltbild der Physik, sein Eintreten für den Pazifismus machte ihn zum Prototyp des engagierten Forschers. Foto: picture-alliance/dpap
Zum March for Science Wissenschaft - eine Expedition ins Unbekannte
Otto Wöhrbach
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Keine wissenschaftliche Theorie ist jemals beweisbar

Genauso wie der Urknall steht grundsätzlich jede naturwissenschaftliche Theorie stets auf unsicherem Wahrheitsboden. Jede aus ihr abgeleitete Vorhersage muss auf den Prüfstand der Realität. Je riskanter eine Deduktion, desto besser. So ist die Vorhersage, dass morgen die Sonne aufgehen wird, keine sehr gewagte Ableitung aus der kopernikanischen Theorie der Drehung der Erde. Eine riskante Deduktion war dagegen die Vorhersage, dass die Drehung der Erde die Schwingungsrichtung eines Pendels stetig verändern würde. Sie konnte erst 1851 von dem französischen Physiker Léon Foucault verifiziert werden. In der Kuppel des Pariser Pantheon verfolgte ein staunendes Publikum, wie sein 67 Meter langes Pendel langsam die Richtung änderte, in der es hin- und herschwang.

Je mehr Verifizierungen eine wissenschaftliche Theorie erfährt, desto sicherer können wir sein, dass sie die Welt richtig abbildet. Oder dass sie zumindest die vorläufig beste Annäherung an die Wahrheit darstellt. Mehr aber auch nicht. Keine naturwissenschaftliche Theorie ist jemals beweisbar! Eine einzige Falsifizierung: Und schon müssen die Lehrbücher umgeschrieben werden. Da dies aber jeder Theorie jederzeit geschehen kann, kann sich kein Naturwissenschaftler seiner Sache jemals absolut sicher sein.

Das Wissen über die Welt wächst

Da staunt der Laie. Unter wissenschaftlicher Wahrheit hatte er sich etwas anderes vorgestellt. Entsprechend leicht lässt er sich verunsichern von allerlei religiösen, wirtschaftlichen und politischen Interessengruppen, denen Zweifel an den Naturwissenschaftlern und an ihren Theorien gut ins Konzept passen. Der Mensch ist ein Geschöpf der Evolution und eng verwandt mit den Affen? Rauchen ist gesundheitsschädlich? Klimawandel? Und dergleichen Skepsisattacken auf das Theoriegebäude der Wissenschaft mehr. Alles nach dem Motto: Außer Hypothesen nichts gewesen.

Welche Verunglimpfung der Naturwissenschaften und des von ihnen seit der Aufklärung in mühevoller Forschung über Jahrhunderte hinweg geschaffenen Weltbildes. Obwohl wir niemals beweisen können, dass dieses Weltbild das wahre Bild der Welt ist, stellt das wachsende Wissen über die Welt eine der größten Kulturleistungen der Menschheit dar. Und nicht zuletzt verdanken wir diesem Wissen unseren materiellen Wohlstand, in dem wir gesund und lang wie nie zuvor durch unser Leben gleiten. Die Naturwissenschaften haben uns tatsächlich zu „Beherrschern und Besitzern der Welt“ gemacht, wie es schon der französische Philosoph René Descartes vor vier Jahrhunderten vorhergesehen hatte. Sie zeigen uns aber auch, welchen hohen ökologischen Preis wir dafür zahlen.

Auf der Suche nach Besserem

Das Erfolgsrezept der naturwissenschaftlichen Erkenntnismethode beruht auf der permanenten Unsicherheit über die Wahrheit der mit ihr gewonnenen Erkenntnisse. Dies scheint gleichzeitig ihre Schwäche zu sein. Die Wahrheit steht ständig infrage. Doch bezieht diese Methode des „Kritischen Rationalismus“ (Popper) genau daraus ihre Kraft. Jede Widerlegung einer Theorie zwingt uns zur Suche nach einer besseren.

Karl Popper hat diese Methode auf die Bewertung politischer Systeme übertragen. Ergebnis: Nur solche Gesellschaften, die sich und die in ihnen herrschenden Verhältnisse permanent kritisch überprüfen und die dabei bereit sind, sichere Wahrheiten als Irrtümer zu erkennen und zu korrigieren, sind verbesserungsfähig und entwickeln sich weiter. Popper nannte sie „Offene Gesellschaften“.

Ihre Feinde sind die einfachen, weil nicht widerlegbaren ewigen Wahrheiten totalitärer Systeme und populistischer Politiker. Sie können uns wieder „zu Bestien werden lassen“, wie Popper warnt. „Aber wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur den einen Weg in die offene Gesellschaft.“

Zur offenen Gesellschaft gehören offene Naturwissenschaften mit ihrer Reise „ins Unbekannte, Ungewisse, Unsichere“. Das Reiseziel ist die Erkenntnis der Wahrheit, also die wahre Abbildung der realen Welt und ihrer Gesetze. Auch wenn wir dieses Ziel niemals erreichen werden, so können wir doch begründet hoffen, auf dem richtigen Weg zu sein. Wir kennen keinen besseren. In unseren kleinen Gehirnen spiegelt sich schon jetzt der gesamte Kosmos wider mit seiner Geschichte und allen seinen Gesetzen, die diese Geschichte vorangetrieben haben bis heute. Niemand hat dieses Geheimnis besser beschrieben als Albert Einstein: „Das Unverständlichste an der Welt ist, dass wir sie verstehen können.“

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