Nicht nur lästig. Aedes-Mücken übertragen gefährliche Viren wie Zika, Dengue und Chikungunya. Foto: Oscar Rivera, dpap

Zika in Amerika Die olympische Plage

1 Kommentare

Zika ist in Miami angekommen. Die derzeitige Epidemie begann aber in Brasilien. Verstärken die Spiele in Rio die Gefahr, dass das Virus sich auch in Europa verbreitet? Und wann gibt es einen Impfstoff?

In Wynwood liegen Gegensätze dicht beieinander. In dem Stadtteil im Norden Miamis wechseln sich Brachflächen und Wohnblöcke ab, die vor allem bei Puerto Ricanern beliebt sind. Gleichzeitig ist es ein Ausgehviertel, in einigen Straßenzügen steigen die Mieten. In den letzten Tagen wurde es weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Denn mitten in Wynwood haben sich 15 Menschen mit Zika angesteckt, zwölf davon in einem Gebiet, das gerade 150 Meter mal 150 Meter groß ist. Schwangere sollten die umliegenden Blöcke meiden oder zumindest auf einen umfassenden Mückenschutz achten, verkündete die amerikanische Seuchenbehörde CDC. Es war das erste Mal, dass sie eine Reisewarnung für die USA selbst herausgab. Die Fälle zeigen: Das Zika-Virus braucht die olympischen Spiele nicht, um sich überall dort zu verbreiten, wo es Aedes-Mücken gibt.

Wie ist Zika nach Florida gekommen?

Das wird man nie genau wissen. Sicher ist, dass es mit 40 Millionen Reisenden pro Jahr einen ständigen Austausch zwischen den USA und den von Zika betroffenen Gebieten gibt. In Puerto Rico zum Beispiel ist das Virus im Moment in zwei Prozent der Blutspenden zu finden. Daraus schließen CDC-Experten, dass die Epidemie dort im vollen Gange ist. Bis zum Jahresende könnte sich ein Viertel der Einwohner infiziert haben. Allein in Florida wurde in den vergangenen Monaten bei 500 Reiserückkehrern oder ihren Partnern Zika nachgewiesen. In Wynwood hat offenbar eine Aedes-Mücke einen Reiserückkehrer gestochen – und trug das Virus weiter. Diese Übertragungskette begann vermutlich Mitte Juni, erklären die Gesundheitsbehörden in Florida. Sie haben bisher Blut und Urin von mehr als 2400 Bürgern in Miami getestet.

Warum bezieht sich die Reisewarnung nur auf einen kleinen Teil von Miami?

Die Warnung kann sich jederzeit ändern. Aber die Behörden haben Erfahrung mit anderen tropischen Viren, die ebenfalls von Aedes-Mücken übertragen werden. Während sich Dengue und Chikungunya in Süd- und Mittelamerika sowie in der Karibik rasend schnell verbreiten, gab es in Texas, entlang der Golfküste oder in Florida immer nur örtlich begrenzte Ausbrüche. Vermutlich haben die Mücken angesichts der allgegenwärtigen Klimaanlagen oder zumindest durch Gitter geschützten Fenster weniger Chancen, neue Opfer zu finden. In Miami haben die Behörden allerdings Mühe, der Mückenplage Herr zu werden. Trotz täglicher Sprühaktionen und Teams, die von Haus zu Haus gehen, finden sie noch Larven und erwachsene Mücken. Ob die Insekten resistent gegen die eingesetzten Mittel sind, wird gerade getestet. Möglicherweise gibt es versteckte Mückenbrutstätten. So dauerte ein Dengue-Ausbruch in Key West 2009 etwa ein Jahr an, weil ungewöhnlich viele Häuser leer standen. Hinter hohen Hecken verborgene Swimmingpools und Brunnen wurden nicht gepflegt – ein Paradies für Mücken.

Warum ist die Angst vor Zika so groß?

Es ist das erste durch Mücken übertragene Virus, das ungeborene Kinder schädigt. Bei ihnen kann das Virus die Entwicklung des Gehirns, aber auch die Nährstoffversorgung über die Plazenta massiv stören. Das gilt sogar für Schwangere, die keine Symptome hatten. Die Folge sind zum Beispiel Mikrozephalien und andere neurologische Schäden. In manchen Fällen kam es zu Fehl- oder Totgeburten. Wie groß das Risiko ist und ob es weitere Faktoren gibt, die es verstärken, wird unter Forschern kontrovers diskutiert. Erwachsene bemerken von der Infektion meist gar nichts oder sie haben etwas Fieber, einen Ausschlag und Bindehautentzündung. Vorübergehende Lähmungen, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen, sind äußerst selten. Deshalb gelten die Reisewarnungen vor allem für Schwangere, Frauen, die demnächst schwanger werden wollen, und ihre Partner.

Was können Touristen – einschließlich der Athleten und Besucher der Olympischen Spiele – tun, um sich und ihre Familien zu schützen?

Schwangere sollten nur im Notfall eine Reise in Epidemiegebiete antreten. Die meisten Tourismusunternehmen bieten daher kostenlose Stornierungen und Umbuchungen an. Kehren ihre Partner aus den betroffenen Gebieten zurück, sollten für die Dauer der Schwangerschaft Kondome benutzt oder auf Sex verzichtet werden, empfiehlt unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO. Frauen sollten für zwei Monate nach der Rückkehr eine Schwangerschaft verhindern. Hatte der Mann Zika-Symptome, verlängert sich der Zeitraum auf sechs Monate. Denn im Sperma kann das Virus monatelang überdauern. Schwangere und ihre Partner können sich auf Zika testen lassen, wenn sie in den Epidemiegebieten waren.

In Brasilien ist derzeit Winter, es gibt also deutlich weniger Mücken. Auch die Zahl der Zika-Infektionen geht dort zurück. Dennoch gilt für alle Athleten und Besucher der Olympischen Spiele, dass sie sich mit für die Tropen geeigneten Mückenschutzmitteln einsprühen sollten. Schließlich übertragen die Insekten nicht nur Zika, sondern auch die für gesunde Erwachsene deutlich unangenehmeren Viren Dengue und Chikungunya. Gegen Mückenstiche hilft zudem lange, helle Kleidung. Hotelzimmer sollten klimatisiert sein. Wer in Freiburg, Heidelberg oder Jena zu Hause ist, sollte sich auch drei Wochen nach der Rückkehr vor Mückenstichen schützen. Denn in diesen Regionen wurden Populationen der Asiatischen Tigermücke nachgewiesen. Diese in Europa weitverbreitete Aedes-Art gilt als möglicher Überträger des Zika-Virus (siehe Karten).

Wann gibt es einen Impfschutz?

Die Entwicklung eines Impfstoffes dauert im besten Fall zwei bis drei Jahre, im schlimmsten Fall Jahrzehnte. Bei Zika sind Forscher allerdings optimistisch. Ein Team um Dan Barouch von der Harvard Medical School in Boston hat Rhesusaffen entweder ein Placebo oder einen von drei Impfstoffen gespritzt: Der erste enthielt abgetötete Zikaviren, beim zweiten war Zika-DNS in Erbgutringe (Plasmide) eingewoben, der dritte nutzte harmlose Adenoviren als trojanisches Pferd, um dem Immunsystem Teile von Zika zu präsentieren. Danach versuchten die Forscher, die Affen absichtlich mit Zika-Stämmen aus Brasilien oder Puerto Rico zu infizieren. Das gelang nur bei den Tieren, die ein Placebo bekommen hatten. Alle anderen waren komplett geschützt, berichten sie im Fachblatt „Science“. Das galt sogar, wenn das Immunssystem der Rhesusaffen nicht stark auf den Impfstoff reagierte. Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.

Wie geht es weiter?

Erste Tests am Menschen haben begonnen. So verkündeten das Nationale Gesundheitsinstitut für Infektionskrankheiten der USA (NIAID), dass Forscher nun 80 gesunden Freiwilligen zwischen 18 und 35 Jahren einen DNS-Impfstoff spritzen werden. Sie wollen herausfinden, ob der Impfstoff für den Menschen sicher ist und ob er eine Immunreaktion hervorruft. „Das ist ein wichtiger Schritt nach vorn“, sagte NIAID-Leiter Anthony Fauci. Anfang 2017 könnte der experimentelle Impfstoff in Epidemiegebieten getestet werden. Ähnlich weit sind Versuche der Firma Inovio. Sanofi arbeitet gemeinsam mit dem US-amerikanischen Walter Reed Army Institute of Research an einem Impfstoff, der abgetötete Viren enthält.

Wird Olympia die Verbreitung von Zika weiter beschleunigen?

Das ist unwahrscheinlich, denn Großveranstaltungen wie Olympia haben kaum Auswirkungen auf die Reiseströme. Normale Touristen und Geschäftsreisende versuchen, den Menschenmassen zu entgehen und verschieben ihre Reise. Allerdings kann Zika auch unabhängig von Olympia in Europa ankommen – insbesondere rund um das Mittelmeer. Das schreiben Forscher um Kamran Khan vom St.-Michaels-Krankenhaus in Toronto im Fachblatt „E-Biomedicine“. Ihre Analyse beruht unter anderem auf der Anzahl der Flugpassagiere, die aus den Zika-Gebieten eintreffen. Das sind in einem normalen Sommermonat in Madrid bis zu 125 000, in Lissabon, Rom und Barcelona 35 000 bis 40 000. Zusätzlich bezogen sie das Vorkommen der Mückenarten Aedes aegypti und Aedes albopictus, die Bevölkerungsdichte und die klimatischen Verhältnisse ein.

Zur Startseite