Charlie Chaplin in seinem Film „Moderne Zeiten“ von 1936. Foto: imago/Hollywood Photo Archive
p

Wer ist "Neue Mensch"? Rädchen im Getriebe der Zeiten

Arnd Bauerkämper
2 Kommentare

Der „Neue Mensch“, eine Erfindung der frühen Sowjetzeit? Die Utopie der passgenauen Untertanen stammt aus der Aufklärung – und bleibt bis heute aktuell.

In seinem Film „Das neue Moskau“ inszenierte Alexander Medwedkin 1938 die rasante Umgestaltung der sowjetischen Hauptstadt nach dem Generalplan der Partei- und Staatsführung durchaus kreativ. Der Film spiegelte die Erfahrung schwindelerregenden Wandels in der Sowjetunion unter Stalins Diktatur wider. Immer neue, gigantische Bauvorhaben sollten die neue staatssozialistische Stadt schaffen, die gewohnte gesellschaftliche Beziehungen und Lebenszusammenhänge zu sprengen schien. Nichts wirkte mehr stabil, und alles schien möglich.

In dieser Gesellschaft verkörperte der „Neue Mensch“ die industrialisierte, technisierte und urbane Sowjetunion, die – so die offizielle Propaganda – unter Führung der kommunistischen Partei in eine lichte Zukunft emporstieg. Medwedkin aber zeigte auch die Probleme, Konflikte und Brüche, die in diesem Laboratorium der sowjetischen Moderne entstanden. Der Film wurde deshalb verboten und konnte erst Jahrzehnte später aufgeführt werden. Doch der Neue Mensch war keineswegs ein Kind der Oktoberrevolution, der spätestens im Stalinismus unter die Räder kam.

Tief greifende Umbrüche in allen Lebensbereichen

Schon die Aufklärung, die damit verbundene Entstehung eines säkularen Weltverständnisses und die Genese einer rationalistischen Wissenschaftsauffassung hatten Überlegungen zur Schaffung eines Neuen Menschen angestoßen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert schritt die Urbanisierung voran, es entstand eine kapitalistische Marktwirtschaft, die Klassengesellschaft bildete sich heraus und die politische Teilhabe der Menschen nahm zu. Parallel zur fortschreitenden Urbanisierung führte dies in vielen Ländern zu tief greifenden Umbrüchen in allen Lebensbereichen.

Die Vision des Neuen Menschen, der den Durchbruch zur industriellen Moderne erzwingen, zugleich jedoch die damit einhergehenden Konflikte überwinden sollte, gewann so mehr und mehr an Attraktivität. Nicht nur Rechtskonservative und Nationalisten, sondern auch Sozialisten und Kommunisten vertraten Erziehungskonzepte, die teilweise mit rassistischen Utopien der Auslese sowie mit weitgreifenden sozialpolitischen Eingriffen verbunden waren. Auch in Demokratien haben Visionen des Neuen Menschen unerfüllte Wünsche nach Sicherheit widergespiegelt.

In Italien trug das Ideal des Neuen Menschen zum Aufstieg des italienischen Faschismus bei, bevor es ab Oktober 1922 von den neuen Machthabern gezielt genutzt und umgeformt wurde. Der Neue Mensch sollte „glauben, gehorchen, kämpfen“, mutig, stark, stolz und diszipliniert sein, um die nationale Einheit zu sichern und das Volk zu vermehren und zu stärken. Der Duce („Führer“) Benito Mussolini zielte auf eine umfassende Zurichtung der Italiener auf die Ziele seines Regimes, um die Vorherrschaft der Italiener im Mittelmeerraum und damit das Überleben der „Weißen“ zu sichern. Dem Mythos des „faschistischen Menschen“ waren von Beginn an auch rassistische Überlegenheitsvorstellungen und – damit verknüpft – Visionen der Ausmerze eingeschrieben.

In Deutschland war das Leitbild von vornherein gegen Juden gerichtet

Besonders nach dem Angriff auf Abessinien 1935 färbte sich die Vision des Neuen Menschen auch in der Propaganda und Politik des faschistischen Regimes zusehends rassistisch ein. Außer den Afrikanern und Slawen waren nach Ansicht der führenden Faschisten auch die Juden unversöhnliche Feinde des Neuen Menschen. Der Antisemitismus, der mit dem „Manifest rassistischer Wissenschaftler“ vom 14. Juli 1938 offen proklamiert wurde, kann keineswegs ausschließlich auf den Einfluss des deutschen Nationalsozialismus zurückgeführt werden.

Die Rassendoktrin der nationalsozialistischen Ideologie und Politik in Deutschland war jedoch von vornherein vorrangig gegen die Juden gerichtet – und damit auch das Leitbild des Neuen Menschen im NS. Hitlers Herrschaftspolitik basierte ebenso auf Repression und Vernichtung wie auf Integration und „Züchtung“. Nach dieser radikalen Utopie musste der Neue Mensch eine „arische“ Herkunft aufweisen, für seine „Rasse“ kämpfen und damit der geschlossenen „Volksgemeinschaft“ den angeblich unabdingbaren „Lebensraum“ sichern. Für diese Vision wurden besonders die SS-Männer in Dienst genommen. Von ihnen erwartete der „Führer“, dass sie durch vorbildliches Verhalten und eine gezielte Fortpflanzung (mittels einer kontrollierten Partnerwahl) die „arische“ Gemeinschaft stärken und den Kämpfertyp hervorbringen sollten, den die Nationalsozialisten anstrebten.

Im „Dritten Reich“ wurden – ebenso wie im italienischen Faschismus – Jugendliche umfassend vom Regime vereinnahmt. Unter dem Motto „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft“ entfachten die NS-Machthaber ab 1933 einen Jugendkult, den die 1925/26 gegründete „Hitler-Jugend“ trug. 1936 zur „Staatsjugend“ erklärt, umfasste sie am Jahresende schließlich 5,4 Millionen Mitglieder.

Industrialisierung vorantreiben und aus der Rückständigkeit befreien

Auch in den kommunistischen Regimes, die unter dem Einfluss der russischen Oktoberrevolution und nach dem Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg etabliert wurden, avancierte der Neue Mensch zu einem Ideal. Es bestimmte die Politik vor allem in der Erziehung der Jugend und der Mobilisierung für Arbeit. Doch die Visionen des Neuen Menschen waren hier nicht rassistisch und nationalistisch aufgeladen. Vielmehr nahm das Leitbild zumindest humanistische Ansprüche auf. Dabei sollten vor allem die Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft und der bürgerlichen Gesellschaft beseitigt werden, die Marxisten wie Karl Marx und Friedrich Engels bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts kritisiert hatten.

In der Sowjetunion hatte sich nach der Oktoberrevolution von 1917 über die Jahrzehnte ein deutlicher Wandel des Konzepts vom Neuen Menschen vollzogen. Im leninistischen Proletkult wurde in den 1920er Jahren zunächst der „Maschinenmensch“ propagiert, der in der neuen UdSSR die Industrialisierung vorantreiben und das Land aus der Rückständigkeit befreien sollte. Im darauffolgenden Jahrzehnt verdichtete sich diese Politik zu einer ambitionierten Propagandakampagne, in der dem Neuen Menschen auferlegt wurde, die Natur zu beherrschen und den Übergang von der Rückständigkeit zur Kultiviertheit (Kulturnost’) zu erzwingen. Die „sozialistische Persönlichkeit“ hatte sich selbstlos in das Kollektiv aller „Sowjetmenschen“ einzufügen und die Entwicklung zum Kommunismus voranzutreiben.

Diese voluntaristische Programmatik schlug sich in Stalins Sowjetunion in politischen Kampagnen nieder, die auf die Mobilisierung aller Leistungsreserven zielten. Offizielle Vorbilder wie der „Bestarbeiter“ Alexei Stachanow schienen das Ideal des „Sowjetmenschen“ zu verkörpern. Zugleich wurden „Volksfeinde“ (so die „Kulaken“) rücksichtslos verfolgt.

Biomedizinische Interventionen zum Zweck der „menschlichen Verbesserung“

Konzeptionen des Neuen Menschen waren aber keinesfalls auf die modernen Weltanschauungsdiktaturen begrenzt, auch wenn sie hier besonders radikal waren. Vielmehr wurden sie auch in Demokratien entwickelt und vertreten, oft mit sozialpolitischem Anspruch. Im amerikanischen „Progressivismus“ hob das Ideal des Neuen Menschen vor allem auf rationales, effizientes Verhalten in der Industriegesellschaft ab. So zielten Henry Fords und Frederick Taylors Konzepte einer standardisierten Massenproduktion und -konsumtion auf einen neuen Wohlstandskapitalismus. Der von 1908 bis 1927 gebaute Ford T („Tin Lizzie“) repräsentierte dieses Fortschrittsversprechen. Kritiker wiesen aber schon im frühen 20. Jahrhundert auf die Gefahr hin, dass die neuen Sozialtechniken die ihnen unterworfenen Menschen entmündigten und individuelle Freiheiten zumindest bedrohten. Charlie Chaplin hat dieser Furcht in seinem Film „Modern Times“ (1936) Ausdruck verliehen.

Seit dem späten 19. Jahrhundert verbanden sich auch in Demokratien sozialpolitische Maßnahmen mit solchen zur Verbesserung der menschlichen Erbanlagen. So reagierten etwa schwedische Politiker in den späten zwanziger Jahren mit einer umfassenden Sozialpolitik auf die Weltwirtschaftskrise.

Zugleich kam die Befürchtung auf, in der Industriegesellschaft sei der Prozess der „natürlichen Auslese“ außer Kraft gesetzt worden und „minderwertige“ Menschen würden sich deshalb überproportional vermehren. Das führte zur Legalisierung der Zwangssterilisation; von 1935 bis 1975 wurden mehr als 60 000 Personen sterilisiert, davon etwa 20 000 gegen ihren Willen.

Bis heute gibt es keinen Konsens über die ethnische Bewertung biomedizinischer Interventionen zum Zweck der „menschlichen Verbesserung“ (Human Enhancement). Diskutiert werden Schreckbilder des konditionierten Neuen Menschen im Zusammenhang mit Verfahren der Informationskontrolle. Angesichts der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft und der enormen Fortschritte der Medizin ist eine politische Kontrolle der damit verbundenen Gefahren dringend geboten.

Arnd Bauerkämper ist Professor für neueste europäische Geschichte an der Freien Universität Berlin und derzeit Gerda-Henkel-Gastprofessor am Deutschen Historischen Institut London und an der London School of Economics and Political Science. Der Text basiert auf einem Beitrag Bauerkämpers in Docupedia-Zeitgeschichte, einem Portal des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

Zur Startseite