„Unternehmer meiner selbst“. Moderne Arbeitsverhältnisse können die Beziehung zum Selbst stören – weil sie die Existenz nicht dauerhaft sichern oder weil sie wenig reichhaltig und gestaltbar sind, sagt die Philosophin Rahel Jaeggi. Foto: imago/Ikon Images/Jox Empsonp

Weltaneignung „Entfremdung ist eine Störung“

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Die Philosophin Rahel Jaeggi über die Grenzen des modernen Versprechens auf Selbstbestimmung.

Frau Jaeggi, „Entfremdung“ war lange Zeit ein extrem populärer Begriff zur Kritik sozialer Verhältnisse. Ab den achtziger Jahren verschwand er zunehmend aus der Debatte. Warum schien der Begriff nicht mehr tragfähig?

Ein Grund war sicher seine inflationäre Verwendung. Wenn alle Übel dieser Welt als Entfremdung gelten, weiß natürlich irgendwann niemand mehr, was darunter nun genau zu verstehen sein soll. Viel wichtiger war aber ein gewisser Paternalismus, den man mit der Kritik der Entfremdung verbunden hat. In den siebziger Jahren, die ja die Hochzeit des Begriffs waren, neigten die Entfremdungsdiagnostiker dazu, vor allem jene als verblendet anzusehen, die nichts von ihrer Entfremdung wissen: Je glücklicher die Menschen im System sind, je fröhlicher sie Produkte konsumieren, desto entfremdeter sind sie. Dass sie sich im System wohlfühlten, galt gerade als Zeichen der Entfremdung.

Irgendwann wurde dieser Paternalismus des Besserwissens dann offenbar zum Problem.

Er kam zumindest aus der Mode und widerspricht ja auch einer liberalen Auffassung, der es zwar um Autonomie und Selbstbestimmung geht, die aber letztlich keine objektive Instanz angeben will, die sagen könnte, was gut für die Menschen ist und was sie glücklich macht.

Sie selbst versuchen eine „nicht perfektionalistische“ Rekonstruktion des Entfremdungsbegriffs – was ist damit gemeint?

Ich gehe nicht von einer substanziell ausgemalten Utopie des guten Lebens aus, bei der man ja meist an leicht kitschige Bilder von rotwangig pausbäckigen Kindern denkt, die in der Sonne lachen. Es geht eher darum, sich auf die Diagnose entfremdeter und entfremdender Verhältnisse zu konzentrieren. Entfremdung ist eine Störung, eine Deformation, eine Dysfunktion im Welt- und Selbstverhältnis. Die Abwesenheit von Entfremdung ist überdies nicht schon das glückliche Leben. Ich verstehe Entfremdung als eine Art des Freiheitsverlustes, dessen Aufhebung mit Glück noch gar nicht viel zu tun hat.

Was ist aber das Kriterium, um „entfremdete“, „deformierte“ Verhältnisse zu bestimmen? Ist der Maßstab das empfundene Leid einer Person?

Wir sollten nicht darüber reden, von was wir uns entfremden (dem wahren Selbst), sondern wie wir uns entfremden, also uns Lebensvollzüge anschauen und die Art und Weise, in der sich Individuen auf das beziehen, was sie wollen und tun, wie sie sich das Leben aneignen wollen. Es lassen sich Unzulänglichkeiten, Lernblockaden, Dysfunktionalitäten, Verwerfungen benennen, die dieses Aneignungsverhältnis behindern. Dabei greift nur „subjektives Leid“ als Kriterium entschieden zu kurz und verspielt das Potenzial des Entfremdungsbegriffs. Denn der setzt ja auf interessante Weise an der Schnittstelle von Subjektivem und Objektivem an.

Nämlich wie?

Was das „Leiden“, die rein subjektive Befindlichkeit als Kriterium betrifft, so haben wir ja das Problem, dass auch AfD-Wähler leiden, man könnte sogar sagen: Die leiden an Entfremdung. Dem Rassisten, der sagt, er leide darunter, dass hier so viele Schwarze herumlaufen, möchte man das Leid aber nicht eins zu eins abkaufen. Eher stellt sich die Frage: Welche Erfahrung von Machtlosigkeit steckt hinter dieser „pathischen Projektion“ – wie die alte Frankfurter Schule sagen würde – auf den Fremden?

In Ihrem Buch „Entfremdung – Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems“ bezeichnen Sie Demokratie als einen „Schlüssel zum Verständnis und zur Überwindung von Entfremdung“. Ist das nicht eine ziemlich idealistische Vorstellung?

Mir schien Demokratie ein guter Gegenstand, um einmal auszubuchstabieren, was „gelingende Aneignung unserer Weltbezüge“ heißen könnte, also gelingende Aneignung nicht nur der individuellen, sondern auch der sozialen Voraussetzungen. Es ist natürlich ein anspruchsvoller Begriff von Demokratie, auf den ich mich da beziehe. Interessant ist dabei folgender Punkt: Das alte Entfremdungskonzept ging von einer sehr starken Idee der Versöhnung aus, als ließe sich wirklich ein Zustand erreichen, in dem wir uns in der Welt zu Hause fühlen können. Und dann ist alles schön und kuschelig. Mir scheint das problematisch. Wenn man dagegen auf einen dichten Begriff demokratischer Selbstbestimmung setzt, bleibt das Spannungsmoment erhalten.

In jüngerer Zeit arbeitet Hartmut Rosa mit dem Begriff der Resonanz, beziehungsweise der gestörten Resonanz, um Entfremdungsphänomene zu beschreiben. Er plädiert für eine Weltbeziehung, die nicht auf Kontrolle und Aneignung basiert, sondern auf „Anverwandlung“. Wo liegt da der Unterschied zu Ihrem Modell, das ja eher von „Gestaltungsmacht“ ausgeht?

Hartmut Rosa würde sagen, dass meine Vorstellung von Aneignungsbezügen noch zu autonomiefixiert sei. Er sieht eine gewisse moderne Idee von Selbstbestimmung als Teil des Problems, während ich dazu neige, sie als Teil der Lösung zu sehen. Ich behaupte ja, dass wir Entfremdung immanent kritisieren können, weil hier ein Versprechen auf Selbstbestimmung nicht eingelöst wird. Es ist ein Selbstwiderspruch der Moderne, dass das Vermögen, sein eigenes Leben zu führen, behindert wird, und zwar durch die gleichen Mechanismen, die behaupten: Wir setzen euch frei.

Es ginge also nicht bloß um ein Sich-Einlassen auf eine Welt als Resonanzraum …

Die Sache ist auch bei Rosa komplexer gedacht. Aber er hat ein stärker passivisches Ideal: die Welt klingen lassen, die Welt auch in Ruhe lassen, sich einlassen können. Das ist der Punkt, der uns unterscheidet. Problematisch an diesem Konzept ist aber, dass man resonanztheoretisch nicht zwischen „guter“ und „schlechter“ Resonanz unterscheiden kann. Auch der Faschismus ist ein Resonanzphänomen, und zwar ein sehr starkes.

Der alte Begriff entfremdeter Arbeit bezog sich auf mechanisch stupide Tätigkeiten, die den Menschen fühllos in Funktionsweisen aufspalteten, ihn sozusagen fragmentierten. Man könnte einwenden, dass die Entfremdungsdiagnose obsolet ist, weil Arbeit sich so verändert hat, dass Entfremdung gerade nicht mehr das Problem ist.
Im Gegenteil. Mit dem formal gewendeten Entfremdungsbegriff, den ich vorschlage, lassen sich die neuen Arbeitsverhältnisse gut untersuchen. In der Art, wie ich heute zum „Unternehmer meiner selbst“ subjektiviert werde, stecken ja Entfremdungsmomente, also Störungen der Selbstbeziehung. Und prekäre Arbeitsverhältnisse sind im ganz klassischen Sinn entfremdet, nicht nur weil sie die Existenz nicht dauerhaft sichern, sondern weil sie weniger reichhaltig und weniger gestaltbar sind als festere Anstellungen. Die Entfremdung kann in der Monotonie und Fragmentierung bestehen, aber auch im genauen Gegenteil. Viele der Untersuchungen zu neuen Arbeitsverhältnissen haben das Problem, dass sie zwar nahelegen, es sei etwas schlimm daran, ihnen im Grunde aber das normative Vokabular für die Kritik fehlt. Wenn man sich aber auf „Aneignungsbezüge“ konzentriert, also auf die Frage, ob ich mir meine Handlungen zu eigen machen, mich zu meiner Arbeit in Beziehung setzen kann, ist es möglich, Kreativarbeitsverhältnisse zu analysieren und kritisieren, ohne dass das Unbehagen nur unterschwellig mitlaufen müsste.

Die Fragen stellt Andrea Roedig. - Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität mit dem Schwerpunkt Sozial- und Rechtsphilosophie.

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