Eine Illustration zeigt eiförmige Figuren mit Kulleraugen, von denen eine ein Krönchen trägt. Foto: imago/Ikon Imagesp

Vorentscheidung in der Exzellenzstrategie Wie exzellent sind die Berliner Unis?

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Im Wettbewerb um viele Millionen Euro vom Bund fällt jetzt eine Vorentscheidung. Berlins Hochschulen bewerben sich nach dem Motto: „Viel hilft viel“.

Bei den Universitäten beginnt das große Zittern. Welche von ihnen dürfen in Zukunft das deutsche Exzellenz-Etikett tragen? Eine Vorentscheidung darüber fällt am Donnerstag. Dann nämlich wird bekannt, welche Antragsskizzen für Forschungscluster aus dem Rennen geworfen werden und welche für die Schlussentscheidung in einem Jahr ausgearbeitet werden dürfen.

Damit könnte sich bereits das Schicksal mancher Unis entscheiden: Um den Titel einer Exzellenzuniversität konkurrieren darf eine Uni nämlich nur, wenn sie vorher zwei Cluster einwirbt. Unis, die sich im Verbund um den Elite-Titel bewerben wie die in Berlin, müssen gemeinsam drei Cluster einwerben – dabei muss aber jede Uni ein eigenes Cluster durchs Ziel bringen.

Weniger abstiegsgefährdet als ihre Vorgängerinnen

In der neuen Exzellenzstrategie von Bund und Ländern geht es für die besonders forschungsstarken unter den deutschen Unis um viel. Denn das Nachfolgeprogramm der Exzellenzinitiative (2006 bis 2017) wird die Uni-Exzellenz auf viele Jahre hinaus verfestigen: Diejenigen Universitäten, die am 19. Juli 2019 den Exzellenzstatus bekommen, dürften weit weniger abstiegsgefährdet sein als ihre Vorgängerinnen. Nicht wie bisher fünf Jahre lang, sondern sieben Jahre lang werden sie gefördert. Vor allem müssen sie sich danach nicht mehr wie bisher einem neuen scharfen Wettbewerb stellen, sondern bloß noch die erwartungsgemäß weniger strenge Evaluation überstehen. Unis, die es in den Klub der Privilegierten schaffen, werden auf lange Zeit nicht nur von zusätzlichen finanziellen Mitteln profitieren, sondern gleichsam als „Bundesunis“ erhebliche Reputationsgewinne verbuchen können.

Also strengen sich die Unis an. Berlins drei große Unis verfahren dabei nach dem Motto: „Viel hilft viel“. Sie haben gleich 16 Clusteranträge am Start. Könnten die Gutachter das nicht als Masse statt Klasse bewerten? Solche Skepsis weist TU-Präsident Christian Thomsen zurück: „Es ist einfach viel Ideenpotenzial in Berlin da und die Forschenden brennen darauf, ihre Ideen umzusetzen.“ Die Hochschulleitungen hätten auch keinen Druck auf die Forscherinnen und Forscher ausgeübt, möglichst viele Anträge zu produzieren, damit am Ende die geforderten drei durchkommen. Solche großen Forschungsvorhaben aufzusetzen, sei sehr aufwendig: „Da kann man als Präsident nichts bestellen“, sagt Thomsen und zeigt sich zuversichtlich: „Die TU spielt ihre Stärken sehr gut aus, und wir haben tolle Projekte aus allen drei Unis.“

"Die Luft ist raus", sagt eine Professorin

Unter den Wissenschaftlern freuen sich allerdings nicht alle darüber, Clusteranträge schreiben zu müssen, von denen die meisten schließlich doch nicht finanziert werden: „Die Luft ist raus“, sagt eine Professorin von der FU. „Allen ist aber klar, dass wir wieder ,exzellent‘ werden müssen – wegen des Geldes und für das Image.“

Die Konkurrenz ist groß. Bundesweit sind 195 Clusterskizzen eingegangen. Nur eine von vier kann zum Schluss durchkommen, denn nur 45 bis 50 Cluster können schließlich gefördert werden. In der letzten Runde der Exzellenzinitiative im Jahr 2012 war das Verhältnis noch etwas entspannter: Von 144 eingereichten Clustervorhaben kamen damals 43 durch.

Bernd Huber, der Präsident der LMU München, geht denn auch davon aus, dass der Wettbewerb „noch kompetitiver“ als in den vergangenen Runden sein wird. Denn in der alten Exzellenzinitiative habe es zur Entspannung beigetragen, dass es noch eine Förderlinie für Graduiertenschulen gab, auf die sich kleinere Hochschulen mit ihren Bewerbungen konzentrieren konnten. Jetzt, wo dieses Format nicht mehr gefördert wird, müssten aber auch die Kleineren auf Cluster setzen – „und die werden alles versuchen, eines zu bekommen“. Etwas gelassener sieht Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, die Lage: „Die DFG hatte sogar mit 300 Skizzen gerechnet. Jetzt sind es hundert weniger, das ist doch fast erstaunlich.“ Seine Uni hat fünf Skizzen eingereicht, die LMU neun.

Elf Exzellenzunis, 45 bis 50 Cluster - und die Folgen

Fest steht allerdings jetzt schon, dass bundesweit mehr Universitäten als bislang bei den Clustern leer ausgehen werden. Denn die Regeln des Wettbewerbs bewirken eine Konzentration der Cluster auf wenige Unis: Reichte bislang schon ein eingeworbenes Cluster, um Exzellenzuni zu werden, sind es nun zwei. Bremen, Konstanz, Tübingen und die TU München wären also nach den neuen Regeln nicht Exzellenzunis geworden. Da Bund und Länder sich darauf geeinigt haben, elf Exzellenzunis zu küren (und keine weniger), müssen schon mindestens 23 Cluster auf elf Unis entfallen.

Damit die Gutachter bei den Eliteunis noch eine Wahl haben, müssten auch noch zwei bis vier weitere Unis mindestens zwei Cluster bekommen. Von den insgesamt 45 bis 50 Clustern blieben am Ende nur noch 15 bis 20 für die übrigen Unis. Darauf hat Krista Sager, die frühere wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, vor einiger Zeit im Tagesspiegel hingewiesen. Viele Unis mit hervorragenden Forschungsverbünden hätten in Zukunft darum keine Chance mehr auf Förderung.

"Was digitalisierungsbezogen ist, muss heute nach Berlin"

Worum es in den Berliner Clusterskizzen inhaltlich geht, wollen die Präsidenten nicht verraten. Auf der Hand liegt aber, dass die drei Universitäten Folgeanträge in den Gebieten stellen, die schon in den ersten beiden Runden der Exzellenzinitiative gefördert werden. Drei Vorhaben hatten die Berliner Unis jeweils einmal in die Verlängerung gebracht: Archäologie mit dem Topoi-Cluster zu Raum und Zeit in der Antike (FU und HU), Neurocure (Charité, FU und HU) zu Innovationen in der Therapie neurologischer Erkrankungen und das Chemie-Cluster UniCat (TU) auf der Suche nach ressourcenschonenden Verfahren etwa für die Energiegewinnung. Ein weiteres ist noch in der ersten Förderperiode: Bild-Wissen-Gestaltung, ein interdisziplinäres Labor zu Kunst- und Naturwissenschaft an der HU. Doch Berlin ist auch stark in der Mathematik und hat ein millionenschweres Einstein-Zentrum eingerichtet.

Berlins jüngster Schwerpunkt ist die Digitalisierung, auch hier gibt es ein Einstein-Zentrum mit Geld vom Land und aus der Industrie, das „Leistungszentrum Digitale Vernetzung“ von vier Berliner Fraunhofer-Instituten – und das vom Bund finanzierte und neu eröffnete Internet-Institut. Könnten die Gutachter in der Exzellenzstrategie am Ende aber sagen, Berlin sei in der Mathematik oder in der Digitalisierung schon bestens versorgt und brauche nicht auch noch ein Cluster? „Das ist Gutachterpsychologie“, sagt TU-Präsident Thomsen. „Es könnte ja auch sein, dass sie sagen: Was digitalisierungsbezogen ist, muss heute nach Berlin.“

Wie riskant ist der Berliner Verbundantrag?

Berlins Universitäten sitzen in der Exzellenzstrategie in einem Boot. Scheitert ihr Verbundantrag im Sommer 2019, gehen sie gemeinsam unter. Für die Wissenschaftsstadt Berlin, die aktuell die FU und die HU als „Exzellenzunis“ hat, wäre das ein schwerer Schlag. Ein Kenner der Berliner Wissenschaftslandschaft, der anonym bleiben will, hält den Antrag im Verbund für riskant. Nicht nur, dass es für die stärkste Uni – er sieht die FU in dieser Rolle – „ein großes Risiko ist, mit den anderen unterzugehen“. Er befürchtet zudem, dass die Berliner Unis sich mit dem gemeinsamen Antrag in eine lose-lose-Situation gebracht haben: Fallen sie durch, wäre das eine Steilvorlage für die Politik, den offenbar mediokren Unis die Mittel zu kürzen. Gewinnen sie, käme sofort wieder das Thema „Super-Uni“ auf den Tisch, also die aus Sicht der Unis indiskutable Fusion zu einer großen Berliner Universität – die Unis hätten also auch verloren.

Nach allem was zu hören ist, könnte die Hauptstadt der einzige Standort sein, der auf einen Verbundantrag setzt. Schon lange ist klar, dass die beiden Münchner Unis in der „Förderlinie Exzellenzuniversitäten“ erneut getrennt antreten wollen. „Ich sehe den Mehrwert einer gemeinsamen Bewerbung nicht“, sagt LMU-Präsident Huber. Dieter Lenzen will es für die Universität Hamburg „offenlassen“, ob sie einen Verbund mit Bremen bildet. Denn bei einem Verbund sieht er „eine Reihe von Folgeproblemen“: Die Frage der gemeinsamen Governance etwa oder der Mittelverteilung auf die beteiligten Unis. „Der Streit beginnt immer dann, wenn der Krieg gewonnen ist“, sagt Lenzen. Auch andere potenzielle Verbundkandidatinnen, etwa die Universitäten Aachen, Köln und Bonn, scheinen von der Idee eines gemeinsamen Antrags Abstand genommen zu haben.

Die Drohung der gemeinsamen "Superuni"

Hätte Berlin als Verbund gegen lauter Einzeluniversitäten Vor- oder Nachteile? „Berlin als einziger Verbund müsste ja fast automatisch gefördert werden, weil ansonsten die Politik zugeben müsste, dass der Verbund als Instrument gar nichts taugt“, meint ein Insider. Ob solche Erwägungen am Ende aber wirklich eine Rolle spielen?

Die drei Berliner Unis sind jedenfalls entschlossen, die Gutachter zu überzeugen. Um die Basis hinter sich zu bringen, haben die Unileitungen die Pläne bei vier „Campus-Dialogen“ im Frühjahr und Frühsommer vorgestellt. Bedenken, dass die Partnerinnen zusammen schlechter fahren könnten als die beiden schon gekürten Exzellenzunis alleine, seien dabei nicht geäußert worden, sagt Thomsen. Im Gegenteil: „Viele haben erleichtert gesagt: Endlich machen die Unis das, was auf Fachebene schon praktiziert wird, auch im Ganzen.“

Im Internet präsentiert sich der Berliner Verbund in einer professionell durchgestylten Leistungsschau als „Allianz für innovative Forschung und Lehre“. In der englischsprachigen Adresse universities-berlin.de klingt allerdings die Drohung der gemeinsamen „Superuni“ an. Als „maßgebliche Aktionsfelder“ werden unter anderem Berufungsstrategien, Nachwuchsförderung, Ressourcen- und Infrastrukturnutzung sowie Digitalisierung genannt.

Unter den Unileitungen gibt es „wenig Dissens“ bei der Planung des Verbundes, sagt Thomsen. Fast zwanzig Mal habe man in eineinhalb Jahren dazu getagt. „Es ist ein Prozess in Entwicklung und es gibt noch keinen fertigen Antrag.“

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