Wiedergewählt. Der 58-jährige Physiker Christian Thomsen leitet die TU Berlin seit 2014. Foto: David Ausserhofer/TU Berlin
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TU-Präsident Christian Thomsen „Es gibt an der TU keine tiefen Gräben“

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Der wiedergewählte TU-Präsident Christian Thomsen über den Streit um die Viertelparität und die Reform der Verwaltung - und warum die lange Regierungsbildung im Bund auch die Wissenschaft behindert.

Herr Thomsen, Sie sind im Amt bestätigt worden. Die jahrelange Debatte über die Entmachtung der Professoren hat aber tiefe Gräben aufgerissen. Was können Sie tun, um sie zuzuschütten?

Ich glaube nicht, dass es da tiefe Gräben gibt. Das sind Einzelne, die so denken. Auch gibt es keine Entmachtung der Professoren, wie der Tagesspiegel immer geschrieben hat. Natürlich gibt es Mitglieder in den Gremien, die sich auch emotional sehr stark für oder sehr stark gegen die Viertelparität engagiert haben. Aber der neue viertelparitätische Wahlkonvent wird sich nur alle vier Jahre treffen. Das hat auf den Alltagsbetrieb keine Auswirkungen.

Der viertelparitätische Wahlkonvent sollte ein Kompromiss sein. Doch die Abstimmung darüber zeigte, dass die Meinungen weiter auseinandergehen: Es ging mit 33 zu 25 Stimmen aus.

Es stimmt, das Ergebnis ist nicht völlig überzeugend. Aber andererseits ist es deutlicher als es in den ungültigen Abstimmungen vorher war.

Ausufernde Debatten und Kampfabstimmungen über die Viertelparität hat es an anderen deutschen Hochschulen seit Jahrzehnten nicht gegeben. Warum hat das Thema ausgerechnet an der TU eine solche Bedeutung bekommen?

Es spielt durchaus auch anderswo eine Rolle, etwa an den Hochschulen in NRW, wo es viertelparitätische Elemente in den Gremien gibt.

Das ging aber von der damaligen rot-grünen Regierung aus und war kein dringender Wunsch der Hochschulen.

Es gibt überall Leute an den Hochschulen, die das wollen. Das ist dort nicht anders als bei uns.

Warum müssen die Professoren bei der Präsidentenwahl der TU nicht unbedingt den Ausschlag geben?

Sie geben ja den Ausschlag, Sie stellen das verkürzt dar. Denn nur der Akademische Senat kann die Kandidaten nominieren. Und dort haben die Professoren weiterhin die Mehrheit.

Der Akademische Senat muss aber Kandidaten nominieren, die im viertelparitätischen Wahlkonvent Chancen haben. Und der Konsens muss noch im dritten Wahlgang extrem breit sein. Es kann nur ins Präsidium gewählt werden, wer aus allen vier Gruppen jeweils drei Stimmen bekommt. Was können die Folgen sein?

Gegen solch ein Quorum im dritten Wahlgang habe ich mich vehement gewehrt. Es kann dazu führen, dass die Wahl unter Umständen monate- oder jahrelang blockiert wird. Hier geht es nicht um eine Rechtsfrage, wie bei der Viertelparität, sondern um eine Frage der praktischen Vernunft.

Die drei Berliner Unis bewerben sich in der Exzellenzstrategie mit einem gemeinsamen Antrag. Ziel ist, auch außerhalb der Forschung zusammenzurücken. Haben sich die Leitungen von FU und HU angesichts der Einführung der Viertelparität Ihnen gegenüber sorgenvoll über die zukünftige Strategiefähigkeit der TU geäußert?

Die Strategiefähigkeit der TU ist von dem Wahlkonvent gar nicht beeinflusst. Außerdem führt er ja dazu, dass die ganze Uni mitgenommen wird, das ist gerade bei der Exzellenzstrategie sehr wichtig.

Sie haben aber gerade gesagt, die TU könnte unter Umständen monate- oder jahrelang ohne Präsident dastehen, wenn die Wahl blockiert wird. Dann wäre die TU kaum handlungsfähig.

Das wäre allerdings theoretisch möglich.

Das Kuratorium der TU und der Berliner Senat könnten den Beschluss zum Wahlkonvent einkassieren. Hoffen Sie das?

Nein. Die Universität ist eine autonome Einrichtung. Sie beschließt ihre Grundordnung selbst. Es muss dann das Bestreben sein, dass das auch genehmigt wird - egal ob mir das Quorum Kopfschmerzen bereitet.

Als Sie vor vier Jahren antraten, haben Sie erklärt, die Fakultäten hätten das Vertrauen in die Verwaltung der TU verloren. Uni-Angehörige können eine Entbürokratisierung aber nicht erkennen. Warum konnten Sie nicht mehr bewegen?

Immer mehr Bürokratie kommt von außen, etwa durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, durch Vorgaben im Umweltschutz oder zur Sicherheit. Die geplante Einführung der SAP-Software wird aber zu Erleichterungen führen. Wir sind dabei nicht so schnell vorangekommen wie gedacht, aber die ersten drei Module laufen bereits einwandfrei. Der Systemwechsel ist für 2019 geplant. Die dafür nötige Prozessbeschreibung wird auch dazu führen, dass überflüssige Schritte in unserer Verwaltung abgebaut werden.

Um mehr Geld vom Land zu bekommen, haben Sie den NC in einer Reihe von Studiengängen aufgegeben. Nun heißt es aus der TU, unter den zusätzlichen Studierenden leide die Betreuung. Wie also weiter?

Ich habe mich für mehr Freiheit vom NC eingesetzt, weil es darum geht, Möglichkeiten für junge Leute zu schaffen, ihr Berufsziel zu verfolgen. Das muss die Uni erfüllen so gut es nur geht. Im Jahr 2014 haben wir 2700 Studierende in NC-freien Studiengängen aufgenommen, 2017 waren es 3900. Das ist ein starker Anstieg und er bedeutet, dass wir mehr Arbeit haben. Aber wir bekommen dadurch auch mehr Geld, das die Fakultäten dann für ein besseres Betreuungsverhältnis einsetzen können. Mehr Geld kann nun auch in Forschung und Lehre gehen, weil wir unser Sparloch von zehn auf fünf Millionen Euro halbiert haben. In meiner nächsten Amtszeit will ich es gerne vollständig schließen.

Kritisiert wird an der TU auch, exzellente Fachbereiche, deren Gebiete nicht in den großen Exzellenzclustern abgebildet sind, würden nicht ausreichend profiliert und zur Geltung gebracht. Wie könnten Sie hier gegensteuern?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die TU hat ja ein erhebliches Potenzial, um mit Industriepartnern zusammenzuarbeiten. Aktuell sind wir im Gespräch über zwei großvolumige Projekte.

Im Bund dauert es mit der Regierungsbildung. Wie berührt das die Wissenschaft?

Die Bundesregierung ist nicht vollständig handlungsfähig. So ist die TU als Mitbetreiberin der in Berlin geplanten Bauakademie vorgesehen. Aber die Verhandlungen liegen brach. Auch gibt es Wissenschaftler, die Anträge auf Projektmittel bei Bundesministerien gestellt haben. Darüber wird im Moment nicht entschieden. Wenn so ein Zustand monatelang dauert und vielleicht noch Neuwahlen kommen – Gott bewahre!

Die Fragen stellte Anja Kühne.

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