Großes Ego. Kritiker werfen dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump Narzissmus vor. Foto: REUTERS
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Trump unter Verdacht Hat der amerikanische Präsident eine Schraube locker?

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US-Psychiater halten Donald Trump für unzurechnungsfähig. Aber ihre Belege sind eher dürftig. Ein Kommentar.

Die öffentliche Erregung über den amerikanischen Präsidenten Donald Trump und seine Fehltritte hat auch die Therapeuten auf den Plan gerufen. Ärzte, Psychologen und andere Mental-Fachleute versuchen sich in hellen Scharen an Ferndiagnosen. Jetzt haben 27 von ihnen ein Buch verfasst. „Der gefährliche Fall des Donald Trump“ schaffte sofort den Sprung an die Spitze der US-Bestsellerlisten. Zwar halten auch sonst viele den amerikanischen Präsidenten für verrückt, aber das ist eher laienhaft als medizinisch gemeint.

Die Buchautoren dagegen sind gestandene Seelenklempner, die an renommierten Universitäten wie Harvard, Yale oder dem MIT forschen. Wer, wenn nicht sie, kann beurteilen, ob Trump alle Tassen im Schrank hat? Sollte man glauben. Doch man wird enttäuscht.

Eigentlich gilt es für amerikanische Psychiater als unethisch, sich aus der Distanz über das seelische Befinden von Personen des öffentlichen Lebens zu äußern. Grund ist die seit 1973 bestehende Goldwater-Regel, die in ähnlicher Form auch für Psychologen gilt. Sie geht auf eine publizistische Attacke gegen den konservativen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater zurück. Er sah sich 1964 mit der Aussage von 1189 Psychiatern im Magazin „Fact“ konfrontiert, dass er „unfähig für das Präsidentenamt“ sei. Persönlich begutachtet hatte den Mann keiner der Nervenärzte. Goldwaters Wahlniederlage war verheerend, aber er bekam eine saftige Entschädigung zugesprochen.

Sie wollen, dass Trump seines Amtes enthoben wird

Doch die Goldwater-Regel ficht die Trump-Analytiker nicht an. Sie sind auf einer Mission, bei der es ums Ganze geht, ärztliche Ethik hin oder her. „Wir haben die moralische Pflicht, die Öffentlichkeit über die gefährliche geistige Störung Donald Trumps zu informieren“, sagt der Psychologe John Gartner, einer der Autoren und zugleich Gründer der Gruppe „Duty to Warn“, in der sich trumpkritische Psychiater und Psychologen zusammengetan haben. Ihr Ziel besteht darin, Trump mithilfe des 25. Verfassungszusatzes des Amtes zu entheben.

Das ist dann möglich, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten etwa aus Krankheitsgründen unfähig ist, sein Amt auszuüben. Wenn eine Mehrheit seines Kabinetts der Meinung ist, dass ihr Chef hochgradig psychisch gestört ist, dann muss Trump gehen.

Natürlich gibt es eine Menge Gründe, um Trumps Politik gegenüber skeptisch zu sein, das ist schließlich täglich Thema in allen Medien. Und selbstverständlich rätseln viele über seine inneren Antriebe und seinen Charakter. Dennoch ist es merkwürdig, dass ausgerechnet linksgerichtete Psychiater und Psychologen, die ansonsten stets gegen die Stigmatisierung psychisch Kranker und für Empathie eintreten, im Fall Trump eine Ausnahme machen. Plötzlich ist es legitim, die Diagnose „psychisch krank“ als politische Waffe zu benutzen.

Das kennt man in einem anderen historischen Zusammenhang. In der Sowjetunion wurden politisch Missliebige für krank erklärt und verschwanden in der Psychiatrie. Natürlich sind die USA nicht die UdSSR, und Trump ist kein Dissident, sondern ein sehr mächtiger Mann. Das Prinzip jedoch ist nicht ganz unähnlich. In beiden Fällen dient eine vermeintliche seelische Krankheit dazu, den politischen Gegner abzuwerten oder auszuschalten.

Narzissmus soll Trumps "Krankheit" sein

Alles wäre anders, wenn es tatsächlich Hinweise auf eine tief greifende psychische Krankheit bei Trump geben würde. Die könnte dazu führen, dass er seinen Amtspflichten nicht mehr gewachsen wäre. Doch gerade in dieser Hinsicht kann das Psycho-Tribunal keine hinreichenden Beweise vorlegen. Stattdessen watet es im Sumpf psychologischer Modediagnosen. Narzissmus lautet der Hauptbefund. Trump sei in sich selbst verliebt, übertreibe seine Erfolge und verlange ständigen Lobpreis. Narzissmus, wirklich? Das also ist die „gefährliche geistige Störung“ des Präsidenten?

Eine solche Diagnose klingt eher nach Küchenpsychologie als nach dem Ratschluss von Koryphäen amerikanischer Elite-Universitäten. Sagen wir es so: Wer nicht von sich selbst überzeugt ist, wird es nirgendwo im öffentlichen Leben an die Spitze bringen, weder in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur oder Sport. So gesehen ist Narzissmus ganz normal und kein Grund zur Aufregung. Im Gegenteil – hätte der maßlos von sich selbst überzeugte Steve Jobs sich unterbuttern lassen, hätten wir heute keine Smartphones. Narzissmus nutzt auch anderen.

Statt den politischen Gegner für unzurechnungsfähig zu erklären, sollte man ihn mit Argumenten besiegen. Das ist der saubere Weg in einer Demokratie.

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