Haustiere – von Hund über Kaninchen bis hin zu exotischen Echsen – sind in Kitas immer beliebter. Foto: Tsp
p

Tierpädagogik versus Infektionsschutz Keimschleudern im Kindergarten

46 Kommentare

Streicheln, schmusen, staunen – Tiere sind beliebt in Kitas. Doch sie sind auch Überträger von Krankheitserregern.

Florabella und Moritz haben gerade Nachwuchs. 30 Eier haben die beiden Schuppenechsen in den vergangenen Wochen und Monaten gelegt. Umso neugieriger drängen sich die Kinder um das große Terrarium im Flur der Schöneberger Kita Riemenschneiderweg und fragen ihrem Erzieher André Burbaum Löcher in den Bauch: „Wann schlüpfen die denn endlich?“, „Warum verbuddeln die ihre Eier?“ und „Darf ich die mal streicheln?“ Die Kinder dürfen, Burbaum greift sich das Weibchen, ermahnt die aufgeregt plappernde Schar zur Vorsicht und setzt die 20 Zentimeter lange Bartagame vorsichtig auf eine der kleinen Kinderhände. „Wenn sich die Kinder um etwas Lebendiges kümmern, lernen sie, vorsichtig und behutsam zu sein, Verantwortung zu übernehmen und für andere zu sorgen“, sagt Burbaum.

RKI: "Reptilien sollten nicht in Kindereinrichtungen gehalten werden"

Ob es nun Kaninchen, Hunde, Schlangen oder Geckos sind – immer mehr Kitas haben die Tierpädagogik für sich entdeckt, es kreucht und fleucht allenthalben. Sogar in Krippen kriechen Schildkröten. Pädagogen sind begeistert. Infektiologen hingegen sträuben sich die Haare. „Reptilien in der Kita? Das sollte man auf keinen Fall machen“, sagt Werner Handrick, Mikrobiologe und Experte für Haustier-bedingte Infektionen bei Kindern am Institut für Medizinische Diagnostik Oderland in Frankfurt (Oder). Insbesondere Reptilien wie Bartagamen, Schildkröten, Schlangen oder Chamäleons oder Geckos sind als Keimschleudern bekannt.

In einem Bericht von 2013 empfiehlt das Robert-Koch-Institut ausdrücklich: „Reptilien sollten nicht in Kindereinrichtungen oder Haushalten von Tagesmüttern gehalten werden.“ Aus gutem Grund: Der Darm fast aller Reptilien (bis zu 90 Prozent der untersuchten Tiere) beherbergt Salmonellenarten, von denen schon eine geringe Zahl bei Kleinkindern und Säuglingen zu mitunter lebensbedrohlichen Durchfallerkrankungen, Blutvergiftungen und Hirnhautentzündungen führen kann, so der RKI-Bericht. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie rät sogar generell davon ab, Reptilien in Haushalten mit Säuglingen und Kindern unter fünf Jahren zu halten.

30 Prozent der Salmonellosen bei Kleinkindern stammen von Reptilien

Zwar gehen Salmonellosen in den meisten Fällen nur mit unangenehmen Durchfällen einher, können aber vor allem bei Kindern auch lebensgefährlich werden. 2012 starb in Baden-Württemberg ein sechs Wochen alter Säugling, bei dem nach Obduktion eine entzündliche Erkrankung der tiefen Atemwege und eine Darminfektion mit exotischen Salmonellen festgestellt wurden. Die Bakterien stammten von einer Kornnatter und Bartagamen im Familienhaushalt. Im selben Jahr infizierte sich ein zwei Monate altes Baby in Hessen mit Salmonellen einer Bartagame und erkrankte schwer an Blutvergiftung (Sepsis) und Hirnhautentzündung (Meningitis). Und in Niedersachsen infizierte sich das Kniegelenk eines Zweieinhalbjährigen mit reptilientypischen Salmonellen – dabei reichte es offenbar, dass er im Garten der Nachbarn spielte, die dort Abfälle aus dem Terrarium einer Bartagame entsorgten. Trotz wochenlanger Antibiotikabehandlung erlitt der Junge ein septisches Fieber und Knochenmarksentzündungen, bevor das Reserveantibiotikum Ciprofloxacin schließlich wirkte.

Kita für Agamen. Der Kindergarten am Riemenschneiderweg ist voll ausgestattet mit Nachzuchtterrarium und Brutschrank für 30 Eier des Bartagamen-Pärchens. Foto: Tsp/skb
p

Mit etwa sieben Prozent sind Reptilien-bedingte Salmonellosen weitaus seltener als über Lebensmittel übertragene. Allerdings ist der Anteil der Infektionen mit Reptilien-typischen Salmonellenarten bei Kindern unter zwei Jahren in den vergangenen Jahren gestiegen – von 41 Fällen (3 Prozent aller Salmonellosen bei Kindern unter zwei Jahren) in den Jahren 2000 bis 2002 auf 160 Fälle (30 Prozent) in den Jahren 2009 bis 2011. Seit 2012 werden jedes Jahr etwa 30 bis 40 Prozent aller gemeldeten Salmonellosen bei Kindern unter zwei Jahren von reptilientypischen Erregern ausgelöst: Mal ist es ein Dreijähriger, der sich mit den Salmonella monschaui-Bakterien einer Bahamaanolis, einer Leguanart, ansteckt. Mal muss sich ein Säugling schon fünf Tage nach seiner Geburt mit den Salmonella enterica-Mikroben eines Warans herumschlagen. Oder es macht gleich eine ganze Familie schmerzhafte Bekanntschaft mit den exotischen Untermietern einer Bartagame.

Kinder unter fünf Jahren sind besonders gefährdet

Chamäleons, Würgeschlangen, Leguane, Wasserschildkröten, Kornnattern – die Liste der Überträger ist lang. Nicht zuletzt, weil der Trend, exotische Tiere zu halten, anhält. „Die steigende Zahl privat gehaltener Reptilien geht offensichtlich einher mit einer steigenden Zahl von Salmonella-Infektionen bei Kindern“, heißt es in dem RKI-Bericht. Etwa sechs Millionen Reptilien wurden hierzulande zwischen 2004 und 2014 eingeführt, die dann in Zoohandlungen, auf Reptilienbörsen oder über das Internet angeboten werden. Über die mit den Tieren einhergehenden Infektionsrisiken erfahren Käufer jedoch so gut wie nichts, beklagt Michael Pees, Tiermediziner an der Klinik für Vögel und Reptilien der Universität Leipzig. Es gibt keine Vorschrift, dass Verkäufer über die Salmonellen-Untermieter der Tiere und angemessene Hygienemaßnahmen informieren müssen. So sei vielen Menschen nicht bekannt, dass Reptilien Infektionsquellen sind, schreibt das RKI: „Grundsätzlich gelten Kinder unter fünf Jahren (...) als besonders gefährdet.“

Zuständig dafür, mit den Kitas die unbestrittenen pädagogischen Vorteile von Tieren gegen das Infektionsrisiko abzuwägen, wären die Gesundheits- und Veterinärämter der Bezirke. Doch zumindest in Tempelhof-Schöneberg hat man offenbar nicht einmal Kenntnis von den Biotopen in den Einrichtungen der eigenen Gemeinde. „In unserem Bezirk ist dem Gesundheitsamt aktuell keine Tierhaltung von Reptilien in Kindertagesstätten bekannt“, lässt Bezirksstadtrat Oliver Schworck dem Tagesspiegel auf Anfrage schriftlich mitteilen. „Die Haltung von Tieren in Kindertagesstätten, bei denen grundsätzlich von einem höheren Infektionsrisiko auszugehen ist (Vögel, Wildtiere, Küken u. a.) würde im Einzelfall genau überprüft werden.“ Ob das im Fall der Kita Riemenschneiderweg oder anderen Kinderbetreuungseinrichtungen je passiert ist, ist fraglich. „Richtlinien zur Tierpflege in der Kita gibt es nicht, soweit ich weiß, jedenfalls keine expliziten“, sagt Burbaum, der die Bartagamenpflege dort vor sechs Jahren von seiner Vorgängerin übernommen hat. Er sagt auch, die Kitaaufsicht habe das Bartagamenterrarium „abgesegnet“.

Mehr zu Tempelhof-Schöneberg Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!