An der RWTH Aachen konnten die Öffnungszeiten der Bibliotheken mithilfe der Studiengebühren verlängert werden. Nach dem Wegfall der Gebühren, sollen sie wieder verkürzt werden. Foto: RWTH Aachen/Peter Winandy
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Studiengebühren Aus die Maut

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Streit um Studiengebühren: Experten diskutieren, ob sie Studierende abschrecken. Wo Gebühren abgeschafft sind, klagen Hochschulen über mangelnden Ausgleich.

Schrecken Studiengebühren ab? Um diese Frage ist ein Deutungskampf zwischen dem Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und dem Hochschulinformationssystem (HIS) entbrannt. WZB-Forscher hatten im Herbst die Debatte mit einer Studie befeuert, nach der die Einführung der Gebühren keineswegs Abiturienten vom Studium abgehalten habe. Selbst für Jugendliche aus nicht-akademischen Elternhäusern gewinne ein Studium mit Gebühren an Wert. Die Berliner hatten sich dabei auf Daten des HIS bezogen. Das schlug am Mittwoch zurück.

„Handwerkliche Fehler“ hätten die Berliner gemacht, kritisierte Christoph Heine vom HIS bei einem Fachgespräch im Bundestag. Er sei bei der Auswertung seiner Daten zu ganz anderen Ergebnissen gekommen. Die Studierbereitschaft sei nach der Einführung der Gebühren „signifikant gesunken“. Die Gebühren hätten zu einem „länderübergreifenden Verunsicherungseffekt“ geführt.

Die Beteiligten kämpfen in einem ideologisch verminten Gelände. Gegner argumentieren, Gebühren führten zu sozialer Ungleichheit. Befürworter freuten sich deshalb über die WZB-Analyse. Doch das Fachgespräch im Bundestag machte klar: Eine große Studie mit einer eindeutigen Antwort lässt weiter auf sich warten.

So sind WZB und HIS mit demselben Datensatz zu einem entgegengesetzten Befund gekommen. Beide berufen sich auf das HIS-„Studienberechtigtenpanel“. Das befragte 1999 bis 2008 sechs Jahrgänge nach ihrer „Studierneigung“, die sich daran bemisst, wie viele Abiturienten ein halbes Jahr nach dem Schulabschluss studieren oder zum Studium entschlossen sind.

Das WZB verglich zwei Durchschnittswerte bei der Studierneigung: Den Schnitt der Jahrgänge zwischen 1999 und 2005 sowie den zwischen 2006 und 2008. 2006 war das Jahr, in dem die ersten Länder Gebühren einführten. Nach diesem Vergleich stieg die Studierneigung mit der Gebühreneinführung sogar an, in Gebührenländern (plus 2,7 Prozent) stärker als in Nichtgebührenländern (plus 0,8 Prozent). Diesen Ansatz verteidigte Koautor Marcel Helbig. Nachberechnungen hätten das Ergebnis bestätigt.

HIS-Autor Christoph Heine hält die Methode für unseriös. Solche Durchschnittswerte verzerrten das Ergebnis. Das Jahr 1999 dürfe gar nicht mitgerechnet werden, da es zeitlich zu weit entfernt sei. Für die Vorgebührenzeit würde es den Schnitt entscheidend runterziehen, da sich damals deutlich weniger Abiturienten für ein Studium entschieden als 2002.

Es sei angemessener, die Werte für die Jahrgänge 2002, 2004, 2006 und 2008 separat zu vergleichen, sagt Heine. Da zeigt die Kurve auf einmal nach unten. 2002 und 2004 lag die Studierneigung in den späteren Gebührenländern bei 79 Prozent. 2006 fällt sie auf 75 Prozent, 2008 auf 74 Prozent. Ähnlich sei aber auch die Entwicklung in Nichtgebührenländern; das belege einen bundesweit abschreckenden Effekt von Gebühren. Offenbar hätten sich Abiturienten in allen Ländern von der Gebührendebatte verunsichern lassen.

Kann man überhaupt eindeutig bestimmen, wie sich Gebühren auf die Entscheidung für oder gegen ein Studium auswirken? Schließlich spielen viele Faktoren wie die Diskussion um den Fachkräftemangel eine Rolle. Die vorliegenden Datensätzen reichten nicht aus, um eindeutige Aussagen zu treffen, sagte der Elitenforscher Michael Hartmann. Er verwies auf Zahlen aus Österreich, wo Frauen aus Arbeiterfamilien nach der Einführung von Gebühren deutlich seltener ein Studium aufnahmen.  Solche Subgruppen bildeten die HIS-Daten nicht ab. Der grüne Bundestagsabgeordnete Kai Gehring forderte den Bund auf, eine umfassende Studie in Auftrag zu geben.

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