Die Dienstvilla des Bundespräsidenten. Foto: Paul Zinken/dpa
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Streit um Gedenken in Dahlem Das Schicksal des Vorbesitzers der Bundespräsidenten-Villa

Michael Wildt
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Die Dienstvilla des Bundespräsidenten in Berlin-Dahlem gehörte einst einem jüdischen Kaufmann. Wer war Hugo Heymann?

Für die Geschichte der deutschen Juden im Nationalsozialismus - zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Bleiben und Fliehen - ist die des jüdischen Kaufmanns Hugo Heymann exemplarisch. Wie sollte man als jüdischer Deutscher auf die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler reagieren? Das Präsidium des größten deutsch-jüdischen Verbandes, des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, erklärte am 30. Januar 1933, dass es überzeugt sei, „daß niemand es wagen wird, unsere verfassungsmäßigen Rechte anzutasten. Jeder nachteilige Versuch wird uns in entschiedener Abwehr auf dem Posten finden. Im übrigen gilt heute ganz besonders die Parole: Ruhig abwarten!“

Abwarten mochte Hugo Heymann nicht mehr. Er verkaufte seine Villa in der Pücklerstraße, Berlin-Dahlem, am 7. Februar 1933.

Hugo Heymann, geboren 1881, stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Mannheim, hatte im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient und lebte seit Beginn der 1920er-Jahre in Berlin. Im August 1927 heiratete er die katholische Bauerntochter Maria Jussen. Ein Jahr zuvor hatte Heymann, der mit einer Kunstperlenproduktion und Handelsgeschäften vermögend geworden war, die ansehnliche Villa in Dahlem zum stattlichen Preis von 150.000 Goldmark erworben.

Im Herbst 1932 wurde Heymann vor dem Machtantritt der Nazis gewarnt

Die Heymanns pflegten einen großbürgerlichen Lebensstil mit Chauffeur, Köchin und Dienstmädchen, gaben Abendveranstaltungen, zu denen Künstler, Politiker und Angehörige der Berliner Wirtschafts- und Finanzelite als Gäste geladen waren. Aber es gibt Anzeichen, dass Heymanns Geschäfte Anfang der 1930er-Jahre nicht mehr so gut liefen; im Oktober 1932 nahm er eine Hypothek in Höhe von 60.000 Reichsmark auf sein Grundstück auf.

Das Jahr 1932 war eine Zeit scharfer politischer Auseinandersetzungen. Bei den Reichstagswahlen im Juli waren die Nationalsozialisten mit über 37 Prozent der Stimmen die weitaus stärkste politische Kraft geworden. Gewalt hatte den Wahlkampf überschattet; allein in Preußen waren 101 Menschen in Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten getötet worden. Und nach der Wahl brach eine Welle antisemitischer Gewalt der SA los.

Im Herbst 1932 warnte der einstige sozialdemokratische Reichsinnenminister Friedrich Wilhelm Sollmann die Heymanns, dass der Machtantritt der Nationalsozialisten bevorstehe und die deutschen Juden mit schweren Drangsalierungen zu rechnen hätten. Nach Aussage von Sollmann nach dem Krieg nahmen die Heymanns seine Warnung sehr ernst.

Der Käufer: ein nationalsozialistischer Verleger und Förderer der SS

Heymann beauftragte einen Makler, die Villa zu verkaufen. Kaufinteressent war der Potsdamer Verleger Waldemar Gerber, dessen Zeitung, die „Potsdamer Tageszeitung“, deutlich nationalsozialistisch orientiert und der selbst Fördermitglied der SS war. Die Forderung von Heymann in Höhe von 120.000 Reichsmark wies Gerber als zu hoch zurück, überließ die Verhandlungen dann allerdings seinem Geschäftspartner Günther Dreyer. 1932/33 befanden sich die Immobilienpreise im Keller; Dutzende Villen standen zum Verkauf oder wurden zwangsversteigert.

Den einstigen Kaufpreis hätte Heymann mit Sicherheit nicht mehr erzielen können – und er stand tatsächlich unter Druck, die Villa rasch zu verkaufen. Denn unabhängig, ob es auch wirtschaftliche Gründe waren, die Hugo Heymann zum Verkauf bewogen, trugen sich die Heymanns mit dem Gedanken, angesichts der politischen Verhältnisse Deutschland zu verlassen.

Er sah sich gezwungen, zu solch ungünstigen Bedingungen zu verkaufen

Der schließlich vereinbarte Preis betrug 87.500 Reichsmark für das Grundstück, die Villa samt Mobiliar. Davon wurden 60.000 RM für die Ablösung der Hypothek benutzt, 27.500 RM erhielt Heymann bar ausgezahlt. Es liegt nahe, dass er sich gezwungen sah, zu solch ungünstigen Bedingungen zu verkaufen. Seine Frau sagte 1948 im Antrag auf Rückerstattung der Villa in der Pücklerstraße aus, er habe ihr gegenüber geklagt, dass Gerber und Dreyer seine Lage ausgenutzt hätten, weil er Jude sei. Damals habe er ihr die Scheidung angeboten, damit wenigstens sie von der Verfolgung ausgenommen werde. Aber sie habe damals wie auch später immer wieder abgelehnt, ihren Mann allein zu lassen.

Die Heymanns zogen in eine kleinere Wohnung in Berlin-Schmargendorf, behielten allerdings ihr Hausmädchen Hermine Stecher. Um den Verfolgungsdruck zu mindern, heirateten Hugo und Maria Heymann im Juli 1933 ein zweites Mal, und zwar katholisch in der St. Karl Borromäus-Kirche in Berlin-Wilmersdorf. Später konvertierte er zum katholischen Glauben. Doch das besaß im antisemitischen Blick der Nationalsozialisten keine Bedeutung. Hugo Heymann blieb in ihren Augen ein Jude, ob er sich katholisch trauen und taufen ließ oder nicht.

Die antisemitischen Maßnahmen trafen Heymann mehr und mehr

Die Nürnberger Rassegesetze vom September 1935 lösten bereits geschlossene Ehen wie die der Heymanns nicht auf, aber sie verlangten, dass Hugo Heymann das Hausmädchen Hermine Stecher entlassen musste. Juden war die Beschäftigung von nicht-jüdischen weiblichen Angestellten unter 45 Jahren nicht mehr gestattet. Eine unverhohlene antisemitische und sexistische Maßnahme, da sie unterstellte, dass alle jüdischen Männer nicht-jüdischen Mädchen nachsteigen würden. Maria Heymann musste bei der Gestapo erscheinen und wurde aufgefordert, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen.

Noch gingen die Geschäfte Heymanns weiter, aber die antisemitischen Beschränkungen trafen auch ihn mehr und mehr. 1935 verkaufte er ein weiteres Grundstück in Mannheim. Ab 1937, so Maria Heymann, hätten sie nur noch vom eigenen Vermögen leben können. Wann erlischt die Hoffnung, weiter in Deutschland leben zu können? Wann wird der Druck zu groß, dass man ihn noch ertragen könnte?

Haft und Misshandlungen, das letzte Bargeld wird beschlagnahmt

Um die Jahreswende 1937/38 wurde die Entscheidung zur Emigration nach Norwegen, wohin Heymann geschäftliche Verbindungen besaß, konkret. Im Frühjahr 1938 verkaufte Hugo Heymann seine Kunstperlenfabrik und bereitete den Verkauf einer dritten Immobilie in Köln vor. Doch während Heymann versuchte, die Geschäfte zu ordnen, zog sich die Schlinge immer mehr zu.

Die Gestapo lud ihn vor und beschuldigte ihn, Vermögenswerte heimlich zu verschieben. Er wurde drangsaliert, für mehrere Tage festgehalten und misshandelt. Mit Drohungen, Gewalt und Gesetzen vertrieb das NS-Regime Juden aus Deutschland und beraubte sie zugleich ihres ganzen Vermögens. Mittlerweile saßen die Heymanns buchstäblich auf gepackten Koffern.

Die Wohnung war gekündigt, die Möbel waren verpackt. Sie selbst wohnten nun im Hotel Savoy in der Fasanenstraße. Hermine Stecher, die den Heymanns verbunden blieb, berichtete nach dem Krieg, dass das Ehepaar unter der ständigen Angst vor drohenden Verhaftungen schwer gelitten habe. Die rettende Ausreise schien gefährdet, und dann beschlagnahmte die Kriminalpolizei das letzte Bargeld der Heymanns aus dem Hotelsafe.

Tod im Alter von 56 Jahren

Unter diesem Druck brach Hugo Heymann zusammen, wurde am 4. Juni 1938 wegen Urämie ins St. Gertrauden-Krankenhaus eingeliefert und starb entkräftet einen Tag später im Alter von 56 Jahren. Seine Witwe blieb stets überzeugt, dass es die Folgen der Misshandlungen waren, die zu seinem Tod führten. Die Genehmigung zur Ausreise nach Norwegen erreichte ihn nicht mehr lebend.

Maria Heymann blieb in Deutschland, heiratete ein zweites Mal und versuchte nach dem Krieg vergeblich, die Vermögenswerte, auch die Villa in Dahlem, rückerstattet zu bekommen. In den meisten Fällen erhielt sie allenfalls geringe Entschädigungssummen. Die Gerichte vermochten keinen Verfolgungsdruck zu erkennen. Da Hugo Heymann bis 1938 in Deutschland geblieben sei, so argumentierte die Wiedergutmachungskammer in Berlin 1951 zynisch, hätte er doch warten und einen besseren Verkaufspreis erzielen können. Die bloße Furcht vor Verfolgung, so die Richter, sei noch kein Zwang zum Verkauf.

Der Bundespräsident hat erklärt, sicherstellen zu wollen, dass „eine Verständigung über ein angemessenes Gedenken hergestellt wird“. Es wäre in der Tat eine angemessene Geste, an das Schicksal von Hugo Heymann zu erinnern, der darauf vertraute, als Bürger in Deutschland leben zu können, und dessen Hoffnung tödlich zerschlagen wurde.

Um die Frage, wie des jüdischen Vorbesitzers der Dienstvilla des Bundespräsidenten gedacht werden sollte, wird seit Längerem gestritten. Der Historiker Julien Reitzenstein hat vor zwei Jahren einen „Stolperstein“ gestiftet. Doch die Koordinierungsstelle Stolpersteine in Berlin hat es abgelehnt, die Messingtafel zum Gedenken an Hugo Heymann und seiner katholischen Ehefrau Maria Heymann vor der Dahlemer Villa in der Pücklerstraße 14 in den Gehweg einzulassen. Stolpersteine werden vor dem letzten Wohnort der Verfolgten verlegt – und der lag im Stadtteil Schmargendorf. Unlängst kritisierte ein Leipziger CDU-Politiker, dass es auch zum Einzug von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kein Gedenken geben werde.

Das Bundespräsidialamt hatte noch unter Steinmeiers Vorgänger Joachim Gauck ein Gutachten bei dem Berliner Historiker Michael Wildt über die Umstände des Verkaufs der Villa im Februar 1933 in Auftrag gegeben, das im Dezember 2016 vorlag. Zur Frage des Gedenkens an die Vorbesitzer hieß es zuletzt aus dem Bundespräsidialamt, man werde im Zuge der Renovierung des Dienstsitzes „über die geeigneten Formen des Gedenkens“ entscheiden. Der „Spiegel“ zitierte den Bundespräsidenten mit der Aussage, dies werde vor seinem Einzug in der Pücklerstraße geschehen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat für eine Gedenktafel an der Villa plädiert. (Tsp)

Michael Wildt ist Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus an der Humboldt Universität zu Berlin. Für das Bundespräsidialamt hat er zusammen mit Dr. Julia Hörath ein Gutachten zum Fall Heymann verfasst.

Ein Porträt der Berliner Holocaust-Überlebenden Inge Deutschkron von Caroline Fetscher lesen Sie hier.

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