Zug in die Ferne. Kraniche gehören zu den Vögeln, die lange Wanderungen von Nordeuropa bis nach Südeuropa, Afrika und Asien unternehmen. Foto: Bernd Wüstneck/ZB/dpa
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Spur der Tiere Funkende Ziegen

Hildegard Nagler
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Das „Icarus“-Projekt auf der Raumstation ISS soll ermitteln, wohin es Vögel, Fledermäuse und Antilopen zieht. Und damit auch Rückschlüsse auf Seuchen möglich machen.

Rein theoretisch könnte man den Zwerg, der 4,2 Gramm wiegt, auch eine Schlafmütze nennen. Denn er lässt sich nur von der Internationalen Raumstation ISS für 3,5 Sekunden wecken, schickt dann von der Erde aus brav seine gesammelten Daten ins All, und schläft danach wieder und wartet auf den nächsten Überflug der ISS. Doch wenn der Raumfahrtingenieur Walter Naumann aufzählt, was der Minisender kann, der in Immenstaad am Bodensee gebaut wurde und den bald Tiere tragen werden, ist schnell klar: Wenn schon Schlafmütze, dann eine superintelligente.

Und die steht bald ganz in Diensten von „Icarus“, einem internationalen Projekt, mit dem erstmals die Wanderungen von Tieren mithilfe der Raumfahrt weltweit beobachtet werden können. Am morgigen Donnerstag startet vom Weltraumbahnhof in Baikonur in Kasachstan eine Rakete Richtung ISS. An Bord hat sie einen Computer. Er wird die Daten der „besenderten“ Tiere verarbeiten und zur russischen Bodenstation schicken, sobald noch die „Icarus“-Antenne zur ISS geflogen ist und vom nächsten neuen Astronautenteam nach ihrer Eingewöhnung im All aufgebaut wird.

Mit den Daten – in rund zwei Jahren soll eine Echtzeitbeobachtung möglich sein – will sich Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell, einen Traum erfüllen. Er möchte früher vor Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Tsunamis warnen. Zudem will der Wissenschaftler der Ausbreitung von Krankheiten wie Ebola auf die Spur kommen.

Die Tiersender sollen auch Umweltsünder aufspüren

Aber auch Umweltveränderungen, Pestizidbelastung und der Klimawandel sollen mithilfe von Icarus besser dokumentiert werden. Gefährdete Wildtiere wie Nashörner oder Elefanten sollen besser geschützt und selbst die Wettervorhersage soll genauer werden, weil die Daten geeignet sind, in die Modelle zur Wettervorhersage einzufließen. Der Weg zu den Drahtziehern von illegalen Holzfällungen im Regenwald soll mithilfe der Minisender dokumentiert werden, und, und, und.

Icarus – seinen Traum hat Martin Wikelski nach dem Mann aus der Antike benannt, dessen Traum vom Fliegen wie eine Seifenblase zerplatzte. Der Wissenschaftler interpretiert Icarus allerdings neu. Der Begriff steht für „International Cooperation for Animal Research Using Space“, auf Deutsch: Internationale Zusammenarbeit für Tierforschung mithilfe des Weltalls.

Für die Verwirklichung seiner Idee hat der Forscher lange gekämpft. Doch in den USA, wo Martin Wikelski bis Ende 2007 an der Universität Princeton an der Ostküste lehrte, stieß er damit auf taube Ohren. Das änderte sich erst, als er nach Deutschland zurückkehrte.

Eine Amsel wiegt 100 Gramm - mit Sender 105

In einem Treffen mit Münchner Raumfahrtspezialisten wurden diese hellhörig, als Martin Wikelski seine Idee vorstellte. Der Kontakt zu dem Raumfahrtingenieur Naumann entstand 2012. Und der sah sich vor eine echte Herausforderung gestellt. Er sollte gemeinsam mit seinen Kollegen einen Sender bauen, der weniger als fünf Gramm wiegt, global funktioniert, eine Funkstrecke von rund 430 Kilometern bewältigen kann und sowohl in Eiseskälte als auch in Gluthitze einsetzbar ist. Auf das geringe Gewicht legte Wikelski Wert, weil er auch Vögel wie Amseln besendern wollte. 100 Gramm schwer, kann man ihnen maximal fünf Prozent ihres Körpergewichts draufsatteln, ohne ihr Verhalten zu stören.

Walter Naumann und seine Kollegen tüftelten. Verwarfen Ideen. Fertigten Analysen an, machten Simulationen, unterstützt durch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Sie hatten das Glück, dass sich in dieser Zeit in der Mobilfunkbranche viel tat und sie auf neue Minibausteine zurückgreifen konnten. Heraus kam ein Minisender, der mithilfe eines Fahrtenschreibers GPS-Positionen aufzeichnen, Temperaturen erfühlen, Beschleunigungen und Feuchtigkeit messen kann. Zudem verfügt das Multitalent über einen Magnetometer und einen Drucksensor. Was und wann er aufzeichnet und sendet, entscheidet der Nutzer. Nicht der Speicher gibt die Grenze vor, sondern die Energie, die über Solarzellen nachgeladen wird.

„Icarus kann die Welt verändern, Mensch und Natur zusammenbringen“, ist Wikelski überzeugt. „Die Beziehung Mensch-Natur erfährt eine neue Dimension, weil wir alle einladen, mitzumachen. Überall auf der Welt sollen Menschen dafür sorgen, dass es den Tieren gut geht. Kinder werden schauen können, was ihr Storch, der gerade in Afrika unterwegs ist, macht. Und sie werden auf die Barrikaden gehen, wenn ihre Singvögel, für die sie Patenschaften übernommen haben, in den Netzen von Vogelfängern verenden.“

Können Tiere Vulkanausbrüche "vorhersagen"?

Kritiker sind mit Wikelski hart ins Gericht gegangen. Manche haben den Wissenschaftler in die Nähe von Wünschelrutengängern gerückt. „Wie sollen Tiere vor Naturkatastrophen warnen?“, lautet eine Frage. „Beim Zoll werden Drogenspürhunde eingesetzt. Man weiß zwar nicht, was sie genau erschnüffeln, aber man weiß, dass es funktioniert“, kontert Wikelski. Er verweist auf Ziegenhirten am Ätna, die beobachtet hatten, dass sich ihre Tiere vor dem Ausbruch des Vulkans ganz anders verhalten. Die Konsequenz für den Wissenschaftler: Er stattete dort Ziegen mit den Sendern aus und nicht, wie ursprünglich geplant, Gänse oder Füchse. Diese Ziegen konnten offenbar größere Vulkanausbrüche tatsächlich um vier bis sechs Stunden „voraussagen“.

Mit den Russen arbeitet Wikelski zusammen, weil sie auf ihrem Teil der ISS „die besten Möglichkeiten haben, um unser Experimentalsystem anzubringen. Außerdem kommen viele Tierarten, die wir auf ihrem Zug beobachten wollen, aus Russland. Der westliche Teil von Russland hängt von der Zugstrecke her eng mit uns in Mitteleuropa zusammen.“

Wissenschaftler in aller Welt stehen in den Startlöchern. Sie haben, wie jetzt ein Symposium an der Universität Konstanz gezeigt hat, große Pläne. So wollen sie die gefährdete Saiga-Antilope besendern, deren Fehlen Folgen für die Steppen Russlands, Kasachstans und der Mongolei hat. Oder den ebenfalls bedrohten Sibirischen Tiger. Oder Nashörner, von denen es nur noch 40 000 gibt; vor zwei Jahren wurden allein in Südafrika 1300 illegal geschossen. Oder die Entstehung von Heuschreckenschwärmen verfolgen. Oder Fledermäuse beobachten. Wikelski will afrikanische Flughunde mit den Minisendern ausstatten, von denen man weiß, dass sie sich mit Ebola infizieren. Wo geschieht das? Wo entsteht Ebola?, lauten Fragestellungen.

Die Ingenieure am Bodensee arbeiten an einem noch leichteren Sender, der wie sein größerer Bruder viel schlafen wird, um Energie zu sparen. Mit ihm sollen Kleintiere ausgestattet werden. Die Ingenieure träumen von einem Sender, der nur ein Gramm wiegt, also fast federleicht ist. Icarus könnte damit noch größeres Gewicht bekommen.

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