Futtern über Kopf. Das Fressen an Meisenknödeln ist unbequem, doch die Vögel sind dabei einigermaßen sicher vor Katzen. Foto: picture alliance / dpap

Soll man Vögel füttern? Nahrung für die Tiere - und ein Erlebnis für Menschen

Roland Knauer
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Das Vogelfüttern im Winter ist beliebt – vor allem in Städten. Aber ist es auch sinnvoll? Vor allem, wenn noch kein Schnee liegt?

Die Tischmanieren lassen zu wünschen übrig. Ohne auch nur eine Sekunde Pause einzulegen, rafft der Typ mit der schwarzen Kapuze leckere Speisen in den Schnabel. Das meiste davon schleudert er gleich wieder weg, weil es offenbar nicht schmeckt. Doch das macht nichts, unten am Boden hüpft eine braun gekleidete Schar und liest alles auf, was von oben kommt. Auch der schwarz gewandete, meist stille Beobachter gibt die Zurückhaltung auf und mischt sich unter die krakeelende Gruppe. Wer eine Futterstation für Vögel auf dem Balkon oder im Garten hat, beobachtet jeden Tag neue Episoden dieser Soap Opera: Oben fliegen Kohlmeisen mit schwarzem und Blaumeisen mit blauem Gefieder am Hinterkopf zur Futterstelle, picken sich Sonnenblumenkerne und Weichfutter heraus. Unten streiten sich Sperlinge um alles, was von oben kommt. Auch die Amseln picken dort den einen oder anderen Krümel auf.

"Das Füttern löst keine Artenschutzprobleme"

Im Winter Vögel zu füttern, in mehr oder weniger aufwendigen Häuschen auf Balkonen, in Hinterhöfen, auf Terrassen und in Gärten, ist längst eine Art Volkssport. Und häufig wird die Frage aufgeworfen: Ist das wirklich gut für die Vögel, vor allem wenn gar kein Schnee liegt?

Ob es den Tieren viel bringt, daran hat Lars Lachmann einige Zweifel. „Das Füttern von Vögeln im Winter löst vermutlich keine Artenschutzprobleme“, sagt der Vogelschutz-Referent in der Berliner Zentrale des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Schließlich kommen an die Vogelhäuschen eher häufige Arten wie Meisen und Sperlinge. Vor allem jedoch haben viele Arten eher Probleme im Frühjahr und Sommer, wenn sie weder einen sicheren Ort, noch genug Kraftfutter in Form von Raupen und anderen Tierchen finden, um ihren Nachwuchs großzuziehen.

Ein Futterhaus bedeutet auch Verantwortung

Wenn Naturschutzorganisationen wie der Nabu trotzdem empfehlen, im Winter Vögel zu füttern, hat das einen anderen Grund: „Die Fütterung ist ein tolles Erlebnis und viele Menschen finden so leicht einen Draht zur Natur“, sagt der Ornithologe. Gleichzeitig übernimmt man mit dem Vogelhäuschen auch eine Verantwortung, weil sich die Tiere an den Futterplatz gewöhnen. Gibt es dort plötzlich nichts Fressbares mehr, bekommen sie Schwierigkeiten. Wer im Winter ein paar Wochen weg ist, sollte daher die Nachbarn bitten, nicht nur die Zimmerpflanzen zu gießen, sondern auch das Vogelfutter auf dem Balkon aufzufüllen.

Auch der Futterplatz sollte sorgfältig ausgewählt werden. „Am besten nimmt man ein Futtersilo“, sagt Lachmann. In dieses passt oft eine Wochenration. Wenn sich die Meisen – oder in der Nähe eines Parks vielleicht auch ein Kleiber – ihre Portionen abholen, rutscht von oben gleich Nachschub nach unten. Für die Vögel sind kleine Stangen angebracht, so verunreinigen sie mit ihrem Kot nicht etwa den Boden eines herkömmlichen Vogelhäuschens. Ein Silo beugt also auch Infektionskrankheiten bei Vögeln vor.

Katzen sind gefährlich

Gefahren lauern zudem in Fensterscheiben, die aufgeschreckte Vögel leicht übersehen; sie können sich so schwer verletzen. Deshalb sollte die Station möglichst weit von der nächsten Scheibe entfernt installiert und das Glas zusätzlich mit einem aufgeklebten, ultravioletten Muster gut für Vogelaugen sichtbar gemacht werden. Praktisch ist beim Füttern im Garten auch ein Busch in zwei oder drei Metern Entfernung, in den man flüchten kann, sollte ein Sperber es auf die pickenden Vögel abgesehen haben. Vor allem aber sollte das Futtersilo weit außerhalb der Reichweite von Katzen angebracht werden. Sie gelten als die schlimmsten Vogelfeinde in Siedlungen.

Der Ornithologe Lachmann fängt übrigens bereits im November mit dem Füttern an. In dieser Zeit entscheiden sich nämlich typische Gäste beim Vogelfutter wie Meisen, ob sie in mildere Gefilde ziehen oder nicht. Diese Entscheidung erleichtert man den Vögeln, wenn sie hier ausreichend Futter vorfinden. Im März, oder spätestens wenn der Schnee schmilzt, endet die Futtersaison, dann finden die Vögel in der Natur selbst genug. Zu dieser Zeit müssen die Tiere für Nachwuchs sorgen. Über den Winter gut gefütterte Vögel könnten kräftiger als Artgenossen ohne diese Unterstützung sein. Sie könnten damit, zumindest in der Theorie, einen Vorteil haben und mehr Küken großziehen.

Mehr Futter, mehr Nachwuchs? Studien widersprechen einander

Ob das tatsächlich stimmt, wollten Stuart Bearhop von der Universität von Exeter und seine Kollegen überprüfen. Doch sie erhielten widersprüchliche Ergebnisse. Fütterten die Forscher Blaumeisen in nordirischen Wäldern bis sechs Wochen vor Beginn der Brut mit Erdnüssen, brachten diese in jedem Nest ein Küken mehr durch als Artgenossen ohne Zusatzfutter. In den Wäldern Cornwalls im Südwesten Englands dagegen hatten Blaumeisen, die zusätzliches Fettfutter erhielten, acht Prozent weniger Küken. Wie diese widersprüchlichen Ergebnisse zustande kommen, darüber können die Biologen nur spekulieren. Möglicherweise hatten die Eltern wegen der guten Versorgung im Winter die Nahrungssituation im Frühjahr zu optimistisch eingeschätzt und daher zu viel Nachwuchs im Nest gehabt, dessen Schnäbel sie nicht schnell genug stopfen konnten, vermuten Bearhop und Kollegen. In weiteren Experimenten wollen sie der Sache auf den Grund gehen.

Ohnehin haben die im Winter gut gefütterten Vögel bei der Brut noch ganz andere Schwierigkeiten. Oft finden sie für den Nestbau weder eine Baumhöhle noch einen dichten Busch, der – am besten mit Stacheln – Katzen abhält. Wer seine Verantwortung für die Wintervögel auch im Frühjahr wahrnehmen will, sollte im Hinterhof und im Vorgarten einheimische Sträucher wie Schneeball, Schlehe und Sanddorn pflanzen, sowie Nistkästen aufhängen, in denen die Vögel ihre Küken großziehen können.

Was die Fütterung bringt, zeigt sich bei der "Stunde der Wintervögel"

Wie erfolgreich die Vogelfütterung im Winter ist, erfahren Interessierte bei der Stunde der Wintervögel vom 9. bis 11. Januar 2015. In einer Stunde zählen Freiwillige an diesen Tagen, wie viele Vögel verschiedener Arten sie im Garten, Schulhof oder auf anderen Plätzen sehen. Da die Aktion jedes Jahr wiederholt wird, sehen die Veranstalter vom Nabu mit der Zeit, wie sich die Zahl der relativ häufig vorkommenden Arten verändert. Bahnt sich eine dramatische Entwicklung an, haben sie so eine Chance, noch rechtzeitig gegenzusteuern. Wer mitmachen will, findet hier mehr Informationen und eine Zählhilfe mit Porträts der häufigsten Vögel in den Vorgärten.

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