Schüler werden kurz vor dem mittleren Schulabschluss kaum aufs Leben vorbereitet. Kompetenzorientiertes Lernen soll das ändern. Foto: dpa, Uli Deck
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Pisa-Wiederholungstest Von der 9. zur 10. Klasse lernen Schüler kaum dazu

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Praktisch kein Lernzuwachs vor dem Mittleren Schulabschluss: Pisa-Forscher fordern kompetenzorientiertes Lernen bis zum Ende der Schulzeit.

Wie gut sind Schülerinnen und Schüler kurz vor dem Mittleren Schulabschluss (MSA) auf ein selbstständiges Leben vorbereitet? Das Zeugnis, das die Bildungsforscherin und Mathematik-Didaktikerin Kristina Reiss, Professorin an der TU München, ihnen und ihren Schulen ausstellt, fällt mäßig aus. Einer von Reiss geleiteten Ergänzungsstudie zur internationalen Pisa-Studie 2012 zufolge verbesserten sich Jugendliche in Deutschland von der 9. zur 10. Klasse in Mathematik nur geringfügig und in Naturwissenschaften sowie Lesen gar nicht darin, ihre Kenntnisse im Alltag anwenden zu können. Kaum Lernzuwachs also für die 16-Jährigen vor dem Sprung in die Berufsausbildung oder an die weiterführende Schule.

Für die am Donnerstag veröffentlichte Studie „Pisa Plus“ hatte ein Team um Reiss den 2012 rund 4900 getesteten Neuntklässlern ein Jahr später erneut Pisa-Aufgaben vorgelegt. Der Alltagsbezug der Pisa-Aufgaben liegt darin, dass weniger Faktenwissen, sondern vielmehr Kompetenzen abgefragt werden, die „in modernen Gesellschaften für eine Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben notwendig sind“.

Schere zwischen leistungsstarken und -schwachen Schülern vergrößert

Bei den Aufgaben ging es in Mathematik unter anderem darum, die Grundfläche einer Wohnung zu berechnen. In Naturwissenschaften sollten beispielsweise aufgrund von Karten und Informationen zum Vulkangürtel „Pazifischer Feuerring“ Aussagen zur Erdbebenwahrscheinlichkeit in bestimmten Weltregionen gemacht werden. Eine typische Pisa-Aufgabe im Lesen ist es, Fahrten im öffentlichen Nahverkehr aufgrund eines Liniennetzes zu planen.

Die Schere zwischen leistungsstarken und -schwachen Schülerinnen und Schülern wurde beim Wiederholungstest in Mathematik und Naturwissenschaften größer. Ebenso die zwischen den Schularten: Während die Jugendlichen auf Sekundarschulen, die mit dem MSA abgehen, insgesamt keine Lernfortschritte machten, haben sich die Gymnasiasten durchaus verbessert. Hauptschüler sind wegen der zu geringen Zahl von Übergängern von der 9. zur 10. Klasse nicht berücksichtigt worden, sagt Reiss. Erfreulich sei aber, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund vor dem MSA insgesamt gleichauf mit solchen ohne Migrationshintergrund liegen, was die Entwicklung während der 10. Klasse angeht. Allerdings sei ihr „Ausgangsniveau niedriger“ gewesen.

Migranten in der Grundschule besser fördern, Mädchen in der Mittelstufe

Auch bei Mädchen und Jungen verlief die Entwicklung ähnlich, heißt es. Allerdings holten die Mädchen in Klasse 10 in Mathematik ein wenig auf.
Im Jahr vor dem MSA gelinge es offenbar, Schülerinnen und Schülern „unabhängig von ihrer Biografie gerecht zu werden“, heißt es zu den Migranten. Um die „generell großen Leistungsunterschiede“ zu den Nichtmigranten zu verringern, müsse vor allem im Grundschulalter angesetzt werden, betont Reiss. Für die etwas schwächeren Mathe-Leistungen der Mädchen sei dagegen die Zeit von der fünften bis siebten Klasse besonders relevant.

Eine Erklärung für den mangelnden Lernzuwachs bei Sekundarschülern vor dem MSA sieht das Team um Reiss in der Prüfungsvorbereitung während der 10. Klasse. Hier komme die Kompetenzorientierung offensichtlich zu kurz. Das belegen auch Vergleichsaufgaben aus der deutschen Ländervergleichsstudie zu den Bildungsstandards, die mehr an den Lehrplänen ausgerichtet sind. Hier schnitten die Zehntklässler besser ab.

Als nächstes kommt die internationale Grundschul-Lese-Studie

Wie aussagekräftig aber sind die Ergebnisse des Nachtests von 2013 heute noch? Von Pisa 2012 zur zuletzt veröffentlichten Pisa-Studie von 2015 habe sich weder am Typ der Aufgaben noch an der schulischen Situation Grundlegendes geändert, sagt Reiss. Zeitlich sei die Auswertung der neueren Studie vorgegangen. Die deutschen Schülerleistungen im internationalen Vergleich stagnierten zwischen Pisa 2012 und 2015, der Anteil der Risikoschüler war sogar gestiegen. Wie es aktuell um die Grundlagen im Lesen bestellt ist, wird die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2016 zeigen, die am 5. Dezember veröffentlicht wird.

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