Der Soziologe Niklas Luhmann Foto: imago/teutopress
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Niklas Luhmann zum 90. Er dachte mit dem Zettelkasten

Valentin Feneberg
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Niklas Luhmann revolutionierte einst die Gesellschaftstheorie. Am Freitag wäre er 90 Jahre alt geworden – und wird mit neuen Editionen gefeiert.

Nichts weniger als eine Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ war die Aufgabe des Supercomputers „Deep Thought“ in Douglas Adams Science-Fiction-Klassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“. Nach immerhin 7,5 Millionen Jahren Rechenzeit lieferte er die berühmte und vollständig unbefriedigende Antwort: 42.

Der Supercomputer der Soziologie stand nicht auf einem fernen Planeten, sondern hatte sein Büro in Bielefeld. Als Niklas Luhmann 1968 seine Professur an der gerade neu gegründeten Universität aufnahm, wurde ihm ein Fragebogen ausgehändigt, auf dem er seine Forschung skizzieren sollte. Seine Antwort war ein legendärer Einzeiler: „Projekt: Theorie der Gesellschaft. Dauer: 30 Jahre. Kosten: keine.“

Zugegeben: Eine Theorie der Gesellschaft ist noch nicht die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Der Schwierigkeitsgrad liegt aber auch nicht sehr weit darunter. Außerdem sind 30 Jahre eine deutlich beeindruckendere Zeit als mehrere Millionen. Und im Gegensatz zu „Deep Thought“, der nach seiner Antwort herummeckerte, dass die Frage zu vage gestellt war, lieferte Luhmann. Kurz vor seinem Tod erschien 1997 mit dem Buch „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ die Abrundung des monumentalen Werkes, knapp dreißig Jahre nach seiner lapidaren Ankündigung.

Am 8. Dezember wäre Niklas Luhmann 90 Jahre alt geworden – ein Anlass, sich an seine umfassende Gesellschaftstheorie zu erinnern, die trotz ihrer Komplexität und ihres Umfangs noch immer zahlreiche Anhänger hinter sich versammelt. Niklas Luhmanns Werk ist genauso Klassiker wie Douglas Adams intergalaktischer Anhalterfahrt. Nur dass bei Luhmann die Science ohne Fiction auskommt.

Die sozialen Systeme folgen ihrer ganz speziellen Logik

Luhmanns Antwort auf die Frage einer umfassenden Beschreibung der Gesellschaft lautete „Systemtheorie“. Danach besteht die moderne Gesellschaft nicht mehr aus Gruppen einzelner Personen, aufgeteilt in Klassen oder Stände, sondern aus Typen von Kommunikation, aus sozialen Systemen, etwa Wirtschaft, Politik, Recht oder Kunst.

Die Systeme übernehmen eigene Funktionen und strukturieren so die ansonsten viel zu komplexe Gesellschaft. In ihren jeweiligen Kontexten wird Verhalten erwartbar, weil sie jeweils einer ganz speziellen Logik folgen. In einer Gerichtsverhandlung stimmen nicht am Ende alle Beteiligten ab, wie es etwa im politischen System der Fall ist. Der Richter urteilt auch nicht nach ästhetischen Maßstäben: Recht ist keine Kunst. Entscheidungen in der Politik werden dagegen demokratisch herbeigeführt – und nicht etwa durch die Übermittlung größerer Geldbeträge. Das gibt es auch, man nennt es dann aber Korruption. Im Wirtschaftssystem wiederum leiten Angebot und Nachfrage die Kommunikation, maßgeblich ist das Medium Geld. Und nur weil im Grundgesetz steht, dass alle Menschen frei und gleich geboren sind, muss in ökonomischer Hinsicht noch lange nicht alles gleichmäßig verteilt werden.

Sogar Liebesbeziehungen analysierte er systemtheoretisch

Frei handelnde Individuen treten bei Luhmann grundsätzlich in den Hintergrund, was seine Theorie vor allem bei den Linken verdächtig machte. Er aber wollte die Gesellschaft beschreiben, nicht verbessern.

Bevor Luhmann sehr spät an die Universität fand, hatte er als Verwaltungsmitarbeiter hautnah erlebt, dass der einzelne Mensch beispielsweise im Bürokratieapparat weitgehend austauschbar war. „Der Weg zum Konkreten erfordert den Umweg über die Abstraktion“, schrieb Luhmann in seinem Buch „Liebe als Passion“. Denn sogar Liebesbeziehungen analysierte er systemtheoretisch. Die Liebe ist dann eben kein Gefühl mehr, sondern eine „Codierung von Intimität“, eine „ganz normale Unwahrscheinlichkeit“.

Das Werk, in dem er diese Theorie sein Leben lang beackerte, besteht aus etwa 600 Veröffentlichungen, darunter allein 50 meist sehr umfangreiche Bücher. Nach seiner Produktivität gefragt, verwies Luhmann stets auf seinen berühmten Zettelkasten. Über 90 000 Zettel sammelte er ab den 1950er Jahren in dem unscheinbaren Schränkchen aus Buchenholz. In ihm hielt Luhmann alles fest, was er las, und vor allem, was er sich dabei dachte. Er betonte oft, dass ihn das weit mehr Zeit koste als das Bücherschreiben selbst.

Wenn Luhmann den Pfaden der bei seinen Lektüren beschriebenen Zettel folgte, stieß er immer wieder auf neue Fundstücke und Verknüpfungen. 24 000 der Einträge sind digital veröffentlicht. Foto: Katja Illner/Kunsthalle Bielefeld
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Die Krux des Kastens war ein ausgeklügeltes Verweissystem, mit dem die Zettel untereinander verbunden waren. Das machte ihn zu weit mehr als einem bloßen Archiv oder einer Literaturverwaltung. Der Zettelkasten führte eine Art Eigenleben, er kommunizierte mit Luhmann. Denn immer fanden sich unerwartete Fundstücke, wenn er den Pfaden durch die dünnen Zettel folgte. Er denke nicht alles allein, sagte Luhmann Mitte der 90er Jahre in einem Interview. „Das geschieht weitgehend im Zettelkasten.“

Seit Kurzem steht der mythische Zettelkasten im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens „Theorie als Passion“ an der Universität Bielefeld. Projekt: Erschließung des Luhmann-Nachlasses. Dauer: 15 Jahre. Kosten: fünf Millionen Euro. André Kieserling, Luhmann-Schüler und sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, leitet das Projekt. In dessen Rahmen soll unter anderem der Inhalt des Zettelkastens der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden – in einer kritischen, auch digital verfügbaren Edition.

Online kann man sich durch 24 000 Zettel klicken

Bisher konnte man ihn nur von außen bewundern: In den vergangenen Jahren war der helle Holzkasten Exponat bei Ausstellungen in Marbach, Bielefeld und Dresden. Um dem Verfall zuvorzukommen, haben Kieserling und sein Team bereits Tausende Zettel gescannt und schon jetzt online veröffentlicht. Auf der Projekthomepage kann man sich nun durch die ersten 24 000 Zettel klicken und versuchen, Luhmanns flinke Handschrift zu entziffern und den Verweisen zu folgen.

In einem zweiten Schritt sollen nun alle Zettel vollständig digitalisiert und mit Hyperlinks versehen werden, um die Verweistechnik handlicher benutzen zu können. Nicht auszudenken, Luhmann hätte selbst schon die Möglichkeit gehabt, so durch seinen Zettelkasten zu surfen. Seine Publikationsliste ginge vielleicht in die Tausende.

Faszinierender als die Verweislogik, die vermutlich ohnehin nur Luhmann selbst verstand, findet Kieserling allerdings den inhaltlichen Reichtum der Zettel. „Wir können jetzt die Entstehungsgeschichte der frühen Werke mitverfolgen.“ Als intellektuelle Autobiografie stehen Luhmanns Gedankenwege nun zur Verfügung und werden nachvollziehbar. So war Luhmann etwa bekannt für sein zwar autodidaktisch erlerntes, aber stupendes Wissen der abendländischen Philosophie. Die Kommentare, die sich nun auf den Zetteln zu Aberhunderten Werken fänden, seien beeindruckend in ihrer Originalität. „Die Philosophen werden noch merken, was sie an Luhmann haben“, freut sich der Soziologe André Kieserling.

Für seine Systemtheorie brauchte er weniger als zehn Jahre

Die zweite Aufgabe des Bielefelder Projekts ist die Herausgabe der restlichen unveröffentlichten Manuskripte des schreibwütigen Luhmann. Seit seinem Tod erscheinen in zuverlässiger Regelmäßigkeit Bücher des Soziologen, die publikationsfertig im Nachlass lagern. Zu Luhmanns 90. Geburtstag wird nun bei Suhrkamp das Buch „Systemtheorie der Gesellschaft“ publiziert, eine 1975 entstandene, aber bereits weitgehend fertig entwickelte Gesellschaftstheorie aus seiner Feder. „Das ist ohne Frage die soziologisch reichhaltigste Version einer umfassenden Theorie der Gesellschaft, die aus Luhmanns einzigartigem Forschungsprojekt hervorgegangen ist“, sagt Kieserling, der den über 1100 Seiten schweren Wälzer herausgibt.

Das bedeutet aber auch, dass Luhmann dann keineswegs 30 Jahre für seine Gesellschaftstheorie gebraucht hat, sondern unter zehn. Kieserling geht noch weiter: Luhmann habe seine Gesellschaftstheorie schon weitgehend in der Tasche gehabt, als er den Fragebogen der Universität ausfüllte. „Sonst hätte er den Mund nicht so voll genommen.“

Aber wie ist es um die Rezeption Luhmanns im wissenschaftlichen Betrieb bestellt? In interdisziplinärer Hinsicht etwa verstand es der Universalgelehrte Luhmann stets, Anschluss an andere Fächergruppen zu finden und mit ihnen auf Augenhöhe zu diskutieren. Die Systemtheorie wird auch heute noch für die verschiedensten Fragestellungen nutzbar gemacht. So hat etwa der Literaturwissenschaftler Oliver Jahraus von der LMU München systemtheoretische Methoden in sein Fach eingespeist, der Kulturwissenschaftler Fabian Kupper nutzt Luhmanns Theorie zur Erklärung der Evolution erzählerischer Komplexität in der amerikanischen Crime-Serie und Frank Becker von der Universität Duisburg-Essen verwendet die Theorie in der Geschichtswissenschaft.

Bei den Soziologie-Studierenden ist Luhmann nach wie vor beliebt

In der Soziologie ist Luhmann mindestens bei den Studierenden nach wie vor attraktiv: Eine Umfrage zu deren Präferenzen ergab 2014, dass Luhmann mit Max Weber und Pierre Bourdieu Teil eines die Theorielandschaft dominierenden Dreiergespanns ist.

Andererseits ist es um diese Theorielandschaft nicht allzu gut bestellt. In einer Zeit, in der die empirische Sozialforschung auf dem Vormarsch ist, steht ein Theoriegigant wie Niklas Luhmann nicht hoch im Kurs. Kieserling ist trotzdem vorsichtig optimistisch: „Vielleicht gibt es in wenigen Jahren eine Luhmann-Renaissance“, sagt er. Das Schicksal derartiger Theorien sei einfach sehr zufallsabhängig.

In der „Systemtheorie der Gesellschaft“ schreibt Luhmann, das Symbol unserer Gesellschaft sei die „schwindelerregende Exponentialkurve“. Er beobachtet eine „Bewegung hin zum Komplexen“, die in der rasant ansteigenden Kurve ihren Ausdruck findet.

Mit dieser Komplexität nimmt es Luhmann in seiner Theorie auf. Begleitet man ihn dabei, geht es erst einmal steil und mühsam bergauf. Aber der Ausblick lohnt sich.

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